Full text : 6.1928-1929 (0006)

Saar⸗Sänger⸗Bund lun
⸗ntbehrlich gemacht.“ (Benz, „Die Stunde der deutschen Mu—
ik“ 1; vergl. oben Riemanns Ausspruch.)
Mit „Gretchen am Spinnrad“ hatte Schubert das erste vollen—
»ete moderne Kunstlied geschaffen. Im Jahre 1815 schrieb er
150 Lieder, unter denen sich der zweite große Wurf, wiederum
auf Verse Altmeisters Goethe, findet, der „Erlkönig“, der
nen Schritt weiter auf dem Wege bedeutet, den er mit
„Gretchen am Spinnrad“ eingeschlagen hatte. „Der Erlkönig ist“,
vie Oskar Bie sagt, „der Knotenpunkt des Jahres 1815, wie
„Gretchen am Spinnrad“ der von 1814 war.“ Das Gespenster
jafte der Batlade, die grauenvolle, nebelhafte Sturmnacht, die
Hesorgnis des schattenhaft einherreitenden Vaters und die Qualen
»er geängsteten Kindesseele, all das tönt einheitlich aus dem
kntsetzen erregenden Pochen der Triolen und der beklemmenden
aufwärts stürzenden Baßfigur. Nur bei den Lockungen Erlkönigs
ritt eine Variation des Rhythmus' ein; doch baut sich die
drohung wieder auf den prasselnden Triolen auf. Und darüber
in einfacher, lapidarer Zeichnung die erschütternde Melodie, der
»rgreifende Gesang mit der dramatischen Zuspitzung im Schluß—
zezitativ — einc Meisterleistung des 18jährigen Jünglings
»hnegleichen. Das Jahr 1816 brachte mit einer großen Zahl
vertvoller Lieder den „Wanderer“, der es zwar an innerer,
geschlossener Einheit fehlen läßt, aber doch viel zur Verbreitung
on Schuberts Ruhm beigetragen hat.
Ich muß darauf verzichten, eine Aufzählung seiner bedeutend—
ten Gesänge hier folgen zu lassen; eine Darlegung auch nur
der Details einzelner Meisterlieder würde den Umfang dieser
Abhandlung weit überschreiten. Seine zwei Liederzyklen will
ich aber noch erwähnen, „Die schöne Müllerin“ (I828,
20 Lieder) und die „Winterreise“ (I1827, 24 Lieder)
nach Dichtungen Withelm Müllers, des sogenannten „Griechen
Müllers“. Eine tragische Liebesgeschichte in Liedern ist der
Zyklus „Die schöne Müllerin“. Schubert, dem die erhabene
Sprache Mozarts und die erschütternde Beethovens geläufig
var, der ihr innerstes Geheimnis erschaut hatte, findet in diesen
„Müller-Liedern“ einen volkstümlichen Stoff, der ihn sofort
rfaßt. In denkbarer Einfachheit gestaltet er aus dem Reichtum
eines musikalischen Empfindens Lied auf Lied in idhhllischer
Natürlichkeit und edelster Volkstümlichkeit. Das Genie erfaßt
die seelischen Vorgzänge am einfachsten, unkompliziertesten. So
berühren sich in Schubert Natur und Kultur, Volkslied und
dunstlied aufs innigste, und eine Vereinigung dieser beiden
Faktoren, das Produkt ihrer Vermählung ist dieser köstliche
3yklus
Die „Winterreise“ ist der musikalische Niederschlag der
Todesahnungen unseres Liedermeisters. Beethoven war im März
1827 dahingegangen, er selbst befand sich wegen der Hartnäckig
eit seines körperlichen Leidens in höchst bedrückter Stimmung
Mit Wehmut überschaute er sein an äußeren Erfolgen so

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irmes Leben, er fühlte schon den nahenden Schaätten des
rühen Endes. In dieser Zeit der Todesvisionen kommt ihm
zie „Winterreise“ Müllers in die Hand. In dem müden, dem
Hrabe zuschreitenden Wanderer, dem die Liebe den Todesstoß
nersetzt hat, erblickt er ein Abbild seiner eigenen Person. Sein
Innerstes ist aufgewühlt; mit blutendem Herzen und schmerz—
zuckender Feder schreibt er nun die Bedrängnisse seines Lebens
eine ganze Hoffnungslosigkeit in diesen von Wehmut erschauern—
»en, von Schmerz erstarrenden 24 Liedern der „Winterreise“
tieder. Stilistisch stehen sie auf ganz anderem Boden wie die
»er „schönen Müllerin“, in denen Volksweise und Volkstum
hren musikalischen Ausdruck gefunden haben. Die „Winter⸗
eise“ ist die Offenbarung seines eigenen Seelenzustandes, seines
deidensweges, dessen erschütternde Tragik der „Leiermann“ zuletzt
»erkündet: „sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer“. Sein
ingeborenes Naturell, seine Urwüchsigkeit halfen ihm jedoch auch
iber diese trüben Stimmungen hinweg. Im „Schwanen;
zesang“ (der Titel ist nicht von Schubert) erblüht noch
inmal ein Liederfrühling. Unter den 14 LSiedern sind die zu
»en Texten Heines die besten und eigentümlichsten. Wie Schubert
ür jeden Dichter einen eigenen Stil erfindet, so betritt er auch
in diesen Heine-Liedern wieder Neuland. „Hatte er bei Schiller
zie Lyrik unter Pathos, bei Goethe unter Gedanklichkeit ge—
unden, so stand sie hier vor ihm in künstlerischer Voltbstümlich—
eit und visionärer Stimmung, ganz vorhanden, sinnfällig und
chön.“ (GOskar Bie, „Das deuntsche Lied“.) Diese visionäre
Ztimmung der Texte verdichtet sich in ser Melodie zu eben
poetischen Ausdruck, sie nähert sich dem in seinen ersten
»alladesken Liedern gepflegten rezitativen Stil, der aber nun
ergeistigt, innere Notwendigkeit ist und auf den Sprach-Jesfang
 der Zukunft hinweist, der im „Doppelgänger“
chönste klassische Gestalt erhalten hat und in Rich. Wagners
Musikdramen und den Liedern Hugo Wolfs das Fundamen
des Schaffens dieser Meister geworden ist.
Schubert hinterließ uns rund 600 Lieder. Manche sind
ꝛehrlings- und Gesellenarbeit, andere veraltete „Berliner Schule“,
nanche konventionell, formal gut, aber innerlich gleichgültig,
indere uneinheitlich und nur für den Augenblick geschaffen —
iber eine sehr große Zahl sind Meisterlieder von bleibendem
Werte, die heute noch wie vor hundert Jahren die Herzen
ntzücken. Als Schubert starb, stand das deutsche Lied gleich—
zerechtigt neben den großen Instrumentalwerken der klassischen
zeit. Er hat ihnen diesen Ehrenplatz erobert, und, das Ausland
nahm das Wort „Lied“ in seinen Sprachschatz auf, da es ihm
Gleichwertiges nicht an die Seite setzen konnte. Im Liede spiegelt
tich deutsche Wesensart und deutsches Gemüt; es ist ein wert—
»olleres Propagandamittel als die Leistungen mancher Politiker
Es ist unser Stolz. Danken wir es unserem geliebten, un
ergeßlichen Franz Schubert aus Wien! Fritz Anschütz

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