Full text : 6.1928-1929 (0006)

Der Lebenstag Wilhelm Müllers müdersdorf.

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Man könnte meinen, es sei der Wille des Geschicks, das
ÊDNKünftige im Leben Wilhelm Müllers, Rüdersdorf,
oorher anzudeuten, als es ihn, den Isergebirgler, gerade
in der Weltstadt Berlin (am 1. Juli 1889) geboren werden
ließ. Als eine Andeutung auf seine spätere Mittlerstellung
zwischen der freien, frohen Natur und dem sekundenjagen—
den Treiben der Großstadt. Denn sein Schaffen entspringt
dem Willen, in Indüstrialisierung und Technik verstrickte
Menschen zur Mutter Erde zurückzuführen. Aber auch
in rauchenden Schloten und rastlos hämmernden Maschinen
offenbart sich ihm der seelische Gehalt eines Leben schaffen—
den Willens. Und gerade dieser offene Blick sowohl für
das Gotteswerk in der Natur als auch für das Werk
tätiger Menschen in Technik und Industrie gibt ihm die
Eignung für die schöne Mittlerstellung. Der spezifische Zug
im Wesen des reinen deutschen Menschentums ist auch
diesem ostdeutschen Dichter und Schriftsteller eigen: er
hleibt der Heimat verwurzelt, wenn Not und Schickung in
einem Leben ihn ihr längst entführt haben. Aber in der
Aufgeschlossenheit des Natürkindes beobachtet er seine neue
Umgebung, und die Synthese führt notwendig zur Kunst:
hnseiner Begabung gemäß zur Dich—
rung, in der er die eine Linie in allem
Beschehen aufzudecken sucht.
Wir haben vorweg genommen, was
uns in seinem Leben und Werk be—
tätigt wird. Die Vorfahren seines
Baters, der als Postbeamter vom Iser—
zebirge nach Berlin versetzt wurde,
varen vertriebene Salzburger, die zu—
erst nach Mähren kamen und die Friedrich
der Große, als auch dort die Verfolgung
zu groß wurde, in jenem bekannten
Streifzug mit einer Abteilung seiner
Soldaken nach Schlesien, in die Nähe
Slosans— holen ließ.
uch seine Vorfahren mütterlicher—
seits sind Ostdeutsche, ein altes Bauern—
geschlecht, das lange Zeiten bei Berlin—
hen in der Neumark den Grund und
Boden vererbte.
Der geweckte Knabe sollte Lehrer
verden. Er verbrachte nach seiner Ent—
assung aus der Schule herrliche Aus—
hildungsjahre in, Joachimsthal. Auf
seinen vielen Streifen durch die Schorf—
heide, Umgebung Werbelins und des
Frimmlitzsees genoß er naturselig die
Zchönheiten dieser Landschaften in vollen
Zügen. Er brachte eine ganz beachtliche
Käfer- und Schmetterlingssammlung zu—
sammen und erwarb sich weitgehende
zoologische Kenntnisse. Es war natür—
lich, daß er sich im gleichen Verhältnis
nit der geistigen Bildung auch die körperliche angelegen sein
ließ; im Turnen, Schlittschuhlaufen und allen anderen
portlichen Künsten war er einer der besten. Zum Beispiel
durchschwamm er den Uckersee und stellte damit im ge—
vissen Sine eine Rekordleistung auf.
Nach vollendeter Ausbildung trat er in den Schuldienst
in dem Bergwerksort Rüdersdorf. Hier entstanden seine
ersten Arbeiten, die in fein säuberlichen Manufkripten
in einem Mahagonischrank seines Zimmers aufbewahrt
varen. Die Handschriften blieben bei einem Brand, der
»ereits einige Bücher auf diesem Schränkchen erfaßt hatte.
vie durch ein Wunder bewahrt, denn das Feuer erstickte
in seinen eigenen Rauch. Für seine Entwicklung ist dieses
Erlebnis insofern bemerkenswert, als es ihn an die walten—
den Mächte eines unendlich Großen glauben ließ, das die
Feschicke der Menschen in fester Hand hält. Charakteristisch
für das in der Einleitung Gesagte ist die gewaltige Sehn—
sucht, die ihn hier nach seiner schlesischen Heimat packte.
Alle bestehenden Bindungen konnten ihn nicht hindern,
sich ins Isergebirge verssetzen zu lassen; er hatte den brennen—
den Wunsch, Heimat und Volkstum zu erforschen. In den
derrlichen Hängedörfern am Abhange des Chemnitzkammes
nit dem Blick auf den Hohen Iserkamm hat er Jahre
zfschürfrenden Grohens noh don Schätzen der Mosfsseelfe

