Nr. 6
Saar-Sänger-Bund
Seite 143
»egnügte sich, seine Augen über der bunten Au auf die
Weide zu führen.
Doch in Augsburg gab es noch andere paradiesische
Bärten, von denen eine Macht der Lockung und Ueber—
edung ausging. Die Buchhändler stellten die farbigen
defte der Indianergeschichten aus, die damals unverdient,
vie uns gepredigt wurde, unsere Lieblinge waren. Auf
dem Trödelmarkte aber konnte man alte Schartecken um
»in paar Groschen pfundweise kaufen. Wer schon ein—
nal das Fieber der Lesewut durchgemacht hat, der wird
riachfühlen, was diese Schätze hinter Schaufenster und in
»en elenden Bretterbuden für mich bedeuteten. Ich konnte
in den Indiagnergeschichten nicht vorbeigehen, ohne wenig—
tens die Bilder anzusehen, die pompösen Titel zu lesen
ind die Kraftstellen zu verkosten, die wie Lockköder am
Imschlag prangten. Ich schluckte sie, und mit ihnen die
Angel, ging hin, kaufte und mußte dann wochenlang wieder
zanz verflücht „burgele“, um die unnötige Ausgabe durch
ein freiwilliges Fasten wettzumachen.
So trotzte ich denn manchmal, überwältigt von heißem
Begehren, den heiligen Zitterhänden hingebender Arbeit.
Aber sie blieben gleichwohl meine mächtigen Wächter und
ießen mich nur dann und wann einen Tropfen von dem
»erschütten, was die fleißigen Arbeitsbienen gesammelt.
Jene Hände nun hatten längst zu zittern aufgehört und
varen im Stübchen unter der Erde, im Ewigen Haus,
zur Ruhe gebettet worden, da war ich einmal Zeuge,
vpie sich die Szene vom Eichentisch der Bauernstube am
Marmortisch des Herrenhauses wiederholte. Dieser Vater
zriff mit schlanken und untadelig weißen Fingern und
ohne zu zittern in die vollgespickte Börse. Wenn der Sohn
Feste feierte und aus dem Vollen lebte, mußte der Vater
nicht Kopf und Hände zu übergroßen Mühen aufpeitschen,
und die Mutter und Geschwister mußten daheim nicht
zurgele, um den Aufwand wieder ins Reine zu bringen.
Aber mit einem Male sah ich auch über dieser vollen
Börse rauhe, verzogene Vaterhände. Ich dachte der schweren
dand des Volkes, als der Vaterhand, die über jeder vollen
Börse zittert, die sammelt, ackert und rauhes Werkzeug
ist, die segnet, wenn ihre Schätze ehrfürchtig und edel weiter—
gegeben werden, die sich aber zur Faust ballen muß, wenn
nan herzlos die Früchte ihres Fleißes mißachtet.
Ich liebe meines Vaters Bild: die ruhesamen, blauen
Augen, das gebleichte Haar, die gesund-rosigen Bäcklein
den erdwärts gesenkten, edlen Greisenkopf; aber ich ver—
ehre wie etwas Heiliges diese Hände, vor denen ich in
nanch nachdenklicher Stunde ein Lämpchen des Gedenkens
brenne.
oor. Er öffnete die Riemen, bog die verschrumpften Falten
auseinander und kramte und zählte. Und dabei blieben
meine Blicke wie gebannt bei den Händen stehen. Diese
Hände zitterten ein wenig, obwohl der Vater sonst ein
kräftiger Mann war und tapfer zugreifen konnte. Sie
varen plump und verkrümmt, den einen oder anderen
Finger verunstaltete eine Wunde von einem Pferdebiß
oder Sensenschnitt. Rotbraun hatte sie die Sonne gefärbt,
und innen war sie voller Schrunden und Schwielen. Wie
oft hatte ich als kleiner Bub für diese Hände gefürchtet,
venn sie beim Schneiden allzu nahe an die Walzen der
Maschine kamen und an Feierabenden, wenn sie ruhesam
in seinem Schoße lagen, hatte ich mit ihnen gespielt und
die frischen Wunden der Holzsplitter und Hammerhiebe
nach Kinderart geblasen und den Segensspruch über sie
gehaucht: „Heile, heile Segen!“ Es waren gute, starke
Hände, es wären von zäher Arbeit gesegnete Hände. Aber
daß ein Zittern in ihren Fingern war, das machte mich
vor ihnen schwach und elend. Ich preßte und stockte und
zog ab mit einer Summe, die nur jener Burga-Bäs über
Monate hinausgeholfen hätte.
In der Stadt nun prunkten hundert Schaufenster und
die verlockendsten Herrlichkeiten riefent „Nimm mich mit!“
Da waren die süßen Stimmen der Zuckerwaren. Wie
sie zu schmeicheln wußten! Doch sie drangen nicht zum
Herzen des Studentleins. Gegen sie feite ihn sein Buben—
stolz. Denn Schlecken, Gutsele-Schlecken, das war etwas für
Mädchen und Dämchen. Er hätte sich vor jedem Pflaster⸗
sttein geschänt, wäre er in einen solchen Laden getreten.
Doch ich wohnte am Obstmarkt. Wenn ich hungernd von
der Schule heimkehrte, wenn ich hoch oben im Erker bei
meiner Arbeit saß und aufschaute, immer mußte ich durch
den paradiesischen Duft, durch das Prunken von schwellend—
rundem Goldgelb, Rot und saftigem Schwarz. Sommers
und Winters lag die edelste Reife über diesem Zauber—
darten. Der Herbst vollends überwucherte förmlich die
zrauen Pflastersteine auf dem freien Platz mit appetit—
licher Fülle. Da lachten um die roten Kopftücher der
Baͤuernweiber Heidelbeeren und Himbeeren. Auf ihren
blanken Wagen wiegten sich Jakobiäpfel — die dufteten
vie der Mutter Trühe — und Wasserbirnen — die ver—
etzen in den heimatlichen Garten zurück. Manchmal öffnete
der Bub seinen Geldbeutel, der, ach, so gar kein Licht
bertragen konnte und dessen Schätze wie Maischnee hin—
schmolzen, wenn er ihn zu oft dem Lichte aussetzte. Die
sirschenzeit kam immer in die hungrigste Leere hinein,
ind da sah man auf dem Obstmarkt nur noch Kinder mit
Düten in den Händen, und rote Lippen haschten nach dem
roten und schwaͤrzen Gelock der an schlanken Stielen läu—
enden Kügelchen“ Aber wenn die Einladung zum Mit—
iehmen allzu häufig angenommen wurde, dann zitterten
iber des Studentleins Geldbeutel des Vaters Hände. Er
etzte ihm einen gestrengen und unbestechlichen Wächter und
Peter Dörfler
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