Full text : 6.1928-1929 (0006)

Nr. 8

Saar⸗Sünger-VRunud

Seite 185

Rudolf Presber.

A n der Schwelle des 60. Lebensjahres beleuchtet Rudolf
DBABPresber ziemlich den ganzen Umkreis seines fleißi—
Jen poetischen Schaffens durch ein bei der Deutschen Ver—
lagsgesellschaft in Stuttgart erschienenes Memoirenwerk
„Aus meiner Jugend“. Er beleuchtet sein Schaffen
von innen. Rudolf Presber hat weiten Kreisen zwar
längst als ein übergus amüsanter Plauderer gegolten, aber
hielen wird es erst jetzt aus diesem köstlichen Werk be—
wußt geworden sein, daß sich hinter seinen zahlreichen,
oft in leichtem, frohen Plauderton vorgetragenen Dich—
tungen ein wertvoller, wesentlicher Mensch, ein in die
Tiefe dringender
philosophischer
Kopf verbirgt. Er—
zählt der Dichter
in diesem seiner
Jugendzeit gewid—
neten Band —
übrigens mit klug
zgeschauten Aus—
zlicken auf bür—
gerkundliche zeit—
funst- und er—
ziehungsgeschicht⸗
liche Verhältnisse
— zunächst von
Frankfurt a. M.
vo er am 4. Juli
1868 das Licht
der Welt erblickte,
von seinen Ahnen,
seinem geistvollen
rechtlich denkenden
Bater, einem selbst
erfolgreich literg—
risch und für
das Theaterwesen
seiner Vaterstadt
hetätigten Litera—
turlehrer der hö—
heren Mädchen—
chule, der leider
zu srüh verstarb,
um dem begabten
heranreifenden
Knaben Lotse
durch alle Schul—
fährnisse zu sein,
»on seiner grund—
zütigen Mutter,
die den großen
Jungen bis in
die Studenten—
jahre hinein so
trefflich zu neh—
men und zu leiten
wvußte, von den
Martyrien des
Bymnasiums in
Frankfurt und der
Erlösung in
Karlsruhe, von
ungen Freund—
schaften und von
rster Liebe, vom
Hochschulstudium
n Heidelberg und
von ersten Bil—
dungsreisen — es Rudolf Presber.
ist der ganze Dichter, der aus diesen Jugendbekenntnissen
zu uns Jpricht, der die Wurzeln seines Wesens und Wer—
dens bloßlegt und so die goldenen Schlüssel darreicht zum
tieferen Erschließen seiner Dichtungen. Das Werk ist von
hohem poetischem Reiz, aber auch eine Fundgrube psycho—
ogischer Weisheit. Es sollte nicht nur Literaturfreunde,
ondern alle Schulmänner zu nachdenklichen Lesern haben!
In dem Roman „Der Stern, vomn Saragossa“,
der im Verlag Dr. Selle Eyfler A.-G. Berlin erschien, gibt

der Dichter einen der Wirklichkeit unerbittlich abgelauschten
Ausschnitt aus dem Berliner Leben. Der wohlhabende
daufmannssohn Hans Hagebusch aus Wiesbaden erhält von
einer Mutter den Auftraäg, in Berlin einmal Einschau zu
jalten in die Studienwegeée seiner Schwester Manuela, die
ich auf die Bühne vorhereitet, gleichzeitig in das guf der
deipziger Straße befindliche Geschäft drientalischer Teppiche
ind anderer Orientalia von Onkel Fried, der in letzter
zeit so auffallend die Vertretung von Parfüms der
Fabrik seiner Mutter vernachlässigt hat. Kaleidoskopartig
virbeln nun dem jungen Mann die bunten sich hetzenden
Bilder durch den
Kopf: Frau von
Schlubbecks selt—
same Fremdenpen—
sion, die noch
abenteuerlichere
der Frau Debora
Pallatschek, die
unglaublich dra—
maltische Meister
schule des Direk—
tors Karl Anton
Guggelhupf — eine
geniale Groteske,
die überall, wo
sie am Familien—
tisch oder an
einem Vereins—
abend vorgetragen
würde, Stürme
on Heiterkeits—
ausbrüchen ent⸗
fesseln wird, —
ereignisreiche
Pfingfltage an der
Osftsee, Reorgani—
sation eines durch
Leichtsinnigkeit
des Besitzers ins
Schwanken gera—
tenen Großstadt—
geschäfts, und zum
guten Schluß ein
freundliches Auf—
fangen aller ver—
worrenen Schick—
salsfäden zu einem
harmonischen Aus—
klang! Wir sind
zu Gast bei der
Kartenlegerin,
nehmen Teil an
den Vorstellungen
von Vorstadt-Va—
rietés, sehen einen
schamlosen Erpres—
sungsversuch zu
Schanden werden,
lernen das dunkle
Berlin mit seinen
verwahrlosten, bö—
sen, törichten, ge—
nußsüchtigen, prot—
zenhaften, scham—
losen Menschen
Wen. VJ in
iesem übrigens
phot. Becker K Maaß, Berlin. erfchüͤtternten Mi
lieu die wertbeständige Manuela, die redliche Alma Stöckel,
den göttlich naiven Pastorensohn vom Rhein Meinicke, die
anmuütige Rahel und nicht zuletzt Hans Hagebusch, der junge
deld des Romans, der in allen Irrungen und Wirrungen
mmer er selbst bleibt, des rechten Weges wohl bewußt!
Man wird es verstehen können, wenn Tausende den Roman
ils einen köstlichen, von feinstem Humor gesättigten Unter—
zaltungsstoff hinnehmen; er ist aber nicht nur eine un—
bergleichlich geistreiche Milieuschilderung der Weltstadt
            
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