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nnpppol Saar⸗-Sänger-Bund un
puh Seite 235
Helga Muntius.
He ga Nuntius hatte die Loge des Hausmeisters betreten
2und thren Namen genannt. Sie haätte erwartet, in dem
Wärter des Konservatoriums eine Art musikalischen Hans
Sachs zu finden, nur älter, mit einem seinen, lieben
Sesichtchen, auf dem die Mitsreude an der Welt der Töne
um ihn her wie eine immerwährende Verklärung lag.
Und sie fand einen groben, korpusenten Mann, der seiner
Stimme einen polternden Unterofsizierston gab, als stände
er hier als Stellvertreter höchster direktorialer Gewalt.
„Ich werde erwartet“, sagte sie und glaubte noch immer,
der Mann würde ihre Hand ergreisen und sie im Triumph
dr Lehrerkorlegium führen. „Hier ist sie, auf die ihr
wartet.“
„Sie werden sogar schon lange erwartet, Fräulein“,
verbesserte der Mann scharf. „Sol mich nur wundern, ob
man Sie heute überhaupt noch anhbören wird. Unpünktlich—
keit gibt's hier nicht.“
Er schritt ihr ohne weiteres vorauf, und während sie
hren Fuß leicht machte, um die Heiligkeit des Ortes nicht
zu stören, ließ er seine Schritte gewichtig auf den Fliesen
erschallen, daß es beängstigend laut an den Wänden wider—
hallte. Sie wagte nur scheu, den Kopf zu heben und durch
das weite Treppenhaus einen Blick nach den oberen Etagen
zu senden. Aber das Ohr war offen. Und sie vernahm aus
allen Zimmern ein geheimnisvolles Singen und Klingen,
ein Stüdieren und Musizieren, dort die perlenden Läufe
einer Klavierpassage, die sich wiederholten und wiederholten
als könnten sie sich nicht genug tun an ihrem spiegel—
hlanken Flusse, dort eine eige deren plötzliches Auf
schluchzen fast wie eine leidvolle Menschenstimme klang
das TJang anhaltende lockende Schmeicheln einer fernen
Flöte, und hier und da und überall Gesang, Tonleitern
und Triller, Vokalisen von Aprile und Concone, Uebun—
zgen der Marchesi. Eine wundervol!— geschulte Sopranstimme
eganen die Kanzone des Cherubim aus „Figaros Hoch—
reit“:
„Ihr, die ihr Triebe des Herzens kennt,
Sprecht, ist es Liebe, was hier so brennt?“
Da blieb Helga Nuntius stehen und lauschte. Ihr Ge—
sichtcher wurde ganz weiß vor innerer Aufregung, und
die Augen weiteten sich übernatürlich groß und hatten
rinen ernsten, starren Glanz.
Liebe, Liebe, ging es ihr durch den Mädchenkopf. Was
ist Liebe gegen die Kunst... Kunst, Kunst, sonst will ich
nichts. Gotte im Himmel, ob ich das je erreiche? So zu
singen wie die da drinnen? Und sie wurde ganz krein—
mütig.
„Sie sollen eintreten, Fräulein“, rief sie der Hausmeister
an und lUieß die Tür offen, durch die er soeben dem Direk
tor seine Meldung gemacht hatte.
Da stand sie in einem langgestreckten, kahlen Raum,
dessen Mitte ein schwarzpolierter Konzertflügel einnahm,
bor dem sich eine Anzahl! Herren und Damen in lautem
Bespräch bewegten. Nun verstummte das Gespräch. Alles
sah auf sie hin. Dann sagte eine harte, geborstene Stimme:
Donnerwetter ...“
Der Direktor, groß, vornehm und schlohweiß, unter—
drückte ein Schmunzeln über den unparlamentarischen Aus—
druck. Er trat auf sie zu und bot ihr die Hand. „Fräulein
Nuntius, wie ich höre“.
Sie nickte befangen, sah ihn stumm an und vergaß
'ast das Knicksen.
Sonderbare Augen, dachte der alte, lebenskundige Kon—
ervatoriumsleiter. Die ganze Gestalt wie ein Jugendtraum,
und die Augen ohne alle Jugend.
Dann sagte er aut: „Das Lehrerkollegium unserer An—
stalt.“ Und er nannte die Namen.
