Full text : 6.1928-1929 (0006)

Nr. 9 II,

Saar⸗-Sänger⸗Bund,

Jl Seite 2075

dert wird. Eine Stadt, die ihr Chorwesen zu unterstützen
gedenkt, wird ihr Geld nicht an 86 Vereine verteilen kön—
nen, will sie nicht ihre eigene Konkurrenz unterstützen. Ge—
neralmusikdirektor Raabe, dem das städtische Amt für Musik—
pfege in Aachen, einer Stadt von der Größe Saarbrückens,
untersteht, machte zu dem wichtigsten Thema
„Stadtverwaltung und Chorgesaug“
sehr interessante Ausführungen, die zweifellos erwiesen, daß
es in Aachen mit der Musikpflege so ziemlich am besten
bestellt ist: Der Staat ist auf Grund der Verfassung ver—
pflichtet, an der öffentlichen Kunstpflege helfend keilzu—
nehmen. In den Städteordnungen ist nichts enthalten,
vas als eine solche Verpflichtung ausgelegt werden könnte.
In Städten ohne eigenes Orchester wird in den seltensten
Fällen etwas für das Chorgesangwesen getan. In Städten
mit eigenem Orchester beschränkt sich die Unterstützung meist
nur auf einen gemischten Chor. (Die Stadt Saarbrücken hat
bekanntlich 30000 Franken für die Chorpflege in den
Etat gestellt, die paritätisch an Sagar-Sängerbund und
Arbeitersängerbund verteilt werden) Die moralische Ver—
pflichtung der Städte, das Chorgesangwesen zu fördern, be—
steht, denn die Kosten sind verhältnismäßig gering. Die
Zänger singen kostenlos, und durch Ueberlassung geeéeigneter
Proberäume und durch manche andere indirekte Unter—
stützung können die finanziellen Lasten stark vermindert
werden. Aachen z. B. wendet für eine Reihe erstklassiger
Institutionen nur 4,32 pro Hundert seines Gesamtetats
für die Pflege von Kunst und Wissenschaft auf. Das isi
ein sehr geringer Betrag, und doch gibt es wenig Städtée
die in so umfassender und gründlicher Weise für die kul—
turellen Bedürfnisse ihrer Bürger sorgen. Der öffsentlichen
Musikpflege in Aachen stehen ein Orchester von 60 Mann
und ein städtischer gemischter Singechor von 350 Stimmen
zur Verfügung. Jedes Mitglied des Chores erhält ein Frei—
aonnement für sämtliche städtischen Symphonie-Konzerte.
Aehnliche Werbemittel sichern den Bestand und die not—
vendige Größe des Chores.
Leider wird das, was e ine Stadt für notwendig erachtet,
oon der benachbarten als belanglos abgetan. Deshalb muß
die Pflege der Kunst in den Städteordnungen zur Pflicht
der Städte gemacht werden.
Von dem Musikleben einer Stadt kann man erst sprechen,
wenn pn nur auswärtige Solisten konzertieren: die boden—
ständige Musikpflege ist Grundbedingung. Die Stadtverwal—
tungen müssen überzeugt werden, daß die Chorgesangpflege
das billigste Mittel ist, ein künstlerisch wertvolles und die
sKultur der Stadt förderndes Musikleben zu wecken und
zu erhalten. Dabei muß um jeden Preis die Zersplitterung
der künstlerischen und geldlichen Mittel vermieden, gege—
henenfalls bekämpft werden. Die Gründung und Unter
haltung städtischer Gesangvereine ist anzustreben, wenn nicht
Arbeitsgemeinschaften bestehender Chöre geschaffen werden
önnen. Alles Politische und Konfessionelle muß ausge—
schaltet bleiben. Die städtischen Chöre können alle Arten des
Thorgesanges pflegen: gemischte Chöre, Männer- und
Frauenchöre, begleitete und A-cappella-Kompositionen,
Volkslied und Oratorium.

