Full text : 6.1928-1929 (0006)

Seite 210 I:

czuen Saar⸗Sänger⸗Bund sIlu

*nunpppp Nr.

material ohne einen fähigen Führer erfolglos. Deshalb wird
auch wohl mit Recht ein Dirigent die Seele eines Vereins
genannt.
Welche Anforderungen müssen billigerweise an einen
Thormeister gestesllt werden? —
Secbstredend muß er musikalisch gut geschult und zünftig
durchgebisdet sein. Mit gutem Gehör ausgestattet, muß er
den Verlauf der einzelnen Stimmen verfolgen und jedes
Schwanken in der Toͤnhöhe feststerlsen können. Rhythmische
Sicherheit und das Geschick, durch entsprechende Taktbe—
wegungen und Gesten die Sänger dem Willen des Leiters
gefügig zu machen, sind ein wesentliches Erfordernis. Da—
zu muß sich ein feines Stilgefühl gesellen, das mit sicherem
Blick den Wert eines Werkes erkennt und sich alsdann ganz
in den vom Tonschöpfer gewollten seelischen Gehalt des
Stückes einzuleben vermag. Daß ein Chormeister mit einem
Orchester umzugehen weiß, daß er ein gewandter Partitur—
sPpieler und auch ein elastisch mitgehender Solistenbegleiter
sein muß, ist eine Selbstverständlichkeit, die sich leider nicht
immer, besonders nicht in zahlungsschwachen Chören in
kleineren Ortschaften erfüllen läßt. Auch muß man von dem
musikalischen Chorleiter Kenntnis der Atemtechnik, der Ton—
bildung, der Phonetik, der Formenlehre, der Gesetze der
Harmonie und der Musikgeschichte erwarten. Je weiter die
sonstige Allgemeinbildung reicht, desto besser ist es natür—
lich; denn die Besprechung der Texte verlangt ein solides
Wissen. Das ist in der Hauptsache das, was man in musika—
lischer Beziehung von einem Chormeister verlangen kann.
Nicht unwesentlich ist aber auch die menschliche Seite,
ünd die gesellschaftlichen Umgangsfsormen eines Chor—
meisters. Was hilft es einem Verein, wenn er zwar einen
stünstler zum Führer hat, wenn derselbe im Verkehr mit
dem Mitmenschen den nötigen Herzenstakt vermissen läßt,
wenn derselbe den Verein und seine Konzerte nur als eine
stets mehr auszubeutende Geldquelle betrachtet, wenn er
seine eigenen Kompositionen in den Vordergrund rücken will
— kurzum, wenn unter dem Idealistengewand ein grober
Egoist steckt? Statt dessen muß sich ein Dirigent die Herzen
seiner Sänger erobern, er muß auch Interesse an dem be—
ruflichen und familiären Wohlergehen seiner Sänger haben.
Nach guten Chorleistungen darf er nicht mit anerkennenden
Worten kargen. Die Schweigsamen und Verschlossenen ver—
säumen damit viel. Nicht von geringer Bedeutung ist eine
don Humor gewürzte Redekunst.
Woh! dem Chormeister, dessen körperliche Gesundheit ihm
gestattet, auch nach der Chorprobe noch eine vergnügte
Stunde mit seinen Sangesbrüdern zusammen zu bleiben.
Gefährcich sind politisierende Offiziere. So soll sich auch
ein Dirigent möglichst von der Vereinspolitik fernhalten.
Natürlich gibt es auch hierin Ausnahmen, besonders wenn
ein Chormeister seit Jahrzehnten mit der Geschichte seines
Vereins verwachsen ist und wenn er eine Ader dafür hat,
Unebenheiten des Vereinslebens zu glätten. Vollkommen isti
ein Mensch, somit auch kein Dirigent. Ein Teil der Ver—
einsmitglieder wird mehr die Schwächen, der andere Teil
mehr die Vorzüge desselben in den Vordergrund rücken.
Sobald ein Chormeister merkt, daß die Unzufriedenen das
Uebergewicht erlangen, muß er sich sagen, daß für ihn die
Zeit zum Niederlegen des Stabes gekommen sei. Wehe,
wenn der Chormeister diesen Augenblick nicht erkennt, wenn
er sich für unentbehrlich und für unersetzbar hält!
Studieurat Karl Stein.
In der Sonderbeilage des Westfälischen Kuriers, Hamm
Westfalen), gelegentlich der Chormeistertagung am 7. und
8. November.

macht uns an Hand einer grundlegenden Licht—
tudie (drei unbekannte Jünglingslieder Sch. als Musik—
zeilage) zum ersten Mal mit dem wunderbaren, elstatisch
schwärmerischen Wesen des jungen Schubert bekannt. In—
rerlich bewegt liest man Dr. H. Wolters anschaulich ge—
childerten Besuch des Schubert-Museums in Wien,
iest auch die von ihm ausgewählten Aphorismen Schuberts,
zdie uns einen unmittelbaren Blick in dessen Seele tun
afsen, und betrachtet mit Anteilnahme die vier beigegebe—
nen Bilder (Schubert am Klavier, Schuberts Geburtshaus
und Grab, Schubert-Museum). Die neuere Schubert-Litera—
rur wird nahezu vollständig von ersten Fachleuten, vor
Ablem dem durch sein Buch über die Schubert-Klavier—
onaten bekannt gewordenen Dr. H. Költzsch, angezeigt und
»esprochen. Allerlei Kritisches und Nachdenkliches, auch bis—
ige Schubertiaden, finden sich in „Rreuz und Quer“, in dem
»s überhaupt sehr abwechslsungsreich zugeht. Neben einem
Aufsatz zu Ehren des 80jährigen Hans von Wolzogen bringt
die Zeitschrift, wie stets, zahlreiche aktuelle und fesselnde
Musikberichte aus dem In- und Aussand. Von letzterem
st neben dem ständigen Wien diesmal u. a. Paris, Prag,
deningrad, Chieago vertreten. Außerdem liest man noch
Festberichte aus Siena, Salzburg und Faslemere (England)
Der Preis des Einzelheftes (1.50 Mk. ist bei der Fülle des
Lebotenen ungewöhnlich niedrig, und es ist schon so — wie
Alexander Berrsche im „Kunstwart“ sagt — daß der Stein—
zräber-Verlag um dieser und seiner zahlreichen anderen
en Publikationen Willen einen Verleger-Nobelpreis
verdiente.

