Full text : 6.1928-1929 (0006)

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Nr. 5

der Musfsfsikant.

Oer alte Jan, des Kurfürsten von Köln verkommener
Tenorist, hockte wieder auf seiner Bonner Dachstube
und soff. Wie sollte das noch enden? Seine Stimmbänder
rosteten, die Kapelle kündigte ihm, der Winter ist hungrig,
und — Herrgott ja, da jammert sie wieder: nebenan lag
Frau Maria Magdalena im Wochenfieber und stöhnte ihm
schon zwei, Tage lang die Ohren voll. Da schüttelt sich
Jan, knallt das Weinglas zu Boden und heult, wie
Trunkene heulen, garstig und mit rot verquollenen Augen.
„Es muß anders werden, es muß, es muß ...!“ so greint
er und torkelt über Scherben und Dielen, die er aus Eigen—
ekel bespeit. Kein Bild hängt mehr an den Wänden, der
Pilz frißt am Mörtel;, dort stand noch gestern ein Ofen,
heute friert Frau Maria und soll gebären.
„Gebären!“ schreit Jan und betrommelt seinen zerzausten
Schädel, „gebären“ — „du Unhold fsetzst Leben in die
Welt und weißt —!“
Da fällt er nieder an Marias Bett und zerbricht unter
der eigenen Schande. Kein Wort ist ihm schlecht genug, sich
selbst zu verfluchen, kein Name zu heilig, Frau Rarid
Magdalena, die Wöchnerin, zu trösten.
Die duldsame Frau aber hat den Frieden der Arm—
eligkeit in den Augen. Sie harret ihrer Niederkunft und
faltet die Hände wie, ein betendes Kind. „Es gibt ein
Jung,“ lächelt sie, „die Römerisch hat es gefagt; laß ihn
vas rechtes werden!“ Dann schläft sie wieder matt und
fröstelnd ein. Da ist Jan auf die Beine gesprungen:
„Von heut ab, ich schwörs, von heut ab!“ und tau'end
Jute Vorsätze treiben ihn hinaus, auf die Straße, an den
Rhein, wo ein bleischwarzes Gewitter zwischen den sieben
Bergen hängt.
„Der Jung soll ein Schreiber werden, da kommt er nit
ans Saufen“, so brütet Jan und segnet sich vor dem
Wetterleuchten; „ein Gewitter im Dezember, — Gott Vater,
das ist eine Vorgeungu Am alten Zoll schlagen die
Fischerbarken im Aufruhr des Stromes aneinander, und

die nackten Bäume werden geschüttelt vom heulenden Sturm.
„Oder soll ich ihn Schiffer werden lassen?“ zweifelte Jan.
„dann wird er furchtlos und sieht die Welt!“
Er rennt in die Stadt, da er unbedingt den Schloß—
medikus für Maria konsultieren will. Wie Feuer und
Nesseln brennt ihm die Sorge unter den Sohlen, weißer,
orasselnder Hagel übergießt ihn, aber er rast vorwärts.
Auf den Pfuͤtzen tanzen Blasen, und die Gossen schießen
chäumend nach dem Rheinufer. Immer schneller haftet
Jan, denn die arme Frau Maria, wie dauert sie ihn Da
dält er, inne, schlägt sich an die pustelige Stirn: „Der
Jung wird Medikus, alles, alles soll er werden, bloß nicht
Musikant, nein, nie ein Musikant wie der Alte, den die
Tönesimpelei zum Lasterbild gemacht hat!“
Damit stößt ihm der Sturmwind den Hut vom Kopf,
über den Dächern heult es und jagt es und pfeift es, eine
Zcheibe klirrt vor seine Füße, und zerschlagene Vögel
treiben im Wasser der Rinnsteine. Da sieht Jan die alte
Römersch durch die Pfützen springen: „Herrgott — he —
Römersch, wo willste hin?“
„Zur Maria, du Ludrian, 'nen Sohn kriegt se, und du
lungerst in den Gassen.“
Da krachte ein doppelter Blitz zwischen die schiefen
Biebel, und zehn Donner trommeln in die Finsternis, daß
die Schindeln von den Dächern klatschen.
„Und er wird doch ein Musikus!“ so schreit der Sturm
zrasselt der Hagel, paukt der Donner.
Ja, als Jan sich selbst verfluchte, ein neuer, reiner
Mensch, zu werden versprach, als der zwiefache Blitz die
ꝛisige Finsternis zerteilte und mit furchtbarem Grolf der
Ddonnermund seinen Trotz wie mit Fäusten gegen die
Erde schlug, da hatte Frau Maria Magdalena das Lächeln
im Schmerz gefunden, voll Tränen und mütterlicher Ver—
klärung. Einen Sohn gebar sie, den sie Ludwig nannten:
Budwig van Beethoven.
Heinz Steguweit.

