Full text : 6.1928-1929 (0006)

Bei Wiens grotßzen Musikern.

Saar⸗Sänuger-Bund Hlhtssüshuhthtshyher—.. ..Du.

—DVV

An einem stillen — unserer Wiener Wochen war's.
AErlebnisstrecken voller Wunder lagen hinter uns, Ein—
drücke einer alten deutschen Kunstkultur, Erinnerungswerke
herzstarken deutschen Schaffens und Erdenglanz strahlende
Offenbarungen einer bezwingenden Umweltnatur — wie
sie die musengesegnete Donauhauptstadt so überaus reich
aufzuweisen hat. Da trieb es uns dazu, die Sinne von
den zeitüberdauernden Schöpfungen unserer großen und
znadenden Werkspender der Vergangenheit auch auf diese
selbst zu lenken und eine leise, heilige Totenfeier zu
halten. Draußen, im abseitigen Simmering: Wiens großem
Bräberort, gingen unsere Träume zu Gast bei des Donau—
reiches abgeschiedenen Domhütern deutscher Kunst. Hier
dehnt sich — wohl durch eine Tageswallfahrt nicht völlig
zu erwandern — der riesige Wiener Iniedhp aus.
Wir traten in seine Pforten und pilgerten durch seine
Parkgänge und wurden von den Schauern der Ehrfurcht
und Bewunderung gepackt, wie nirgends in einer Hafen—
stille Heimgegangener. Und uns ergriff der Segenshauch
einer Pietät und Totenehrung, mit der das lebensfrohe und
heute so von Leid und Not gemarterte Wien alle Städte
in der weiten Welt beschämt. Auf dem von gahger Liebe
gestalteten und betreuten Wiener Zentralfriedhof schlum—
mert die Mehrzahl der unvergeßlichen Größen der etwa
zwei Millionen Seelen umfassenden Donaumetropole. In
zwei Teilen — einem älteren, parkummäntelten, ziemlich
vorn an der Hauptallee, und einem neueren, links am

uind Musikkritiker Johann Ritter v. Herbeck. Dann — und
sier standen wir lange mit betendem Sinnen — die grüne
vruft unseres Lieblings Franz Schubert, auch in
zuchsnische. Und das zeigt sein Erinnerungsmal: Die
Nuse der Musik drückt ihm den Lorbeerkranz aufs Haupt.
Unten aber läßt ein Englein den kinderfröhlichen Klang
einer Kunst kundwerden, Zu dem Huldigungskranz, der
iuf deinem Erdenkämmerlein, dem oft geschmückten, welkt,
nögen auch unsere frischen Rosen dir unsere Verehrung
zringen, Teurer, vom Leben so viel getäuschter Franzel!
Und nun ade! Schnell noch einen Blumengruß auf das
nöder Platzmitte stehende Mozartdenkmal — das eine mit
dank sühnende Nachwelt 1859 errichtete — und dann ein
»aar Minuten in den Bannkreis des geigenseligen Walzer—
önigs Johann Strauß, den der Reigen der himm—
ischen Musik umspielt und umtanzt. Von ihm wandern
zuf einem kleinen Abstecher unsere Gedanken zurück zu
Kitter v. GIuck, dem Vater fröhlicher Tonkunst. Doch
zann zu dem rechts von Strauß schlummernden Lieder—
pender Johannes Brahms zurück, und ein Heimat—
zruß in das Grab des von Oesterreich mütterlich aufge—
iommenen Norddeutschen! Und weiter reiht sich Grab—
ämmerlein an Grabkämmerlein, scheu teure Namen uns
fündend. Gegenüber dem Berühmtesten der Familie Strauß
vard Strauß' Vater gebettet. Nuch Johann Strauß'
bruder Eduard Strauß — der gleichfalls prächtige Wiener
Walzer schuf — ruht im nächsten Bereiche. Und nun traten

