Full text : 6.1928-1929 (0006)

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Zaar-Sänger-Bundesen

Nr.

Der *

a nger.

Deß Rentier Michael Mützel war eine Seele von Mensch.
2Außerdem war er musikalisch.
Er komponierte Texte von Rückert und Eichendorff und
Thamisso und — von sich selber. Einen Verlag dafür
zu finden, das hatte er aufgegeben. Aber er spielte die
seelenvollen Lieder Fräulein Anna Asmus vor, bei der er
jeden Mittwoch und Sonnabend einen dünnen, aber liebe—
holl verabreichten Tee trank.
Fräulein Anna Asmus war vor fünfunddreißig Jahren
seine Tanzstundenliebe gewesen und war jetzt seine Seelen—
freundin. Geheiratet hatten beide nicht. Sie nicht, weil
sie auf ihn gewartet hatte; er nicht, weil er nicht wußte,
ob er eine Franu und die vielen Kinder, die ihm eine Zi—
geunerin prophezeit hatte, ernähren könnte.
Eines Vormittags wusch sich Michael Mützel so gegen
Af Uhr in seinem Schslafzimmer die Hände, die voll
Trde waren, weil er gerade seine Kakteen in dem Miniatur—
wärmchäuschen liebevoll mit Kunstdünger versehen hatte.
Tas Schlafzimmer lag nach hinten, und stand offen.
Ta hörte er — von unten aus der Tiefe des Hofes — eine
Männerstimme. Ein Tenor sang sentimentale Lieder vom
Mutterherzen, das irgendwo für ihn schlage; von der leider
oerlorenen Heimat und von dem fernen Jugendglück, das
durchaus nicht wiederkommen wollte. Und solche Sachen,
die mit herzbezwingender Macht alle Köchinnen an die
Fenster locken und einzelne sogar zu bescheidenen Gaben
deranlassen.
Michael Mützel lauschte. Tas war eine schöne unverbildete
Stimme. Etwas belegt — mein Gott, man singt nicht un—
zestraft auf zugigen, nassen Höfen. Aber es war Kraft
darin und Schmelz — ja, und was noch ...? — und
Bibber war darin, entschied Michgel Mützel, stolz auf das
gesunde gute Wort. Bibber war darin, der oder das nötig
ist für den Konzertsaal, für das Theater, kurz, für die
Menge. Denn für Richard Strauß und Oskar Bie allein
kann schließlich kein Tenor singen.
Michael Mützel lehnte sich rasch entschlossen aus dem
Fenster: „Sie da unten! Mann, — Sänger!'“ Kommen Sie
mal herauf, ja!?“
Und der Sänger kam. Ein etwa dreißigjähriger, unra—
fierter, mit außerordentlich kräftigem Adamésapfel und fun—
kelnden Augen behafteter Mann. Er sah verregnet, ver—
knittert und verhungert aus. Sein Anzug war übel,
sein gemessenes Benehmen betonte bessere Tage. Seine
klobigen Stiefel verdarben die Muster des Perserteppichs.
Michael Mützel machte ihm milde Vorwürfe. Nicht
darüber, daß er sich die Schuhsohlen nicht abgefegt, so
oeinlich dem ordnungsliebenden Mann auch diese Beobach—
tung war, sondern darüber, daß er mit solch einer Stimme
auf den Höfen singe.
„Ich sänge auch lieber an der Mailänder Seala“ entgeg—
nete der Sänger mit einem schmerzlichen Lächeln.
Hm, eine gewisse Bildung scheint er auch zu besitzen,
dachte Michgel Mützel.
Die Erwähnung der „Seala“, in der er mal eine aus—
gezeichnete Aufführung der „Tosca“ gehört, an der Seite
einer sehr reizvollen Milaneserin, tat ihm wohl.
Der Sänger sprach in der weiteren Unterhaltung weg—
werfend von dem Puüblikum der Hinterhäuser und der be—
schämenden Wohltätigkeit aus den Küchen- und Klosett—
fenstern. Erwähnte Brahms, den er schätzte; seine Vorliebe
tür große Reisen, die er noch nie habe machen können,
und die Sehnsucht nach einer wollenen Weste und einem
Kalbsbraten, die sich ihm nie erfüllte.
Michael Mützel erwog, was er für den Mann tun könne.
Er kannte den Ersten Kapellmeister der „Neuen Oper“
gut, an den er alle 14 Tage beim Skat drei bis fünf Mark
berlor. Tem wollte er das entdeckte Talent empfehlen.
Im Chor sollte der dem Hof Entführte mitsingen und gleich—
zeitig ausgebildet werden. Seine Ausbildung könnte, wenn
er seinen, Verdienst als Chorsänger zur Hälfte dafür
opferte, seinen Mäzen die Welt nicht kosten.
„Na, schön, —“ nickte der Hofsänger, der sich übrigens
als Heinrich Husch vorgestellt hatte. „Na, schön — aber in
den Lumpen kann ich doch nicht zu dem Ersten Kapell—
meister gehen. So empfängt mich kein Tritter.“ Und er
ijah dabei verächtlich an seiner schäbigen Kleidung herunter.

