Full text : 6.1928-1929 (0006)

Zeite 190*
Der

Riner Sltaats- und Domchor im Saarlanod.

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N un ist der letzte Ton verklungen . .. Diese vier Tage
möchten wir aus dem Kunstleben Saarbrückens nicht
vegdenken. Was sie uns boten, war göttliche Kunst!
Nun vergegenwärtigt man sich noch einmal die ein—
zelnen Bilder. Wie in Homburg an der Saarlandsgrenze
domchordirektor Professor Hugo Rüdel mit seinen
15 Getreuen und den 40 lebenslustigen, übersprudelnden
Jungen dem Abteil entstieg, vom Vertreter der Stadt,

in unserer schaffenden Mittelschicht! Auf all die Tausende,
die um diese Konzerte zu genießen, aus andern Gauen erst
roch weite Wege zurücklegen mußten! Es folgte am nächsten
Nachmittag Saarlousis — wieder dasselbe Bild, ein
iberbesetzter Sgalbau voll erwartungsvolleharrender Männer
uind Frauen. Stadtbürgermeister Dr. Latz und der Bundes—
chriftführer grüßten den Professor, seine sieggewohnte
S„char, die Massen der Besucher. Abends eine sehr feierliche
Weihestunde in der vollbesetzten neuen evangelischen Kirche
n Völklingen, wo der Chor ungesehen, wie aus
himmlischen Höhen, seine Lieder in die andächtige Kunst—
gemeinde hineinklingen ließ. Und, daß es gleich gesagt
sei: hier war natürlich der Berliner Staats- und Dom—
chor, der ja letzten Endes ein Kirchenchor ist, am rechten
Platze. Man muß der Geistlichkeit und der Kirchenvertre—
tung in Homburg, Neunkirchen und Völklingen Dank sagen
für die verständnisvolle Förderung der geistlichen Kunst
und für die dem Berliner Domchor bewiesene Gastlichkeit.
Um so mehr muß es wundernehmen, daß es trotz aller Be—
mühungen nicht möglich war, für den hehren Zweck die

Domchordirektor Peofessor Hugo Rüdel, Berlin.

Konzertsängerin Hilde Weyer, Berlin.

Adjunkt Spies, und dem unterzeichneten Bundesschriftführer
herzlich begrüßt, bei leisem Tropfenfall erst zum gastlichen
Kaffee, dann zur evangelischen Kirche schritten, in der
ich bereits Kopf an Kopf drängte. Immer weitere Scharen
zückten ein! Anderthalb tausend Liedbegeisterte in einem
Industriepyrt an einem Wochentag-Nachmiktag! Oder abends
n St. Wendel! Ein imponierender, gänzlich uner—
varteter Empfang durch die Männerchöre des Gaues vor
dem Bahnhof! Begeisterte und begeisternde Willkommens
grüße des Stadtbürgermeisters Dr. Flory, des Bundes—
schriftführers und dann ein herzliches Dankeswort aus
den Reihen der Berliner. Und weiter die gespannt harrende
festliche Versammlung in der prachtvollen Aula des neuen
Bymnasiums. Oder am folgenden Tage dichtgedrängte
Menschenmassen im schön erneuerten Städtischen Saalbau
zu Neunkirchen. Stadtbürgermeister Dr. Blanck, der
Bundesschriftführer und der neue Gauvorsitzende Schulrat
Steeg die warmherzigen Sprecher. Wieder an einem Wochen—
tag-Nachmittag Tausende von Arbeitern und Männern
und Frauen des werktätig schaffenden Volkes in Andacht
oersunken vor dem Größten und Höchsten, was Menschen—
geist ersonnen, vor der Musica sacra! Abends aus den
Kreisen der Bessergestellten und angeblich Gebildeten nur
zinige Hundert in der evangelischen Kirche in Neunkirchen.
Will man es uns verargen, wenn wir stolz sind auf den
Beist und die wahre Bildung in unserer Arbeiterschaft,

vistorische Repräsentationskirche Saarbrückens und des
Zaarlands, die Ludwigskirche, zur Verfügung gestellt zu
»rhalten. Es war für den Buͤndesvorstand recht beschä—
nend! Der Sonntag brachte dann die beiden überbesetzten
donzerte im Städtischen Saalbau zu Sgaarbrücken,
iber überbesetzt auch abends in erster Linie durch die
Zängerschaft des Sgarlands selbst, nicht die vermeintlich
Bebildeten! Hier überbrachte Beigeordneter Dr. Bauer
den Willkommgruß der Stadt, der Bundesschriftführer den
»on Bund und Gau.
Unvergessen soll es den Berliner Gästen bleiben, daß
sie Sonntag morgen unserm lieben Bundesvorsitzen?
den St.adtschulrat Bongard im ev. Kranken—
aus einen herzbeweglichen Festgruß entboten: Alhbert
Beckers „Fürchte dich nicht, du bifst mein!“ und Mendels—
ohns CEhsre: „Die Nachtigall“ und „O Täler weit, o
döhen!“ Hilde Weyer, Berlin, fügte mit entzückender Stimme
Schuberts „Abendrot“ hinzu. Dank! Dank! Dank!
Soll ich im Ernst nun noch über die musikalischen Auf—
ührungen schreiben? Eine Kritik? Hier stand die Kunst
nicht nur über, sondern auch jenseits aller Kritik. Sie
dersah als Hohepriesterin ihr geistliches Amt. Menschen—
kindern, die im Druck von Not und Arbeit stehen, einmal
vieder den Adelsbrief hohen Menschentums vor die Seele
zu stellen, sie emporzuführen über Zeit und Raum in
eine höhere Welt, die alle Disharmonien auflöst. Im
            
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