Mehr Punkllichkeit.
Wir entnehmen der „Saarbrücker Zeitung“:
Liebe Vereins- und Verbandsvorstände, Versammlungs—
und Tagungsleiter und -innen! Es ist ein altes Klagelied,
das ich euch heut singen wiel. Text und Melodie sind
zuch allen bekannt. Aber ihr habt die Vereinsmaschine
risch geschmiert zu neuein Wirken und auf eurem Ka—
ender habt ihr sorgfältig notiert, was an den verschie—
denen Abenden fällig ist an Versammlungen, Vorträgen
sKonzerten usw. Ihr seid so freundlich, die Presse ein—
zuladen, und die ist so freundlich, zu kommen. Da bitte
ich euch: schreibt nie mehr auf eure Einladung „Beginn
um 8 Uhr“, wenn ihr vorhabt, nicht vor 81240 Uhr anzu—
angen. Ich weiß, ich weiß ... Man möchte nicht auch
toch am Abend pünktlich sein müssen, wenn man tags—
iber auf die Minute da sein muß, es soll auch ein bißchen
Bemütlichkeit bei dem anstrengenden Geschäft der Vereins—
beratungen sein. Und dann hat man Herrn X. einge—
aden und Frau Yy. Man möchte nicht anfangen, bevor
ie da sind. Es sind auch noch Lücken in den Sitzreihen,
oielleicht kommen noch einige Nachzügler. Man wartet
also, 10 Minuten, 20 Minuten, eine halbe Stunde. Dann
ertönt plötzlich das erlösende „Meine Damen und Herren“.
Unsereiner hat 548 sich den Notizblock eingesteckt und
ist losgesaust. Man hat so seine Erfahrungen. Rechnet
nan mit Verspätung, dann trifft man totsicher auf einen
zünktlichen Versammlungsleiter und platzt mitten in die
Begrüßungsansprache. Man ist also pünktlich und hat
run Zeit zu Ueberlegungen und Berechnungen: Füni
Abendveranstaltungen pro Woche mit je 20 Minuten Ver—
spätung ergeben im Winterhalbjahr einen Verlust von
rund zwei Tagen. Nutzlos verwartete Zeit, nie wieder
einzuholen, vertan und für alle Zeiten verloren. Schlimmer
ist: die pünktlich erschienenen Versammlungsteilnehmer
varten mit. Rechnet man auf jede Veranstaltung nur
50 Teilnehmer, so ergibt sich ein Gesamtverlust von 100
Tagen. In einer Zeit, deren Charakteristikum es ist,
„keine Zeit“ zu haben, der nichts so geläufig ist als die
Bleichung „Zeit — Geld“.
Was bedeutet es übrigens, wenn man die Pwünktlichen
auf die Unpünktlichen warten läßt? Aus Höflichkeit gegen
die Zuspätkommenden ist man unhyflich gegen die zeitig
Eintreffenden, man bestraft diese mit dn und be⸗
lohnt jene durch eine unverdiente Rücksichtnahme. Im
übrigen ist die Pünktlichkeit eine Frage der Erziehung
Und wenn einmal alle Veranstaltungsleiter puünktlich
zrundsätzlich immer und überall pünktlich ihre Versamm—
lungen beginnen, werden sehr bald auch die härtestgesot—
tenen Nachzügler gebessert sein.
Für die Versammlungen selbst aber sollte man lernen
aus dem journalistischen Erfahrungsgesetz, nach dem der

Zeitschrift für Musik.
Monatsschrift für eine geistige Erneuerung der deutschen
Musik. Herausgegeben vom Steingräber-Verlag
Leipzig. Hauptschriftleiter Dr. Alfred Heuß. November
heft 1928. Heftpreis 1.50 Mk., Abonnementspreis vierte
jährlich 4.- Mk. Das Novemberheft 1928 der „Zeitschrift
kür Musik“ ist, wie es sich gebührt, Franz Schubert
gewidmet. Dr. Steglich, der bekannte Musikschriftsteller, gibt
uns in seiner geistvollen, tiefeindringenden Weéise ein von
aller Sentimalität gereinigtes und von dem Hauch der
Tragik umwittertes Bild Schuberts und stellt dieses als
zin Vermächtnis besonderer Art unserer Zeit vor Augen
Fesselndes Biographisches steuert Rich. Gottschalk mit sei—
gem Aufsatz „Frantz Schubert im Lichte übler
Nachrede“ bei. und Dr. A. Heuß, der Hauptschriftleiter,
            
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