Tamit hatte er so unrecht nicht. Der Erste Kapellmeister
var selber ein beträchtlicher Fatzke. War überzeugt, daß
er Chopin ähnlich sähe, betonte diese Aehnlichkeit und
uchte nach einer George Sand. Er ließ sich die schwarzen
Locken brennen, schnürte sich ein wenig in der Taille
ind sah es auch bei anderen gern, wenn sie das Künstlertum
vn durch saloppe Kleidung und ebensolche Gewohnheiten
etonten.
Wer AM sagt, muß auch B sagen, dachte das gute Herz
des Michael Mützel. Er suchte einen noch leidlich aus—
ehenden dunkelblauen Anzug aus seinem Kleiderschrank,
ein im Muster gedämpftes Hemd mit Stehkragen, eine
jJrüngetupfte Krawatte und ein paar Schuhe.
Es erwies sich, daß der Sänger Husch zwar die Kleidungs—
tücke nicht restlos ausfüllte, aber gar nicht so übel darin
russah. Und als er rasiert und sein Haupthaar geschnitten
var und ihm Michael Mützel noch einen leidlichen Wiener
Filzhut aufgesetzt hatte, konnte er sich auch vor einem
Ersten Kapellmeister, der für Künstler ein Kerl und für
Menschen ein Faßke ist, schon sehen lässen.
„Bloß — so ganz ohne Geld?“ — Herr Husch machte auf
den in seinen Kreisen sehr verbreiteten Aberglauben auf—
nerksam, daß die Hündlein auf der Straße die Hosenbeine
»on Männern, in deren Taschen sie kein Geld mwitterten,
gern mit Ecksteinen verwechseln.
Michael Mützel hatte von diesem Aberglauben zwar noch
richt gehört: aber er war auch ohne diesen Aberglauben
iberzeugt, daß der Besitz vvn — wenn auch bescheidenem
Mammon — den Weg in die Welt und zu musikaläscher
Beltung erleichterte. Er händigte deshalb in diskretem
Zändedruck dem Sänger Heinrich Husch zwanzig Mark aus.
Richt ohne ihn errötend zu ermahnen, nur auf das Nötigste
bei Ausgaben bedacht zu sein.
So ausgestattet und ermahnt, machte sich der Sänger
deinrich Husch auf den Weg zu dem Kapellmeister Protzky
Fünf Stunden später — Michael Mützel, ein Freund ge—
regelter Lebensweise, hatte eben die téelephonische Abend—
interhaltung mit Fräulein Anna Asmus hinter sich und
ich zu Bett begeben — läutete Heinrich Husch heftig
an Mützels Wohnuüngstür.
Von dem etwas ärgerlichen Mützel nach dem Erfolg seines
ßesuches bei dem Kapellmeister befragt, schilderte Herr
Zzusch seine seelischen Qualen, als er duf dem Vorder—
»erron der — übrigens falschen — Elektrischen bemerkt
abe, daß er heute heiserer sei als je. So beschloß er
ius Gründen rein künstlerischer Erwägung, den Besuch zu
zerschieben.
Mützel bemerkte mißfällig, daß der Sänger eine neue
grellgrüne Wollweste über der ihm geschenkten Tuchweste trug.
„War sehr billig,“ nickte Herr Husch beifällig. Und er
ügte mit schöner Offenheit, eine ungestellte Frage beant—
en hinzu: „Für den Rest hab'e ich Kalbsbraten ge—
gefsen.“
Mützel exinnerte sich der beiden heißen Künstlerwünsche
»on der ersten Begegnung. Er fand es schließlich menschlich
zegreiflich, daß eine genialische Natur eine neügewonnene
Bewegungsfreiheit zur Erfüllung lang zurückgedämmter
zehnsüchte benutzte. Immerhin, daß Herr Husch offenbar
Schnaps in beträchtlichen Quäntitäten aͤuf den Kalbsbraten
zegassen, wie sein Atem verriet, das verdroß den Wohltäter.
Als nun Herr Husch wieder auf den merkwürdigen Aber—
Uauben mit den unmanierlichen Hündchen zu sprechen
am, überreichte ihm Mützel nur fünf Mark, die den Sänger
sichtlich enttäuschten. Er steckte sie danklos ein.
Die nächsten Tage verbrachte der Sänger damit, sich
zu schonen. Intensiv zu schonen. Hin und wieder probierteé
ꝛx, mit einem plötzlichen Entschluß seine Stimme. Dazu
vählte er die ersten fünf Takte des „Wanderer“ und ver—
etzte dadurch den guten Michael Mützel häufig in heftigen
Schreck. Denn in Augenblicken, in denen Mützel durchäus
nicht wußte, daß der Künstler irgendwo im Halbdunkel
in einem Sessel gepflegt lag, und auch durchaus nicht an
In oder seine Kunst dachte, reckte sich dieser auf und ver—
icherte mit schmetternder Stimme: er komme vom Gebirge
»er ... Aber alsbald brach er ab, und bedauerte ärgerlich,
vieder in den Sessel sinkend, die noch immer nicht ganz ge—
vichene Indisposition.
            
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