Full text : 6.1928-1929 (0006)

Nr. 9 10144 Vu.

Aausthhh Saar⸗Sänger-Bund sss

*JIIj Seite 2238

hören, die zweite unter Speicher mit zwei weiteren ver—
diente Lorbeeren. Prachtvorl interpretierte Professor
Skohdutil mit seiner wackeren Schar die H-Moll-Sym—
ohonie, die Ballettmusik und die Ouvertüre zur Rosamunde.
Die ganze Veranstaltung war auf eine würdige Ge—
dächtnisfeier abgestimmt

die geschmackvolle Aufstellung des Programms. In einem
wirkungsvollen strafferen Zeitmaß als sonst üblich erklang
„Weihe des Gesanges“ von Mozart und der weniger be—
kannte Chor „Sonnenaufgang“ von Cornelius. In dem
glänzenden Stimmungslied „IIn den Alpen“ von Hegar
zffenbarte der Chor seine technische Schulung, und, woraui
Chormeister Bastian besonders bedacht ist, die außerordent—
liche Beweglichkeit der einzelnen Stimmen. Weitere Chöre
vie das ebenfalls fast unbekannte lyrische „Gondellied“
don N. Gade, „Meister und Gesell“ von Zelter, sowie 8
Volksliederbearbeitungen ernteten starken Beifall. Als
Solistin des Abends sang Lilli Tempel, Saarbrücken, sich
schnell in die Herzen der andächtig lauschenden Zuhörer
ein. Mit warmer Stimme sang sie Lieder von Strauß.
Brahms, Pfitzner, Beethoven, Arien von Lortzing, Puceini
Joh. Strauß. Sie wurde vom Chormeister feinsinnig be
gleitet.
Gau Warndt.
M.⸗G.⸗WV. „Euterpe“ Großrosseln veranstaltete ein Ge—
angskonzert, das im Rahmen einer Schubertfeier gehalten
eiwen schönen Verlauf nahm. Die Lieder, die der Verein
unter der vorzüglichen Leitung des Dirigenten Latwein
sang, fanden großen Beifall. Nämentlich „Den Entfernten“
don Schubert und „Die Vesper“ von Beethoven zeigten
zroßen Fleiß und schönes Können. Es ist dem Verein sehr
zu danken, daß er sich auch diesmal die beliebte Gesangs—
künstlerin Frl. Maria Fritsch für den Abend verpflichtet
jatte. Ihr Sopran kam besonders in Schuberts „Groß ist
Jehova“ und Mozarts „Neue Freuden, neue Schmerzen“
holl zur Geltung. Ihr Klavierbegleiter Wallerius wußte
mit guter Technik und feinsinnigem Verständnis für klang
iche Schönheiten ihren Vortrag zu unterstützen.

Gau Wadgasfen.
Jüngst waren die Männergesangvereine St. Gervastus
Trier und „Cäeilia“ Saarburg bei dem Gesangverein
„Konkordia“ Bous zu Gast. Um 1111 Uhr vormittags fand
zine schlichte und eindrucksvolle Gefallenengedenkfeier am
Kriegerdenkmal statt. Nach der Gedenkrede des Vor—
sitzenden des Trierer Vereins erfolgte Kranzniederlegung.
Hierauf sangen die drei Vereine unter der Stabführung
des Leiters der beiden Gastvereine, Musikdirektor und Kom—
ponist Edgar Hansen, Trier, das „Sanetus“ von Schubert.
Unter dem Motto „Was das Turnen für den Leibd, ist
das Singen für die Seele“ fand nachmittags um 4 Uhr
bor ausverkauftem Hause im Lokale Gabriel ein Werbe
onzert mit Schubertehrung statt. Chöre von Kaun, Hegar,
Schubert, Moldenhauer, Baumann und solche des Trierer
Chormeisters wurden sehr gut vorgetragen. Abends folgte
m Lokale Gabriel ein Festabend. Bei Musikvorträgen und
kurnerischen Vorführungen verlebte die Sängerschar einige
gemütliche Stunden. Den Abschluß bildete am Montag
norgen ein Ausflug nach dem Ehrental bei Saarbrücken.
M.⸗G.e⸗V. Sangeslust Hostenbach veranstaltete sein zweites
Konzert in diesem Jahre. Ein gutes Zeichen des rührigen
Vereins, seitdem Chormeister Alb. Bastian, Saarbrücken,
bor einem Jahr den Chor übernommen hat. Welchen künst—
lerischen Zielen Verein und Dirigent zustreben, zeigt schon

Betrogenes Volk.

