Full text : 6.1928-1929 (0006)

Saar⸗SEänger⸗Bund .
ich als Arbeitersänger gepflegt und getan, nicht will ichs
als Minister entbehren.
Damit will ich sagen, daß ein Reichsinnenminister heute
die amtliche Verpflichtung hat, dem Chorgesang seine be—
sondere Aufmerksamkeit zu widmen, ist er doch heute ein
Reichskultusminister mit beschränkter Haftung. Gegenüber
den einseitigen Darbietungen für Auge und Ohr durch
Kino und Radio und der Ueberschätzung des Sports ist
es notwendig, die seelischen Bedürfnisse zu befriedigen,
und das ist nur dadurch möglich, daß wir das deutsche
Vork wieder in engere Verbindung zum Chorgesang bringen.
Ich möchte Ihnen sagen, daß ich die Absicht habe, das
Reichskabinett für die kräftige Förderung Ihrer, Be—
strebungen zu interessieren und ich hoffe, daß es gelingen
wird, nicht nur die Mitglieder des Reichskabinetts, sondern
auch Reichsrat und Reichsstag von der Notwendiagkeit Ihrer
Maßnahmen zu überzeugen.
Besonders freue ich mich, daß Sie heute den Versuch
machen wollen, eine Art Arbeitsgemeinschaft auf dem Ge—
biete des deutschen Chorgesanges zu errichten bzw. aus—
zubauen. Diese soll ja keine Gesinnungsgemeinschaft sein,
keine Verschmelzung der weltanschaulich unterschiedlichen
Bruppen, aber es gibt Gebiete, wo man nicht nur zu—
sammenarbeiten kann, wo man zusammenarbeiten muß.
wvenn man Höchstleistungen erzielen will.
Ich meine, es muß dahin kommen, daß unsere Arbeiter—
sänger auch religiösen Liedern nicht ausweichen, daß sie
„Ein' feste Burg ist unser Gott“ nicht nur hören, sondern
auch singen, und daß die Herren vom Deutschen Sänger—
bund an den Klängen des Wolgaliedes mindestens musika—
lisch Gefallen finden.
Unsere Sänger haben sich so erzogen, daß heute der
erste Versuch gemacht werden kann, und ich wünsche, daß
es nicht bei dem Versuch bleibt, sondern daß das Experi—
ment gelingt.“
Nach Severing hielt
der prenußische Kultusmirister Prof. Dr. Becker
eine Rede, in weccher er etwa folgendes ausführte:
„Nach dem „Reichskultusminister mit beschränkter Haf—
tung“ begrüße ich Sie als preußischer Kultusminister, leider
mit unbeschränkter Haftung. In unserer Zeit, in der die
wirtschaftkichen und politischen Aufgaben so sehr über—
wiegen, erscheint es mir notwendig, daß die kulturellen
und besonders die künstlerischen Bestrebungen mit aller
Kraft unterstützt werden. Die Kunst gerät in uünserem mecha—
nisierten Zeitalter in eine immer schwierigere Lage, wenn
es nicht gelingt, Staat und Volk zu einer tatkräftigem
Einheit aufzuraffen, die imstande ist, sich gegen die bru—
talen Einflüsse zu wehren, die von einem öden Materialis—
mus bestimmt werden. Ihre Gemeinschaft und Ihr Kongreß
kann ein wichtiges Symbol werden, eine bedeutsame Etappe
auf dem Wege, der uns in Deutschland bitter nottut, der
zu einer Ueberwindung, zu éeinem Ausgleich der
ZSpannungen führen kann, die wir wohl nicht aufgeben
können, die sich aber erheblich abschwächen, mildern und
in urbane Formen bringen bassen.
„Der deutschen Zwietracht mitten ins Herz“
Dieses Hauptmannswort, stehe über Ihrer Arbeit und
auch über Ihrer Tagung.“
Der Minister sprach von den gesangbeich-musikalischen
Belangen und der Schule von dem Lehrernachwuchs in
bezug auf die Gesangspflege, von den wechselseitigen Be—
rührungen zwischen der Musik in der Schule und der
Musik in der Jigendbewegung. Die Jugendbewegung habe
nicht zuletzt dürch ihre Erziehung zur musikallschen Ge—
meinschaft ihren starken Einfluß gewonnen. Wenn wir
heute vom Chorwesen sprechen, so werden wir an
dem chorischen Singen der Jugendkreise und der Musikauten⸗
gilden nicht vorübergehen können,
in ihm prägt sich ein neuer Geist aus, eine chorische Form,
die nach eigenen Gesetzen gestaltet ist. Aber mögen die äuße—
ren und inneren Bedingungen verschieden sein, im Männer—
gesangverein und im singenden Jugendkreis: aus den Liedern

