SZeite 1540
Saar⸗Sänger-Bund!
n Nr.
Musik und haben das, was ihnen fehlte, so vollauf in
der Schubertschen Musik gefunden, wie wohl kaum
irgend welche Dichtungen unseres Jahrhunderts. Was
Schubert geleistet, indem er diese Lieder in das Reich
der Töne erhob, gehört gewiß zu dem Höchsten, was
dieser Meister je geschaffen hat. Die Melodien ent—
quillen seiner Seele in nie versiegbarer Fülle, die
Harmonien wechseln von sanfter Einfachheit zu höchster
ymphonischer Gewalt, und nie wohl ist ein so voller
dramatischer Effekt mit so geringen Mitteln erreicht
vorden. Solange deutsche Ton- und Dichtkunst leben
werden diese Lieder, wie reine Edelsteine zu schönstem,
goldenem Schmuck gefaßt, eine Zierde in der Krone
Deutschlands bleiben.“ — Schubert hatte schon unendlich
biel Fleiß und Mühe erfolglos auf die Komposition
Die Fama, die die einfachen Ereignisse im Leben
eines Künstlers oder irgend eines bedeutenden Menschen
gern mit dem Schein einer romantischen Gloriole um—
gibt, die das manchmal Unerklärliche durch eine Ge—
schichte, eine Anekdote ausschmückt, zu erklären versucht,
hat sich mit den Phantasiegefühlen Schuberts beim
domponieren der Müllerlieder nicht zufrieden gegeben,
ondern diese vorgestellten Empfindungen des Meisters
in wahrhaft erlebte Gefühle umgewandelt und die
Hölderichsmühle in Mödling bei Wien als
die Geburtsstätte seiner Müllerlieder bezeichnet.
Verschmähte Liebe, Eifersucht und Stolz, wie sie in
den Müllerliedern so volkstümlich dargestellt sind, soll
er in dieser Mühle selbst erfahren und erlebt haben,
und darum sei es ihm so einzigartig gelungen, die
Texte W. Müllers so lebenswahr und ergreifend in
Musik wiederzugeben.
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Bildnis des Dichters Wilhelm Müller.
einer Oper verwandt. Auch im Jahre 1823, dem Ge—
zurtsjahr des Müller-Zyklus, hatte er es wiederum
oersucht, mit drei Werken auf der Bühne festen Fuß
zu fassen, „Die Verschworenen“, „Fierrabas“ und
„Rosamunde“ sollten ihm das Theater erobern, aber
„verlorene Müh, vergeblich wars geschehen“. Einmal
hatte er die unglaublich ungeschicktesten Dichtungen
gewählt, und dann fehlte ihm auch der theaterhafte
Instinkt, der Sinn für die musikdramatische Gestaltung,
er war und blieb der von Grund aus lyrisch veranlagte
Tondichter, seine Lieder haben ihn unsterblich ge—
macht. Wenn ich oben sagte, das Schicksal spielte ihm
eines Tages die Müllerlieder in die Hand, so wollte
ich zum Ausdruck bringen, daß er gewissermaßen durch
eine außer ihm liegende Fügung an eine opernartige
Dichtung geriet, die seinem feinsten musikalischen Ver—
mögen gerade im geeignetsten Zeitpunkt entgegenkam.
Es war so, als ob ihm eine innere Stimme sagte:
„Genug Goethe, Schiller, Mayerhofer, Rückert, Uhland
usw., du hast deine Kraft an Einzelgedichten erprobt,
hier hast du einen Zyklus, eine Liederoper, die deiner
Begabung entspricht; hiermit überrasche die musika—
lische Welt!“
Bildnis von Hedwig von Stägemann.
Jedenfalls waren ihm das Klappern der Mühle
das Rauschen des Bächleins, die Sprache der Blumen,
der Klang der Laute und das Horn des Jägers ge—
äufige musikalische Begriffe, um in der Gestaltung
»er Seelenbilder, die in den Müllerliedern an uns
»orüberziehen, die melodischen Grundlagen abzugeben.
Rein formal betrachtet bietet Schubert in diesen 20
Liedern eine Darlegung der verschiedenen Liedformen,
vie man sie instruktiver gar nicht günstiger zusammen—
tellen kann. Hier finden sich alle Arten der Lied—
omposition, das einfache Strophenlied und das durch—
omponierte Lied, das spielerische Rondo sowie das
seelenvolle Andante, die freie, rezitativische Deklama—
tion wie die groß angelegte rein melodische Linie.
Mit einem Volkslied vom Wandern beginnt der
Zz3yklus: „Das Wandern ist des Müllers Lust“. Der
zuf der Wanderschaft befindliche Mühlknappe folgt dem
Laufe eines munter bewegten Bächleins, dessen Rauschen
ihm wie Nixengesang dünkt, der sein Herz in Wallung
bringt, als sollte ihm hier was besonderes Schönes
und Liebliches widerfahren. „Wohin“, so fragt er,
„wird mich mein Weg führen?“ Eine klappernde Mühle
bietet ihm „Halt“. Jetzt versteht er das Locken der