„Na, eine Patschhand können S' mir schon geben, Klei—
nes“, ertönte da wiederum die harte, geborstene Stimme
„Was treibt die Frau Mutter? Hübsch gssund? Wird Ihnen
erzählt haben, daß ich sie auch einmal als Kleines unter
der Fuchtel gehabt hab'. Jetzt ist sie ja die große Nun—
tius.“ Es war ein Griesgram in der Stimme, aber ein
gemütlicher Griesgram.
dne Nuntius sah ihm in das vertrocknete, faltenreiche
Besicht, in dem die grauen Bartstoppeln kleine Kolonien
grundet hatten. Sie wußte, sie stand vor ihrem Lehrer.
Vor dem Mann, der ihr in den nächsten zwei Jahren das
detzte und Tiefste ihrer Kunst offenbaren sorlte, soweit es
in der Konservatoriumsausbisdung ein Letztes und Tief—
stes gibt. Ihre Phantasie hatte ihr sein Bild gezeigt mit
einem Jupiterkopf und einer flammenden Stimme. Ppo—
sessor Faller! Mit scheuer Verehrung hatten ihre Gedanken
zu ihm die Augen aufgeschlagen wie zu einem Ueberirdi—
schen. Da stand er, lang und schlotterig, knickte beim Gehen
in die Knie und sprach mit dem heiseren Beiklang des
alten Weinkenners.
„Ja, ja, die kleine große Nuntius ...“
Mria hat mir herzltiche Grüße aufgetragen“, sagte
sie leise.
„So, so. Absfo denken tut sie doch noch an den Faller?
Schön is'. Und merken Sie sich's, Kleines. Es ist was
Schönes um die Dankbarkeit.“
Einige der Herren machten es wie der Direktor vor
kurzen Augenblicken: sie schmunzelten.
Dann aber hielt es der Leiter der Anstalt an der
Zeit, die Zügel der Unterhaltung selbst wieder in die
Hand zu nehmen. „Ihre Frau Mutter hat Sie unterrich
tet. Seit wie lange?“
„Seit zwei Jahren.“
„Vorher haben Sie keinerlei Gesangunterricht gehabt?“
Nur' theoretisch. Mutter wohlte meine Stimme nicht
anfassen, bevor ich siebzehn Jahre war.“
„Sehr gescheit. Erst den Körper trainieren. Singen ist
keine Spielerei, wie sich die liebe Menschheit immer en—
bildet. Das greift an wie Ackern und Pflügen, Säen und
Ernten.“
„Ein Hundeleben!“ knurrte die geborstene Stimme, „bel—
len und heiser werden.“
„Abso neunzehn Jahre zählen Sie, und seit zwei Jahren
hatten Sie geregelten Unterricht?“ fuhr der Direktor fort
War Ihre Frau Mutter denn nicht auf Gastspiecreisen?“
„Seit dem Tode meines Vaters — —“ begann das
Mädchen und sah geradeaus.
„Ah — Ihr Vater ist tot?“
Er verunglückte auf der Jagd. Vor zwei Jahren. Da
zlieb Mutter daheim. In dem Jagdhaus, das Vater sich
zgebaut hatte. Sommer und Winter mitten im Kaufunger
Ward. Zuerst hat Mutter mich unterrichtet, um — um
über den Schmerz hinwegzukommen. Dann sah sie darin
einen Ausgleich für die eigene Kunst, die sie nicht mehr
ausüben wollte. Und dann — dann kam es über sie,
und sie hatte keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht, und
sie mußte wieder hinaus. — Ich kann das wohl verstehen“
fügte sie ruhig hinzu.
Der Direktor sagte eine Zeitlang nichts. Er blickte sie
nur an und studierte sie. Dann fragte er wohcwollend;
„Und nun möchten Sie den Rest Ihrer Ausbitdung bei
uͤns genießen? Ihre Frau Mutter hat uns das Honorar
für einen zweijaͤhrigen Kursus eingesandt.“
„Der Impresario, der Mutter abhoͤte, glaubte, daß die
Tournee durch Eng!and und Amerika solange dauern würde
VieJeicht auch länger.“
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Passsage-Hausnnaus A. G. ur öαανä