Jängen onaren ä

Friedhofgürtel — hat die Stadt hier mehrere Dutzend
Ehrengräber gestiftet, bis in die jüngste Zeit hinein. Un—
geachtet alles härtesten Lebenskampfes und aller Finanz-—
not. Ja, unvergleichlich groß steht Wien im Hinblick darauf
—QUWr
Richten wir den Blick auf diese Totenehrenstätte, die uns
bor allem mit Oesterreichs heimgegangenen Musikgrößen
tumme Grüße tauschen läßt! Hier im Simmeringer Gräber—
bark fanden wir sie alle so traulich beisammen, mit wenigen
Ausnahmen. Und was ihr temperamentvolles, zartfühliges
Leben im Dienste der klingenden und singenden Muse je—
nals an Trennendem zwischen diesem und jenem aufge—
eichtet, durch den Allversöhner Tod ward an dieser Stätte
die gnadende Harmonie geschaffen.
Da winkst du uns gleich — dem Anzengruberdenkmal
schräg gegenüber — du Denkmal des herzlieben, göttlichen
Mozart! Und ob man auch nicht weiß, wo deine Ge—
heine einst bestattet wurden, junger Genius! der du allzu
früh vom geliebten Erdendasein scheiden mußtest: das
schlichte Ehrenmal läßt uns dir nahe sein! Doch nun zu
dir: Größter im Reiche der Tonkunst: Beethoven!
Kurz, aber gleich Posaunenton, kündet uns der einfache
Marmorobelisk deinen Herosnamen. Die in sich geschlossene
lange mit der Biene des Fleißes im Ringe und die
deier darunter reden symbolisch von deinem Wesen und
Schaffen. Und in der stets mit Kränzen und Sträußen
acen Gruft, um die Ahorn, Erle, Flieder und
Buchs den Arm schlingen und die Kandelaber mit Begonien
Zommers umleuchten, sinnst du, welttaub über der ewigen
Symphonie! Dicht benachbart sind dir die Meisterschöpfer
deines Instruments: die einst recht berühmten Klavier—
sabrikanten J. B. und Andreas Streicher. Und siehe da:
auch der heitere Franz von Suppe, der den Freunden
harmloser Bühnenmusikwerke vor allem seine „Fatinitza“
und „Die schöne Galathee“ ins Herz spielte! Ein ehren—
des Erinnern gilt dann ferner dem bedeutenden Dirigenten

wir in den Frieden Josef Lanners, der auch einer von
Urwiens unübertrefflichen Walzerkomponisten war. Eduard
Strauß gegenüber hat der Vertoner der Kärntnerlieder
Karl Komzak sein letztes Ehrenplätzlein gefunden.
Gleich nach dem Besuche desselben fesselte uns das meister—
iiche Sandsteindenkmal des genialen Liedschöpfers Hugo
Wolf, das zu den hervorragendsten bildhauerischen
deistungen in der reichen Zahl der gediegenen Kunstverke
 zählt, die der Wiener Zentralfriedhof sein eigen
iennt. Auf der Hauptallee der Friedhofskirche uns
iähernd, kamen wir zum Grabe des Bettelstudenten-Kom—
2onisten Karl Millöcker. Das Denkmal des Operetten—
neisters zeigt einen Musenengel, der den Lorbeerkranz auf
ein Haupt legt. Eine Szene aus dem „Bettelstudenten“
erblicken wir unten, darüber 3 mit Narrenkappe. In
der Mitte über der Handlung sind Instrumente und Noten
dargestellt.
Mit dem Besuche der Millöckerschen Ruhestätte war
unsere Totenseier im älteren Bereiche der Ehrengräber
heendet, das außer bedeutenden Musikern — von denen
vir nicht alle namhaft machen — in buntem Reigen auch
zahlreiche Dichter, Maler, Bildhauer, Wissenschaftler, Poli—
iker. Staatsmänner und Verwaltungsgrößen beherbergt.
Vor unserem Abschiede vom Zentralfriedhof noch die im
Schutze der vorderen Friedhofswand gebetteten Ehrentoten
zesuchend, standen wir auch am Grabe des hochgeschätzten
Pädagogen unter den Komponisten: Carl Czerny. Die
Schlummerstatt Josef Bayers, der die „Puppenfee“ kom—
donierte, ist ihm nahe. Und dann ein Scheidegruß den
Doten Wiener Tonkunstmeistern am Grabe des Klavier—
pirtuosen, -pPädagogen und -komponisten Theodor Leschetitzky.
— Und bald hatte uns nach dieser heiligen, Vwerdeß,
tichen Totenfeier das brausende Leben der Großstadt
wieder in ihrem Arm.
Wilhelm Müller, Rüdersdorf

SANGER. TRINXCLMOLKURI
            
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