Armenien ist ein „Siegerstaat“. Es, unterstützte
im Weltkrieg die Alliserten und erhielt dafür die
Freiheit „zugesichert“ Am 9. November 1916, 5. Februar
1918 und 11. März 1920 „gewährleistete“ die englische
Regierung die Befreiung der armenischen Nation von
fremdem Joch, am 11. März 1918 die französische des—
gleichen. Weitere Mächte wußten ebenfalls, was sie ihrem
Rtenommee als Friedenshirten schuldig waren. Das Welt—
gewissen ruhte ftillvergniigt in dem beruhigenden Narko—
tikum, ein wahrhaft pazifistisches Gelöbnis getan zu haben
Leider aber gibt es in Europa außer Staatsmännern hell—
hörige Journalisten, die behaupteten, noch seien Aber—
tausende von Armeniern heimatlos und warteten, daß
man ihnen Land und Brot gebe. Dabei wurden die alten
Beschichten wieder aufgerührt von den Greueln der Türken
gegen die Armenier, die Deutschland nicht verhindern
fonnte, von den berüchtigten „Leichenkarren“ und unheim—
lichen „Deportationskolonnen“ — sprich Hinrichtungskolonnen;
män erzählte beispielsweise, daß von einem 20 000 Männer,
Frauen und Kinder starken Todeszug nur ein paar hundert
dandwerker übrigblieben, lebende Leichname, die wohl zu
nützlich zum Sterben waren. Die armenischen Konsulate
erklärten, wenn nicht bald Hilfe käme, müßten ungezählte
Landsleute in und vor den Grenzen der Heimat ver—
hungern. Schließlich schenkte sogar der Völkerbund diesen
Stimmen wohl oder übel Gehör. Die Genfer Politiker
bekamen erschütternde Berichte vorgesetzt, Bilder des
Grauens wurden vor ihnen aufgerollt — und Genf machte
eine schöne Geste: Es forderte seinen Oberkommissar Fridtjof
Nansen auf, das Uebel an der Quelle zu studieren und
ein Gutachten vorzulegen. Da geschah das Unerwartete:
der berühmte Philanthrop weigerte sich, dem Ruf zu
olgen. Hier offenbarte sich ein neuer Wesenszug Nansens,
oder war es bittere Erfahrung, die ihn schreckte? Die
größte Seele Europas, wie ihn Romain Rolland genannt
hat, war anscheinend mißtrauisch geworden. Der Menschen—
freund mißtraute den Menschenfreunden von Beruf. Aber
er reiste schließlich doch, wohl bezwungen von seiner Güte
und seinen Willen, zu helfen. Eine grausame Tragödie
begann. Der fast Siebzigjährige, dessen Seele noch jugend—
lich brannte, zog zu Fuß, zu Pferd und Wagen durch ver—
ohlte Trümmerstätten, zerfallene Herrlichkeit, an zer—
schossenen Palästen und Hütten vorbei. über brachliegende

Felder unter lachender füdlicher Sonne, durch wenige
zrüne Oasen, die das traurige Bild der Zerstörung selten
aͤblösten und den Schatten nuür schwerer machten. Menschen
sah er, die ihn um Hilfe anschrien, Kinder, denen der
Engel zur Seite stand, Greise, die vor Erschöpfung
vankten. Fieberhaft ging der alte Kämpfer an die Arbeit,
zilte dann zurück nach Genf, um Geld und Kanäle zu
sordern, die das Land fruchtbar machen sollten. Jetzt ent
züllte fich das steinerne Antlitz der Wahrheit: Der Völker—
zund, der Hüter der Schwachen, rührte keinen Finger
für jenes „kleine, blutende, aber begabte Volk ohne Oel—
felder und ohne Goldminen“! Nansens leidenschaftliche
Proteste wurden zwar gehört, verhallten aber erfolglos
So ging er denn den Weg, den er gehen mußte. Er be—
zgann selbst die Verteidigung einer heimatlosen, geknechteten
Masse und damit den Kampf gegen den Völkerbund, er
eichtete einen glühenden Appell an das Weltgewissen: er
chrieb ein von allem Menschlichen erfülltes Buch: Be—
rogenes Volk (Eine Studienreise durch Georgien, und
Armenien als Oberkommissar des Völkerbundes. Mit 46
Bildern und 3 Karten. 14 RM.). Er schrieb es mit dem strö—
nenden Blut seines Herzens, bald im flammenden Pathos
des Anklägers, bald voll Mitleid und Weh, dann wieder
reißt er vor dem Angesicht der Welt blutende Wunden
nit einem Sarkasmus auf, den man vorher an ihm nicht
kannte, als ein im Heiligsten verwundeter Menfch. Dieses
Werk ist eins der wertvollsten, die seit langem erschienen
ind, und eins der besten, die der alte Leipziger Verlag
Brockhaus in letzter Zeit veröffentlicht hat. Bei aller Ge—
fühlsbetontheit ist es nie unsachlich, zeigt vielmehr immer
den klaren Kopf, der den Forscher Nansen stets ausge—
zeichnet hat. Es steigt zu den Wurzeln des armenischen —
tuch des georgischen — Volkstums, den Verbundenheiten
zwischen Landschaft und Nation hinab und wird so zum
Wissensborn für Kunst, Religion, Sprache, Landwirtschaft,
Industrie, Geographie, karz, für die gesamte Kultur eines
uingewöhnlichen Volkes. Dieser glückliche Blick Nansens für
das Leben, seine im Grunde jasagende und arbeitsame
Natur verhindern ihn, am Schluß seines reichen Werkes
in müde Resignation zu verfallen. Noch hat er, der seltent
Mann, in dem sich innerlichste beschützende Hinneigung zu
den Parias unter den Menschen mit stürmender Energie
zerbündet, den Glauben an das Licht nicht verloren. —
das armenische Vork wartet!
            
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