Full text : 6.1928-1929 (0006)

RNr. 81.

Saar⸗Sänger-Vund

dSeite 189

Für die kurze Zeit bis zum Engagement durch den be—
freundeten Kapellmeister mußte nun für die Ernährung des
zukunftsreichen Künstlers gesorgt werden. Fräulein Anna
Afmus hatte sich bereit erklärt, ihn Montags, Tonnerstags
und Samstags als Tischgast zu verpflegen. Tie vier anderen
Tage sollte er bei Herrn Mützel essen. Für abends sollte
er, sich Abendbrot mitnehmen, Wozu Heinrich Husch gleich
mit der ihm eigenen Ehrlichkeit anmerkte, daß sein änge—
griffener RTarm Stullen in keiner Form vertrage, und daß
er vom Käsegenuß —8 — bekomme; wogegen ihm kalte
Koteletts, Gänseleber, Huhn in Gelee und russische Eier
erfahrungsgemäß sehr zuträglich wären.
Daie Heiserkeit des Sängers wich leider auch die nächsten
Tage nicht. Vielleicht hätte er den Kehlkopf weniger durch
Alkohol reizen sollen!
An einem Montag aß er zum erstenmal bei der seelenguten
Anna Asmus.
Sie fand seine Art, sie während des Kauens durchdringend
anzusehen, verwirrend und ängstigte sich sehr. Erst als
er eine Flasche Rotwein umschüttete und lachend das ganze
Salzfaß über den Fleck goß, hatte sein konfuses Beginnen
twas erlösendes für sie.
Am Donnerstag erzählte er, während er einem Schellfisch
mit dem Messer zu Leibe ging, der alternden Jungfrau, daß
er eine Schwäche für reife Frauen habe, die den Schatz ihrer
Jungfräulichkeit noch nicht verschenkt hätten. Er sagte
zu diesem Thema allerlei Heikles und Anzügliches, das sich
sehr gut in einer physiologischen Abhandlung lesen mochte,
aber am Tisch der guten Anna Asmus noch niemals von
tinem Skrupellosen berührt oder gar ausführlich behandelt
worden war. Sie hatte keine Freude mehr an dem Schellfisch
den sie sonst gern aß, und ihre zitternden Finger klecker—
ten bedenklich mit der Senfsose. Was den Küunstler zu
mmer kühneren Scherzen reizte, die er selber orkanartig
belachte, ohne so etwas wie ein Echo bei seiner errö—
enden Wirtin erwecken zu können.
Am Samstag machte er ihr zwischen Hammelbraten und
Flammeri einen stürmischen Heiraftsantrag, den die Er—
chreckte durch schleunige Flucht in ihr Schlafzimmer beant—
vortete, das sie doppelt verriegelte.
Tarauf warf Herr Husch ärgerlich die Serviette in das
Boldfischglas auf dem Blumenständer und lief ein paar—
mal, wütend und wild mit den Armen fuchtelnd, im Zimmer
herum. Tann nahm er mit trotzigem Lachen wieder Platz
uͤnd vertilgte den ganzen Flammeri allein. Worauf er
heftig klingelte und mit Emilie, der abräumenden Köchin,
ür Sonntag ein Tänzchen in Treptow verabredete.
Dem verblüfften Mützel stellte dann Herr Husch die
Angelegenheit so dar, äls ob die gute Anna Asmus in
nänadischer Sehnsucht seiner sündig begehrte und er sich
nicht ohne Mühe, unter Hinweis auf die älteren Rechte
eines Mannes, dem er zu tiefem Tank verpflichtet sei,
in die Grenzen der Sittlichkeit zurückgewiesen habe.
Seine Verleumdung, obschon sofort als solche erkannt,
entfremdete das seit fünfunddreißig Jahren befreundete
Paar Michael Müttzel und Anna Asmus auf Jahre. Es war
Aötzlich eine erotische Note in ihre seelischen Beziehungen
gekömmen, die beiden peinlich war. Sie schämten sich
deide voreinander und fanden trotz fieberhaften Suchens
keinen harmlosen Gesprächsstoff mehr, der eine behutsame
eelische Annäherung, die sie früher so herzlich beglück⸗
hatte, gestattet hätte.
DTen Ersten Kapellmeister der Neuen Oper hat der zu—
künftige Sänger acht Tage später aufgesucht und sich mit

