Full text : 6.1928-1929 (0006)

Nri. 1 PhM.
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Franz Schuberts Männerchöre im Peter'schen Volksliederbuch.
Da⸗ Beethoven-Jahr ging zu Ende, und schon rüstet
Aman sich allenthalben, auch das Schubert—
zjahr 1928 würdig zu begehen. Mußten sich die
Männergesangvereine bei ihren Beethovenfeiern mit
Thorbearbeitungen begnügen, so steht ihnen zu den
Schubert-Gedenkfesten reichlich Originalmaterial zur
Verfügung, da Schubert dem Männerchorgesang zeit—
lebens lebhaftes Interesse entgegenbrachte und eine große
Zahl vortrefflicher Accappella-Männerchöre der Nach—
velt hinterlassen hat. Die dunkle Tonfarbe der Männer—
timmen hatte für ihn, den Romantiker und Gestalter
fröhlich heiterer wie geheimnisvoll verschleierter Stim—
mungen, einen eigenen Reiz. Wohl fühlte er die Enge
der Gattung und die Gefahr der Eintönigkeit, aber
durch den unerschöpflichen Reichtum seiner Melodik,
seiner farbenprächtigen Harmonik und belebenden
Stimmführung hat er diese Schwierigkeiten und Ge—
tahren bezwungen. Oft fügt er dem Chorpart eine
Solostimme, Klavier- oder andere Instrumentbegleitung
bei, um dadurch die koloristische Wirkung noch zu ver—
stärken. Weil das Peters'sche Volksliederbuch wohl die
derbreitetste Chorsammlung ist, will ich mich in der
Besprechung einiger Schubertchöre auf die in den beiden
Bänden abgedruckten beschränken.
Unter Nr. 50 und 51 stehen zwei einfache Sätze
aus der „Deutschen Messe“, die für gemischten Chor
geschrieben ist, es sind also Bearbeitungen; sie kommen
für unsere Betrachtungen nicht in Frage.
Nr. 103: „Ruhe, schönstes Glück der Erde“
ist ein Stück, das uns alle Besonderheiten Schubert—
schen Chorsatzes klar erkennen läßt. Die Gliederung
der 84 Takte umfassenden Komposition entspricht dem
dreiteiligen Gedicht:

Seite 4

satz setzt in B-Dur ein und moduliert über A nach der
zroßen Untersekunde As. Die „Stille in uns“ wird
»urch die Orgelpunkte im ersten Tenor und im ersten
Baß dargestellt, um die sich zweiter Tenor und zweiter
Baß im Oktavabstand bewegen. Einem Schüler der
darmonielehre würde man solche Stellen als Oktav—
oarallelen anstreichen. Schubert erreicht damit die ge—
heimnisvolle Stille des in Blumen ruhenden Grabes.
Der Nachsatz ist die Reprise des Vordersatzes mit
Zchluß auf der Tonika. Man beachte das psalmodierende
Nim zweiten Baß in den vier Takten vor C. Das D
im Schlußakkord ist nicht als Vorschlag anzusprechen:
s ist der freieintretende Sekundvorhalt, der zur Zeit
der Klassiker als akkordfremder Ton in dieser Form als
'ogenannter „langer Vorschlag“ notiert wurde und die
dälfte des Haupttones, also »/ gilt.
Mit der zweiten Strophe tritt ein neues Moment,
der Gedanke an die Herzensstürme, in den Vorstellungs—
kreis. Den Gegensatz dieses zu dem der beglückenden
Ruhe hebt Schubert durch die unvermittelte, scharfe
Rückgang nach Des-Dur und den Fortissimo-Einsatz her—
yor. Beachtenswert ist die motivische Uebereinstimmung
der Stelle „eitle Träume“ mit „dich herab“ bei 4 und
das süß schmerzliche „wiege ein“. Der Nachsatz „wie
ie wachsen“ bei D ist ein klassisches Beispiel, wie mit
den elementaren Mitteln — Rhythmik (Pausen), Me—
lodik, Harmonik und Dynamik — eine unheimliche Stei—
zerung dargestellt werden kann. Die Reprise dieses
Teiles erhöht den Grad der Steigerung durch die Ver—
chiebung nach EK-Dur und das ruckweise Wachsen und
Steigen. Durch die Modulation nach dem E-Dur-Drei-—
lang wird „der Seele Pein“ etwas gemildert. Denn
chon winkt himmlischer Frieden göttlicher Ruhe der
iach ihm dürstenden Seele. Das Finale setzt nach dem
2Dur plötzlich pianisfsimo in C-ODur mit „Ruhe“ ein
ind schließt damit an den ersten Satz an. Während die
z)rei Unterstimmen das Ruhe-Motiv abwandeln, stimmt
der erste Tenor eine süße Kantilene an, zuletzt harmo—
nisch reich unterbaut, bis alle vier sich nach stimmungs—
holler Pause bei H vereinigen zu „sich erhebend aus
dem Grab“. Die Koda von J an führt auf den Orgel—
punkt C (2. Baß), die musikalische Idee ausklingen
assend, zum Schlusse in C-Dur. — Ich habe absicht—
ich diesem Chor eine eingehende Betrachtung zuteil
verden lassen, weil er in seiner Struktur außerordent⸗
ich lehrreich ist und die Schubertsche Art klar er—
ennen läßt. Warnen will ich aber, ihn mit einem
nusikalisch nicht genügend gebildeten Verein studieren
zu wollen. Wer das harmonische Gebäude nicht er—
aßt hat, wird niemals seine Stimme tonrein den
indern einfügen können; Dressur versagt hier völlig,
vie übrigens noch bei manchen anderen Schubert'schen
Chorsätzen.
Nr. 104: Trauergesang aus der Osterkan—
tate „Lazarus“ ist aus dem Zusammenhang heraus—
gerissen und auch so unbedeutend, daß ich mich wundere,
wie dies Stück in die Sammlung hineingekommen ist,
da doch bessere Sachen zur Verfügung standen.
Nr. 127;: „Jünglingswonne', auf ein schwär—
merisches, überschwengliches Gedicht von Matthisson,
ist ganz im Stile der Berliner Liedertafelchöre über
Mein Meibp Gesana“ dehalten und könnte auch von

Ruhe, schönstes Glück der Erde,
enke segnend dich herab,
daß es stille in uns werde,
wie in Blumen ruht ein Grab
daß des Herzens Stürme schweigen,
ritle Träume wiege ein,
vie sie wachsen, wie sie steigen
pächst und steigt der Seele Pein.
Deinen Frieden gib der Erde,
deinen Balsam gieß herab,
daß geheilt die Seele werde,
ich erhebend aus dem Grab

Es ist klar, daß dieser Text mit seiner romantisch
malerischen Grundstimmung auf Schuberts Tondichter—
seele wirken mußte, daß er die verborgene Sprach—
nelodie offenbaren und ihr ein harmonisches Gewand
berleihen werde, das nur er ihr zu geben imstande
var. Melodik, Harmonik und Stimmführung verei—
nigen sich hier zu einem Kunstwerk, wie es die ge—
amte bisherige Männerchorliteratur nicht zum zweiten—
male geboten hat. Der erste Satz reicht bis zur Fermate
vor Buchstabe C und ist ebenfalls 3teilig: Vorder—s,
Mittel- und Nachsatz. Das Ganze zeigt ein harmonisch
reiches Bild: Der Vordersatz führt von C-Dur über
seine Stellvertretung A-Moll unter Umdeutung dieses
Moll in A-Dur nach D-Moll. Zu beachten ist die fal—
tende Linie von seonend“ his herah“ Dor Mittel
            
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