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heuerem Ausmaß und einer so gewaltigen Begeiste—
rungskraft, daß die Riesenstadt unterzugehen schien in
einem brausenden Meer von Menschen und Fahnen und
Wagen. Von goldgekleideten Herolden geführt, kam der
Festzug heran. An der Spitze der pompöse Festwagen
des Deutschen Liedes. Die Farbenwirkung dieser Gruppe
wurde vertieft durch eine Gruppe von Fahnenschwingern
und eine Kavalkade von österreichischen Kürassieren.
Schon die eigenartige Buntheit in der Festzugspitze riß
die Massen zu Freudenrufen hin. Das Beifallsrauschen
aber sprang über in einen Sturm grenzenloser Be—
geisterung, als die ersten Sängergruppen an den Tri—
bünen vorbeimarschierten.
Vor dem Prachtgebäude der Hofburg stand ein kunst—
voller Pavillon in Gold und Weiß, umgeben von
einem Wald von weißen Fahnenstangen. Darüber in
fein abgetönten Schattierungen eine Wolke leuchtender
Fahnen. Auf der Ehrentribüne Bundespräsident
Hainisch, Bundeskanzler Dr. Seipel, Bürger—
meister Dr. Seitz, hohe Militärs, die Botschafter und
Gesandten aus allen Weltgegenden. Die Zuschauer—
tribünen, die Straßen, die Fensterfronten, die Dächer
überfüllt mit hunderttausenden von Menschen. Neun
Stunden lang hielten sie aus in glühender Sonnen—
hitze, um dieses einzigartige Schauspiel des Festzugs
auszukosten. Man stelle sich vor: im weißen Tropen—
anzug die Deutschen aus Uebersee, tausende von Deutsch—
Amerikanern mit kleinen Fähnchen, Deutsche aus dem
Osten in Volkstracht, ganze Armeen von Sanges—
brüdern aus der Steiermark, aus Kärnten, aus dem
Oberland, alles prächtige Gestalten in der Landes—
tracht. Dann die Brüder aus dem Rheinland, hinter
ihnen die aus Westfalen, die Schwaben, die Branden—
burger, die Schleswig-Holsteiner, die Sachsen, Pommern,
Dstpreußen, Schlesier, die Saarländer in feierlichem
Schwarz. In breiten dichten Reihen kamen die deutschen
Sängerbünde angerückt, Fahnenregimenter voran,
Fahnengruppen dazwischen, und immer wieder gingen
die Klänge der Musik unter im Brausen der Heil—
Rufe. Sah man von der Tribüne den Ring hinauf,
dann war es, als ergieße sich aus dem breiten Säulen—
portal des Parlaments im Hintergrund ein unge—
heuerer farbiger Strom, so dicht war die Masse der
Fahnen und Menschen. Plötzlich reißt der Rhythmus
des Marschtritts ab — eine Lücke entsteht — hundert
Meter freier Raum und — in der Leere drei gebräunte
tämmige Gestalten in Tiroler Tracht. Ein Fahnen—
zräger und zwei Begleiter. Die Musik erklingt. Da
zricht plötzlich ein Sturm der Begeisterung los, daß
die Tribünen zu bersten drohen. Ungeheuerer Beifall
tost in die Stille. Ein Blumenregen geht auf die drei
herab. Heil! Südtirol heil! Heil! klingt es aus 100 000
stehlen. Hoch wogt die Flamme der Begeisterung, das
Mitgefühl mit den unterdrückten Volksgenossen in Süd—
tirol befeuert die Massen, läßt glühen die Herzen.
Aus dem Bewußtsein der nationalen Verbundenheit
vuchs hier eine Kundgebung von so überwältigender
Bröße, daß der Glaube an Deutschlands Zukunft und
die Kraft unseres Volkstums sich siegreich über jeden
Zweifel hob.
Der kritische Beobachter ist leicht versucht, derartige
Gefühlsausbrüche einer Volksmasse als Suggestions—
auswirkungen zu deuten. Die Tiefe des Empfindens, die
sich in allen Einzelheiten dieses Festes offenbarte, die
Macht dieses Aufrauschens und Widerhallens zerstreute
einen solchen Pessimismus jedoch wie Spreu im Winde
Und es war schon richtig, wenn abends auf dem Fest—
bankett in dem gotischen Saal des Wiener Rathauses
der Bürgermeister der Stadt Wien sagte: Diese größte
Anschlußkundgebung, die jemals in der Welt stattge—
funden hat, ist gelungen, weil alle Deutschen, wo
mmer auch ihr Heim ist, erfüllt sind von dem einen
großen Gedanken: der Einheit des deutschen Volkes.
die deutsche Sängerbewegung aber kann das Verdienst
für sich in Anspruch nehmen, daß sie diesen Gedanken
der anschlußfeindlichen Welt überzeugend einhämmerte
Und den Saarsängerbund darf das Bewußtsein mit be—
sonderer Befriedigung erfüllen, daß er würdig ver
treten war bei dieser größten Kundgebung des Deutsch
tums, daß er mitgeholfen hat an diesem Werk.
L. Kreutz.
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