»iner Visitenkarte Michael Mützel legitimiert. Und auch
»on Anna Asmus hat er Grüße ausgerichtet. Auch lud er
den Kapellmeister ein, der gern gut aß, für den nächsten
Zonntag zu einer Geburtstagsfeier mit Gansbraten zu
dem alten Fräulein ein. Was ihm schon deshalb nicht auf—
zjetragen wär, weil Anna Asmus, unmusikalisch und spar—
sam, weder einen Gansbraten in Aussicht genommen, noch
zinen Geburtstag zu feiern hatte.
Der weitere Verlauf des Besuches entsprach aber durch—
rus nicht den Tirektiven und Erwartungen des guten
Mützels. Dieses aber erfuhr der enttäuschte Mäzen erst
zurch einen Rohrpostbrief des Kapellmeisters Protzky zwei
Tage später:
„Werter Freund! Ich weiß nicht, was ich denken soll“
chrieb Protzky mit sichtlich erregter Handschrift. „Tu schickst
nir da Deinen Neffen. — Ich wußte gar nicht, daß Du
zine Schwester hattest, und daß die Arme vor fünfundzwanzig
Jahren einen unehelichen Sohn ... Aber schließlich ich
herstehe ja Teine Verschwiegenheit! ... Du schickst mir
aso Teinen natürlichen Neffen mit Grüßen und der Bitte,
hin, da er mehr von meiner als von TDeiner Figur sei, für
einen Vortrag über Sibirien in der Adelsgesellschaft meinen
Frack und Zylinder und Pelzmantel zu vorgen. Ich fsand
war das Ansinnen etwas reichlich, auch die Jahreszeit für
inen Pelz eigentlich schon etwas zu frühlingsmäßig ...
Immerhin im Sinne unserer alten Freundschaft, und da
s sich um Dein Blut handelte .. . Ter iunge Mann
zersprach mir, im Laufe des nächsten Tages die Klei—
zungsstücke zurückzubringen. Bis zu dieser Stunde ist er
aber nicht erschienen. Ich bitte Dich nun, den Jüngling zu
deranlassen, mir meine Kleidungsstücke möglichst bald zurück—
zugeben, damit, wenn wir zusäammen die Gans, bei Fräu—
lein Asmus essen, diese ärgerliche Angelegenheit aus der
Welt geschafft ist ...“
Mit derselben Post war noch ein Brief gekommen. Der
Umschlag war fettig. Beim Oeffnen fiel ein Pfandschein
heraus. Der lautete über einen versetzten Frackanzug und
zinen Bärenpelz mit Biberkragen. Tie begleitenden Worte
— in Bleistift, die durch Bierglasränder liefen, — lauteten
kurz und herzlich so:
„Ihr Freund ist ein Trottel. Aber dafür kann er so
wenig wie Sie für Ihre schlechten Kompositionen. Ich
beabsichtigte nicht, den Musikonkel zu schädigen. Lösen Sie
also bitte gefälligst seinen Frack und seinen Pelz ein. Auf
den Frack ist mir ein bißchen Soße gelgausen, und den Pelz
haben sie mir in Treptow vertauscht. Ter versetzte ist älter
ind unechter; aber er hält auch ganz gut warm. Mit
zem Gansessen bei Ihrer schrecklich ehrpusseligen Freundin
Auna Asmus hat es seine Richtigkeit. Ich habe, ihr die
vans zu Sonntag bestellt — oder eigentlich zwei Gänse.
Die eine nehme ich meiner Mutter mit nach Hause. Denn
endlich erfüllt sich mir die Sehnsucht meiner so oft auf
den Höfen gesungenen Lieder, die mir Ihre gewinnbringende
Freundschaft eintrugen. Ich werde vom Gebixge her—
Hmmen .. Ich werde die „verlorene Heimat“ und, das
Mutterherz“ wiederfinden .. Lassen Sie sich die Gans
gut schmecken! Und wenn wieder auf dem Hof gesungen
wird, machen Sie's Fenster zu! Adiö Herr Müthzel.
Ewig der Ihre!
Heinrich Husch.
Das heißt, das ist bloß mein Künstlername.“
Rudolf Presber.
Aus: Der Tisch des Kapitäns.
Verlag Dr. Eyfsler K Co., A.-G., Berlin.

G. E. Grohe Henrich O Co. Saarbriũcicen J—

Erlediqunꝙ

aller hanksmäsiqen Gescäfte.

44

Sauarbrickens
Homburq
Illinqen
INeunkirchen

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