Tenor immer wieder der Ruf nach materieller Unter—
stützung durch. Die neue

Reichsssarbeitsgemeinschaft der drei Chor-Verbände
wird es möglich machen, mit starker Rückendeckung für die
berechtigten Forderungen der Sänger einzutreten. Anderer—
seits wurde mit Recht verlangt, die öffentlichen Mittel
»erantwortungsbewußt zu verwalten und sie nicht noch zur
Unterstützung der unseligen Zersplitterung im Chorgesang
vesen zu mißbrauchen. Wenn Staat und Städte sich in Zu—
unft der Chorgesangspflege mehr annehmen sollten als
disher, so muß der eiferfüchtigen Eigenbrödelei mancher
Thorvereine ein Ende gemacht werden. Es wäre ein Ver—
drechen, Staatsmittel für einen „Kulturbetrieb“ auszuwer—
ien, wenn dieser Betrieb dafür traditionellen Kitsch weiter—
abrizieren wolrlte. Und es wird tatsächlich noch viel zu
diel Kitsch für Kunst ausgegeben. Nicht das geschwollene
Bewußtsein, Kulturträger zu sein und sich für die Säule
des deutschen Musiklebens zu halten, entscheidet über die
innere Wertigkeit, sondern der Geist, der aus den Leistun—
gen spricht. Solange aber in einer einzigen Stadt noch
100 Männerchöre danach streben, in eigenen Konzerten als
„stimmbegabte“ Solisten aufzutreten, wird eine finanziekle
e und solcher egoistisch orientierten Vereine das
öffentliche usikleben nicht nur nicht sördern, sondern
cegelrecht untergraben; das wachsende Angebot an pseudo
künstlerischen Veranstaltungen gefährdet die kulturelle Er
ziehungsarbeit mehr als man annehmen sollte.
Der Saar⸗Süngerbund an der Spitze.
Die Darstellungen der Verhältnisse durch die Kongreß—
teilnehmer ließen erkennen, wie man überall die Schäden
erkannt hat und mühselig daran arbeitet, ein neues Fun—
dament für das deutsche Chorgesangwesen zu schaffen. Mit
besonderer Freude konnte man dabei feststellen, daß der
Saar-Sängerbund sozusagen an der Spitze der im
Deutschen Sängerbund vereinigten Bünde marschiert. Was
—DD
man in manchen deutschen Bünden heute noch nicht zur
Diskussion zu stellen. Ohne eines übermäßigen Lokalpatriotis—
mus verdächtigt werden zu können, darsf man der Führung
des Saar-Sängerbundes zu diesem Erfolg einen besonderen
Blückwunsch aussprechen. Von den Sängern an der Saar
aber wird es abhängig sein, ob ihr Bund der Schrittmacher
des Deutschen Sängerbundes bleiben wird. Sie werden es
bleiben, wenn sie weiterhin die Pläne der Führer durch—
ühren helfen und wenn sie auch bei den schwierigen neuen
Aufgaben den Opfersinn beweifen, der bisher den Ersolc
garantierte.

Der 1. Kongreß für das Chorgesangwesen ist vorüber.
Die Arbeitsgemeinschaft der, drei großen Chorverbände
Deutscher Sangerbund, Arbeitersängerbund und Reichsver—
hdand der gemischten Chöre) hat sich als fruchtbare In—
stitution erwiesen und durchgesetzt. Daß dieser erste große
Kongreß in Essen nur Programmatisches geben konnte, war
on Anfang an klar. Seiner Bedeutung tüt das keinen Ab
hruch. Programme müssen durchgeführt werden, und es be
fteht die begründete Hoffnung, daß der in Essen einge—
schlagene Weg dahin führt, wo das Ziel zu suchen ist
ur Wiedergesfundung des deutschen Chorgesanges und zu
einer hacmonischen Eingliederung in die gesamte deutsche
Volksmusikpflege. Dr. Adolf Raskin.

Aus den Referaten der Chorverbändeführer — für den
Deutfschen Sängerbund sprach Friedrich Sist, für den, Ar—
heitersängerbund Karl Feh sestund für den, Reichsverband
der —— Chöre Th. Müngersdorf — klang als

G. F. Grohe- Henrich & Co. Saarbrũcken ⸗

Erlediqunꝗ
aller hanscmãssiqen Geschäfte.

345

Saurbrũckens
Homburq
—D
l Neunscirchen

——
            
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