Seite 206 IBR

adchhn Nr.n
und dem Gesang beider strömt die gleiche Urliebe zur
menschlichen Gemeinschaft.
Der Redner verbreitete sich über Einzelheiten der
Weiterentwicklung, namentlich, was den Chordiri
zenten angeht, erwähnte die Grundsteinlegung des
Musikhauses in Frankfurt a. d. Oder und sagte:
„Wie dort im Dsten neue Möglichkeiten für die Lösung
userer Vrobleme auftanchen, so ergeben sich auch hier im
Westen, nicht zuletzt in Essen selbst, viele Anregangen und
Ideen, die in chorischen Fragen auftauchen. Die vorbild—
liche Gründung der Stadt Essen, die Folkwangschulen, be—
mühen sich seit ihrer Gründung, Chorfragen in den Bereich
der allgemeinen musikalischen Erziehung zu ziehen, vhne
deren Pflege unser musikalisches Leben verdorren muß.“
Was an vielen Stellen inzwischen aufgenommen, begonnen
vorden sei, müsse zur Gründung einer Chormeisterschule
ühren, wie er sie schon in Hannover angekündigt habe
ßecker sprach dann von den wirtschaftlichen Nöten der ein—
‚elnen Vereine und betonte, „daß alle unsere Erlasse aus
dem Mimnisterium, alle unsere Reden gutgemeinte fromme
Wünsche bleiben müssen, wenn nicht Sie selbst, wenn nichl
alle Sänger, Ihre Vereinsfunktionäre, Unterbünde usw
die lebhafteste Aktivität in den einzelnen Reihen ent—
falten.“
„Hilf dir selbst, daun hilft dir der Staat“.
Preußen habe in den letzten Jahren seine Bereitschaft
zur Unterstützung wiederholt bekundet, so z. B. in Fragen
der Lustbarkeitssteuer, und er freue sich, daß nun auch das
Reich anfangen wolle

Das Ergebnis der Tagung.
Auf dem Essener Kongreß sind dann noch eine Reiheé
zemerkenswerter Referate gehalten worden, und wie daäs
mmer auf Kongressen geschieht, kam Positives und Nega—
tives zum Vorschein. Positiv sprachen jene, denen es darum
zu tun war, ohne Phrasen auf den Kern der Dinge zu
toßen und rücksichtslss auf Mißstände hinzuweisen, von
deren Beseitigung die zukünftige Bedeutung des Chor—
vesens in Deutschland abhängig sein wird. Dabei stellte es
iich heraus, daß es nicht so sehr auf eine Subventionierung
der Chorverbände durch den Staat ankommt, als vielmehr
auf eine durchgreifende Aenderung des Chorbetriebs über—
jaupt. Es zeigte sich in allen Ausführungen die Ueberlegen—
zeit der Praktiker, die — Generalmusikdirektor Dr. Peter
Raabe, Aachen, an der Spitze — in ihren Ausführungen
einen Utopien und Ideologien nachzagten die sich nicht
cheuten, die Schäden aufzuzeigen und die ihre praktischen
Erfahrungen als Anregungen weitergaben.
Grundsätzlich klang aus jedem Referat dieser Praktiker
die Klage, in den meisten Städten fehle es an einem kon
zertreifen gemischten Chore.
Die Zersplitterung der Kräfte ist die eigentliche Ursache
dieses Krebsschadens im deutschen Musikleben, denn die
Basis eines gesunden und künstlerischen produktiven öffent—
lichen Musiklebens muß der gemischte Chor bleiben. In den
meisten Städten aber steht die Zahl der in gemischten
Thören mitwirkenden Männer im umgekehrten Verhäit—
nis zur Zahl der Sänger in den reinen Männergesangver—
einen. Essen z. B., der Tagungsort selbst, lieferte im
Festkonzert das typische Beispiel für dieses Mißverhältnis:
Essen zählt nicht weniger als 86 Männerchöre, darunter
zrstklassige Chöre mit mehr als 200 Stimmen. Der einzige
zemischte Chor, der für große Chorkonzerte allein in Frage
ommt, darf sich seiner insgesamt etwa 30 Männerstimmen
gegenüber 120 Frauenstimmen) kaum rühmen.
Dringend wurde immer und immer wieder der Zu—
ammenschluß der Chöre zu praktisch zusammenwirkenden
Arbeitsgemeinschaften gefordert. Wenn Gemeinde, Stadt und
Staat das Chorwesen materiell unterstützen sollen, so kann
es nicht so bleiben, wie es allerorts noch ist. Alle, den
zffentlichen Interessen nicht dienstbereiten Chöre müssen
bon jeder Unterstützung ausgeschlossen werden, damit das
Wenige an Mitteln auf diese Weise nicht nutzlos verschleu—

———

SAALBAU-RESTAVRANT SAARBROVCKEMN
ERNST SSV Als vorzuslich hekannt in speissen und aetranuen. Telephon Nr. 62
            
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