einer Heimat verbracht. Die Psyche des dortigen Bauern—
ums haͤt er wie kaum einer kennengelernt und seine Er—
ahrungen in dem Werkchen „Aberglaube und Volksmeinung
m Isergebirge“ (Iserverlag, Friedeberg, Qeueis) niederge—
egt. Eine weitere Frucht dieser Jahre ist der Band „Der
Nachtjäger und andere Geister“, in dem er wertvolle iser—
jzebirgische Sagen und Legenden gesammelt hat. In einer
Unthölogie mit Erzählungen und Gedichten veröffentlichte
r auch viel eigenes Schaffen, in dem Forschen und Er—
eben dieser Jahre dichterische Gestalt angenommen hatte.
dier hat er sich auch die Grundlagen für sein später (Wester⸗
nann, Braunschweig) erschienenes wissenschaftliches Werkt:
Das Isergebirge und sein schlesisches Vorland“ erarbeitet,
benso auf ausgedehnten Wanderungen das Material für
eine sechs heimatkundlichen Bücher über Schlesien (Verlag
Brandstetter, Leipzigh. Von seinem reichen Wissen über
deimatdichtung und Volkskunde hat er auch auf zahlreichen
Vortragsreisen Zeugnis abgegeben. Er ist ein beredter Künder
»er bisher verborgen gebliebenen Schönheiten seiner Heimat
geworden. Auch die Bücher „Der Schlesierbaum“ (Verlags—
instalt Görlitzer Nachrichten und Anzeiger), „Der Spiegel
mit dem Bildrand, Fabelgeschichten“,
um nur einige zu nennen, verdanken
den zahlreichen Anregungen dieser Zeit
hre Entstehung. Bemerkenswert ist hier
das starke musikalische Element; Vers
uind Prosa erhalten einen ganz eigen—
rrtigen Rhythmus und eine Melodik,
zie mehr ist als bloße Alirteration.
zeugen größerer Reife und der scharfen
ßeobachtungsgabe sind seine Versspruch—
und Aphorismenbändchen: „Des Glückes
Zßrücke“ und „Schmied' uns Leben“ (Sei—
dold, Leipzigs. Jedes noch so kleine Ge—
chehen erscheint ihm in einer Beziehung
zum Unendlichen, einzelne Sprüche und
Aphorismen sind von einer erstaunlichen
stlarheit und Ueberzeugungskraft. In
den Büchlein: „Der Heimatkranz“ (Zen—
ralstelle zur Verbreitung guter deut—
cher Literatur) und „Das Wanderxer
Testament“ finden wir starke Zeugnisse
ür die bewußt empfundene Verwurze—
lung des Dichters mit der Natur und
mm besonderen mit seiner Heimat. Als
Biographie seines Werdens können wir
die beiden Gedichtbände „Wo die hohen
Wälder wogen“ und „Die selige Stille“
beide Iserverlag) ansprechen.
Daß der Pädägoge das, was ihm die
Natur in Fülle geschenkt hat, auch an
Kinder weitergeben möchte, ist nur zu
erklärlich. Und so ist Wilhelm Müller,
Rüdersdorf, zu einem Hauptvertreter
der Jugendliteratur, vielleicht ihrem fruchtbarsten, geworden
und hat ihr neue Wege gewiesen, neue Perspektiven ge—
zffnet. Im Interesse dieses bisher übersehenen Schrift—
tums ist es nur zu begrüßen, daß ihm als Schöpfer einer
neuen Art von Jugenddarbietungen im Rundsunk Ge—
legenheit gegeben ist, sein vielseitiges Können und seine
Begabung Zu entfalten, Kindern Kindliches in künstlerischer
Form zu geben. Viel beachtet sind seine jugendliteratur—
vissenschaftlichen Rundfunkvorträge in den verschiedensten
Ztädten Deutschlands. Zu eigenem Schaffen auf diesem
Hebiet ist ex durch seine diesbezüglichen Studien (außer
»er „Geschichte der ostdeutschen Literatur“ bearbeitet er
ruch die „Geschichte des deutschen Jugendschrifttums“) an—
jeregt worden, Außer seinen zahlreichen Jugendheraus—
jaben in hübschen kleinen Bändchen, die geradezu als
Quellen für das Jugendschrifttum angesehen werden können,
hat er auch Sammslungen eigener Kinderdichtung (Lieder
uind Erzählungen) heräusgegeben, von denen wir hervor—
jeben „Das bunte Karussell“, „Lauter lust'ge, Luftballons“,
Tiergetolle“, das Rätselliederbuch „Knackt auf“. Eine große
Anzahl seiner hübschen Kinderlieder ist vertont worden
Trotz seiner Erfolge (er ist wohl der meistgedruckte Kinder
ichter) ist er bei der Jugenddichtung nicht stehen geblieben
Aoine Nörliehe fij⸗- No horho Schänheit vommaricho

Wilhelm Müuller. Rüdersdorf.
            
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