—eeeh—ovpvenmn.

Wi verdanken der Feder des bekannten Musikhistorikers
Bernhard Bartels ein treffliches Werk über
Ludwig van Beethoven, auf das wir unter „Vom Bücher—
tisch“ in doreender Nummer mit wärmster Empfehlung
zingewiesen haben. Ihm entnehmen wir nachfolgend als
urze, aber bezeichnende Probe Aus fürungen über Woh—⸗
nung. Zerstreutheit und Sammlung des eisters:
Beethoven hat in Wien 30 Vhnen gehabt. Ein
ortwährend Hin und Her, Reich und Arm ist seine Woh—
aungsangelegenheit. Wie er gleich in Wien begonnen, so
ging's lebelang: Aus der erften elenden Stube im Dach
hei dem Buchdrucker Strauß, die er bei der Ankunft in
Wien bezieht, findet er sich nach wenigen Tagen schon
im Erdgeschoß des fürstlich Lichnowstyschen Hauses im vor—
nehmen Alsergrund. Und so geht's immer fort in dem
Wechsel einfachster Behausung, gutem Bürgerhaus und
Fürstenpalast. Und immer Wwill er's wie die Reichen
nachen; er kümmert sich um nicht's und zieht in eine
Sommerwohnung, Freunde und Bediente besorgen schon
das bißchen, was er hat. Einst ist er in Mödling ange—
ommen, und sogleich schrieb er in sein Tagebuch:“ „mider
et pauper sum“. Er konnte nicht in der Stadt bleiben, er
nußte den Fürstenpalast verlassen, es trieb ihn aus der
Billa. Sorgenlosigkeit und Ueberfluß wechselt er mit
Kummer und bitterster Einschränkung. Manchmal hat
Beethoven kaum ein neues Heim bezogen, und schon ver—
läßt er es wieder: Neugierige stellen sich an den täg⸗
ichen Weg des wundersamen Fremdlings, um ihn zu sehen.
Sie gaffen in seine Scheiben. Die 1824 bezogene, an—
genehme und schöne Wohnung mit Blick auf den Schön—

»runner Park verläßt er schon nach 3 Wochen wieder.
Als ob er nicht die hohe, im voraus gezahlte Miete notig
habe. Die Brücke, die der Meister benutzen muß, wenn
er die einst gemietete Wohnung verlassen will, ist stets
don neugierigen Leuten besetzt. Diesen Menschen erscheint
s sonderbar, wenn ein innerlich so beschäftigter Meister
chnell und unruhig dahinrennt. Er wird getrieben vom
Senius und der ihn anstaunenden Menge. Voch weilt sein
Beist nur bei einer Sache, da drinnen ist nur Musik,
da geht's nur um das Ideale, was kümmert den Meister
)a die Umgebung? Nach außen hin zerstreut, innen ge—
chlossen, gesammelt. Auf der Straße fallen seine äußerst
ebhaften Gesten auf; das laute Sprechen wird zum un—
ingenehmen Schreien, des Tauben. Oft bleibt er plötzlich
tehen, im Freien nimmt er rasendes Tempo an, dannu
tampft und taktiert er. Buben rufen dem Sonderling
vohl nach, Erwachsene betrachten ihn. Die Genialität
virkt fast stets auf alle zwingend. Der Neffe schämt sich,
nit dem gewöhnlich gekleideten, auffautigen Onkel auszu—
gehen. Und doch verdeckt diese äußere Unraft die innere
Zzammlung, Nie fand Beethoven den eigenen häuslichen
Frieden. Lebenslang hatte er seine 3 vielerlei
Nöte; die fortwährenden Wege und Erlebnifse in Fa—
nilienangelegenheiten allein hielten ihn in ständiger Auf—
regung. „Statt über eine Anzahl Takte nachzusehen, muß
ch viel Gänge machen.“ Ruhelosigkeit und Zerftreutheit
tehen mit den formschönen, plastischen Schöpfungen in
igentümlichem Widerspruch. Dr. Mälfetti meinte? Beet—
soven sei ein konfuser Kerl — darum könne er doch das
rrößte Genie sein. Bernhbard Bartels.

Quolitatsscouhe Fchunhaus Fceuer Saarbrücken3
—XXVV — — Bahnhofsstraße 86/ Tel. 1280
            
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