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Berliner Schule heraus. Klopstock und die Hainbündler,
Goethe und der junge Schiller boten gehaltvollere Dichtun—
gen als ihre kleingeistigen Vorgänger, und Neefe ist der
erste, der einem höheren musikalischen Liedtypus zustrebte.
Diesem Einflusse der edleren Poesie entzogen sich die
Berliner nun auch nicht, und wir sehen in Joh'sann
Abraham Peter Schulz (1747-1800 einen Lied—
neister, der seine Zeitgenossen auf dem Gebiete des Lied—
schaffens bedeutend überragte. Johann Friedrich Reichardt,
»on dessen Wirksamkeit wir naächher noch hören werden,
schrieb über Schulz, seine Bedeutung berühe „auf der
Reinheit seiner Natur und der modernen Richtung seines
Geistes“. Er hat damit in kurzen Worten die musikgeschicht—
liche Stellung von Schulz treffend gekennzeichnet. Selbstlos
ging er an die Aufgabe, die lebenswarmen, herzandringen—
den Gedichte der guten, damals modernen Lyriker vom
dainbund bis Goethe zwar einfach, aber doch erschöpfend
zu vertonen, um sie mit seinen Melodien ins Volk zu
hringen, und das ist ihm gelungen. Wenn auch die Struktur
seiner Lieder, denkbar einfach ist, so zeigen sie doch eine
Einfühlung in die Texte, die damals selten zu finden
vpar. Formal, d. h. in der Gestaltung der musikalischen
Idee bilden fie mit der dichterischen ein Ganzes. In der
Vorrede zum ersten Teil seiner „Lieder im Volkston“ (1785)
isagt er, das gute Singelied müsse den Schein des Bekannten
erwecken, und dieser Schein „bestehe in der frappanten
Aehnlichkeit des musikalischen mit dem poetischen Ton“.
Fr hat den Beweis erbracht, daß sich die höhere Kunsi—
leistung sehr wohl mit einer, knappen, einfachen Form ver—
dinden lasse. Johann Friedrich Reichardt (17524
1814) hat die Liedbewegung noch über die Leistungen
Schulz's hinaus gefördert. Schulz versagte, „wenn es sich
um die Darstellung höherer Grade der Gemütserhebung
Freud und Leid“ handelte (Kretzschmar). Hier sprang
Reichardt, der bedeutendste Kopf in der Endzeit der Ber—
iner Schule, ein. Er übertrifft Schulz an Vielseitigkeit
und Maunnigsaltigkeit in der musikalischen Erfindung. In
etwa 30 Sammlungen hat er rund 700 Lieder veröffent—
icht, darunter 128 zu Goetheschen Gedichten. Außer
Goethe bevorzugte er noch Klopstock, Schiller, Herder, Bür—
zger, Claudius und Hölty. Er war außerordentlich regsamen,
eurigen Geistes, eine revolutionäre Natur (politisch über—
zeugter Republikaner) und explosiven Charakters, besaß
charfe Beobachtungsgabe und rastlosen Fleiß. Obwohl die
großé Ueberzahl seiner Lieder heute nur geschichtlichen Wert
besitzt, so hat Reichardt doch durch die Erweiterung der
Form und reichere Ausgestaltung des Klavierpartes, durch
eine farbenreichere Harmonik und blühendere Melodik das
Lied aus den Fesseln und der Kühle der Berliner Schule
befreit und das Naturlied zum Stimmungslied gewandelt
Seine Stellung, sein inneres Verhältnis zu seinen Texten
ennzeichnet er in folgenden Worten: „Meine Melodien
entstehen jederzeit aus wiederholtem Lesen des Gedichts von
elbst, ohne daß ich danach suche, und alles, was ich weiter
daran tuüe, ist diefes, daß ich sie solange mit kleinen Ab—
inderungen wiederhole und sie nicht eher aufschreibe als
bis ich fühle und erkenne, daß der grammatische, logische,
zathetische und musikalische Akzent so gut miteinander ver—
bunden find, daß die Melodie richtig spricht und angenehm
ingt, und das nicht für eine Strophe, sondern für alle.“
Zu Schulz und Reichardt gesellte sich noch Joh. André
1741 41795) aus Offenbach a. M. der Komponist von
„Bekränzt mit Laub' den liebevollen Becher“ der als
geborener Süddeutscher dem Liedgenre einen Schuß beab—
sichtigter, vielleicht auch mitunter unfreiwilliger Komik und
Derbheit hinzufügte. André ist der erste, der 1775 die
1773 entstandene „Lenore“ Bürgers in durchkomponierter
Form vertont und damit die erste deutsche Ballade großen
Stils geschaffen hat.
