Full text : 6.1928-1929 (0006)

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uspr Nr. 10

Mein Lebensltanf.

J m elterlichen Hause wurde viel Musik getrieben.
A Mein Vater, der in der Musikalienverlagshandlung
seines Onkels, Anton André in Offenbach a. M., die
dehre gemacht und sich gleichzeitig unter Aloys Schmidt
in. Frankfurt a. M. zum tüchtigen Klavierspieler aus
gebildet hatte, hielt darauf, daß jeder seiner 5 Söhne
außer dem Klavier auch noch ein anderes Instrument
spielen lernte, wodurch die Vorbedingungen geschaffen
waren zur Pflege vielseiriger Hausmusik. Mit 12 Jahren
durfte ich in den Abonnements-Konzerten der Allge—
meinen Musikgesellschaft meiner Vaterstadt Basel im
Orchester bei der zweiten Geige mitspielen. Von 1857
bis 1860 besuchte ich
das Konservatorium in
Leipzig und genoß
den Unterricht von Da—
vid, Playdy, Richter,
Hauptmann und Rietz.
Während meiner dor—
tigen Studienzeit wur⸗
den in den Vortrags—
übungen des Instituts
mehrmals Komposi-⸗
tionen von mir auf—
zeführt: Lieder für
eine Singstimme; Kla—
dierstückke und eine
Sonate für Klavier
und Violine. Den
Sommer 1860 brachte
ich als zweiter Konzert—
meister des Konzert—
orchesters von Biltze
in Warcken zu und
ehrte im Herbst noch—
mals für ein halbes
Jahr nach Leipzig zu⸗
rück. Dann folgte ein
mehrmonatiger Auf—
enthalt in London,
wo ich, dank warmer
Empfehlungen einzel—
ner meiner Leipziger
Lehrer, in Kreise ein—
geführt wurde, die
mir für mein wei—
teres Fortkommen in
der Weltstadt sehr nützlich hätten werden können.
Mit der Absicht, nach einigen Monaten nach London
zurückzukehren, reiste ich mit Beginn der warmen
Sommermonate nach der Heimat, wo meine Pläne für
die Zukunft indessen einer ganz anderen Richtung ent—
gegengeführt wurden. Julius Stockhausen, der be—
rühmte Sänger, war mit meinem Bater befreundet
und eröffnete diesem bei einem Besuch, daß er in dem
rahe gelegenen Vogesenstädtchen Gebweiler die
direktion eines Chores und eines Liebhaberorchesters
übernommen habe in der Absicht, sich die nötige Uebung
im Dirigieren aneignen, um später eine Dirigenten
stelle in größeren Verhältnissen annehmen zu können
Da er aber seine Konzertreisen als Sänger nicht ein—
zustellen beabsichtige, suche er einen jungen Musiker

zu gewinnen, der in seiner Abwesenheit die Proben
leiten würde, wobei nicht ausgeschlossen wäre, daß
dieser auch hie und da mit der Direktion eines Kon—
zertes betraut würde. Er habe dabei zunächst an mich
gedacht. Es bedurfte keiner langen Ueberredung, um
in mir den Entschluß reif werden zu lassen, die Stelle
anzunehmen.
Meine Tätigkeit in Gebweiler begann im September
1861 und dauerte bis Juni 1863. Der häufige Um—
gang mit einem so feinen Musiker wie Stockhausen
blieb nicht ohne wohltätigen Einfluß auf meine
musikalische Weiterentwicklung, die auch durch häufiges
4 Musizieren mit Frau
Clara Schumann, die
mehrmals zu längerem
Besuch befreundeter
Familien nach Geb—
weiler gekommen war
sehr gefördert wurde
Doch ließen es die be—
schränkten Verhältnisse
der kleinen Stadt rat—
sam erscheinen, daß
ich mich nicht allzu
fest in ihr einwur—
zelte, und da ich von
Zürich die Anfrage
erhielt, ob ich geneigt
wäre, die Stelle des
Konzertmeisters beim
neu gegründeten Or
chesterverein anzuneh
men, folgte ich gern
diesem Ruf. Im Sep—
tember 1863 trat ich
in meine neue Stel—
lung ein, die mich zu—
nächst mit dem Theater
in Berührung brachte
Außer den Funktionen
eines Konzertmeisters
oblag mir auch das
Einstudieren der
Opernchöre. Im zwei—
ten Winter begegnete
dem Kapellmeister wäh—
rend der Opern-Vor
stellung ein Unfall, der zur Folge hatte, daß ich
nicht nur die Vorstellung zu Ende dirigieren mußte,
sondern daß man mir die Leitung aller Opern—
vorstellungen für mehrere Wochen auftrug. Hier
bei hatte ich Gelegenheit, mich über meine Be—
fähigung zum Dirigenten auszuweisen, und als im
Herbst 1865 die Allg. Musikgesellschaft und der
Oratorienverein ihre Dirigenten neu zu bestellen
hatten, wurde mir dieser Posten anvertraut. In
dieser Stellung, zu der zehn Jahre später noch die
jenige des Direktors des Konservatoriums hinzukam
bin ich geblieben, bis ich mich mit Rücksicht auf
mein vorgeschrittenes Alter veranlaßt sah, die Leitung
jüngeren Kräften zu geben

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—Friedrich Hegar,
            
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