Eine interessante Persönlichkeit ist der letzte Kämpe und
Vertreter der Berliner Schule, Goethes Freund und musi—
talischer Berater, der Lehrer Mendelssohns und langijährige
Dirigent der 1790 gegründeten Singakademie in Berlin,
tarl Friedrich Zelter (1758 -1832). Gaar-S.«Ztg.
März 1926, Zelter-Nummer 2) Auch er wurzelt noch im
Strophenlied. 1810 erschien sein Hauptwerk: „Lieder, Bal—
aden und Romanzen für das Pianoforte“, von denen nichts
ls der bei den Studenten noch beliebte „König von
Thule“ übrig geblieben ist; alles andere — verstaubt und
»ergessen. Wohl reicht er in der musikalischen Gestaltung
der Ballade vielleicht über Reichardt hinaus, doch fehlte
ruch ihm das episch Breite und episch Dramatische, über—
zaupt die Fähigkeit, den poetischen Gehalt der Ballade
n wenig prägnanten Motiven zu fassen, wie es später
Loewe gegeben war. Als Balladenkomponist ist Joh.
Rudolf Zumsteeg (1760-21802), Schillers Jugend—
freund von der Karlsschule, entschieden bedeutender, und
vir können ihn ohne Uebertreibung den ersten Meister der
Ballade nennen. Wohl hat er auch einfache Lieder ge—
chrieben; sie sind aber meist so unbedeutend, daß sie gar
richt der Erwähnung wert sind, während seine Balladen
nelodisch viel originelle und charakteristische Züge aufweisen
und ihre Klavierbegleitung reicher, malerischer und gehalt—
ooller wird. In der Nosembernummer der „Saar-S-Z8tg.“
bon 1925 habe ich in dem Aufsatz „Die Ballade“ das
Wesentliche über Zumsteegs Balladenkomposition gesagt. Ich
viederhole hier das auch dort angeführte treffende Urteil
R. E. Schneiders: „Jede Strophe der Dichtung bekommt bei
hm eine besondere musikalische Einkleidung, jede hervor—
zagende Stelle ihre eigentliche Farbe, aber das Ganze
st kein Ganzes und nicht zu einer Zusammengehörigkeit
gjefügt und geschlossen; viel Detail, aber keine Einheit; es
ommt zu keiner Totalstimmung, der epische Grundton wird
»ermißt. Vor allem fehlt es der Zumsteegschen Ballade an
inem melodischen Hauptmotive, das durch das
Banze wiederkehrt und nur nach dem Wechsel der Hand—
ung und Stimmung modiftziert oder von lyrischen Episoden
stellenweise unterbrochen, den epischen Grundton der Gat—
tung verträte. Bei ihm ist alles Episode, jede kleinste
Partie der Dichtung ein Bild für sich.“ Aber Stil, Geist
und Form hat er erschließen helfen und einem Größeren,
denn er war, Karl Loewe, den Weg gezeigt, auf dem die
Erfüllung winkte.
Auch unsere großen Klassiker, das Wiener Dreigestirn
dayden — Mozart — Beéöthoven, haben gelegent—
uͤch Lieder geschrieben. Doch ist es ihnen nicht gelungen,
den Gehalt des Gedichtes vollständig in Musik aufzulssen
und aus diesem musikalischen Urgrund den tonpoetischen
sern zu erfassen und in Melodse und Instrumentalsatz
viederzugeben. Selbst, Beethoven gelang es nicht, das
cichtige Verhältnis zwischen Singstimme und Begleitung
jerzuftellen. „Er hat das Lied“ für eine Stimme mit Be—
zleitung des Pianoforte „bis an die Schwelle geführt,
enseits welcher das Reich des Liedes „für eine Stimme
und Klavier“ beginnt. Aber überschritten hat er diese
Schwelle nicht.“ Das ist seinem Zeit- und Kunstgenossen
Franz Schubert vorbehalten geblieben.
Fritz Anschütz.
G. F. Grohc-Henrich O Co. Saarbrũcscen 4
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aller hanicmdsliqen Geschäfte.
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