Full text : 5.1927-1928 (0005)

— 59 * — —3 —1. 8 *453B——
2 Druck und Berlag der Buch- und Kunstdruckere
8 Gebr. Hofer A.⸗G., Saarbrücken-Bölklingen. Bezugs
* preis FIrs. 5.— vierteljährlich. Einzelnummer Irs. 2.—

Rund 300 Bereine mit fast 36000 Mitgliedern. Heraus—
gegeben im Auftr. des Bundes von Stadtschulrat Hans
Bongard u. Rektor Walther Stein, Saarbrücken.

Ar. 5

August 1847

7. Jahrgano

Minnesang unoö Frühling.

O er wichtigste Halt und Grund, die allgemeinste und
fruchtbarste Grundlage des Minnesanges
ist die Natur selbst. Die wechselnden Regungen des
Menschenherzens, Lust und Trauer der Seele, sind bei
ihm überall mit den Wandlungen der Jahreszeit zu—
sammengestellt, Blumen und Töne des Frühlings leihen
sich überall zum Schmucke des geliebten Mädchens.
Uralt ist diese Verbindung der Poesie des Früh—
lings und der
Liebe, weil sie
d natürlich ist.
Doch gewährt
diese Naturdich—
tung nicht bloß
ruhige Bilder.
Auch bei ihr ist
Handlung und
lebendige Bewe—
gung. Man weiß,
mit welcher Lust
die Frühlings—
seste im Mittel—
alter gefeiert
wurden: Tanz
und Gesang,
Ballwerfen und
anderes Spiel,
tagelang, in
Wald und Flur.
Diese Maien—
tänze ziehen ihre
Reigen durch
unsere ganze
Minnedichtung.
Die Bedeutung,
welche sie ein—
nehmen, werden wir leicht begreifen, wenn wir auf
die Lebensweise jener Zeiten einen Blick werfen.
Die Ritterburg, auf schroffen Fels genistet, in
den Zug der Winde und Wolken hineingestellt, gegen
Unwetter und feindlichen Angriff mit dicken Mauern
und ohne Fenster verwahrt, oft nur vom einzelnen
Söller, von der Zinne des Turmes oder der Mauer
einen hellen Ausblick gestattend, die Bewohner in
engen, düstern Raum zusammendrängend, war eben
nicht der freundlichste Aufenthalt für die langen
Wintermonde Nur arößere und reichere Herren

hatten weiteres Gelaß, nur sie konnten sich die Be—
quemlichkeiten verschaffen, welche das Ungemach der
Jahreszeit vergessen lassen. So klagen denn auch die
Sänger vielfach über die Leiden des Winters:
„Könnt ich verschlafen des Winters Zeit.“ „Uns hat
der Winter kalt und andere Not viel gethan zuleide,
ich wähnte, daß ich nimmer Blumen rot sähe an grüner
Heide“ singt Walther von der Vogelweide. Nicht nur
körperliches Miß—
befinden war zu
beklagen, auch die
gesellige Freude
war uUnterbro—
chen. Ritterfeste,
Turniere, Tänze,
alles, was die
vereinzelten
Burgbewohner
versammelte und
die Frauen in
Gesellschaft
führte, war auf
die schöne Jahres.
zeit verwiesen;
denn nur das
o fene Feld gab
Raum, für solche
Versammlungen
und Vergnügen.
„Wo nun kleiner
Vögel süßes Ko—
sen? Wo Laub?
Wo Gras? Wo
Lilien? Wo Vio
len? Wo der
Mägdelein Rei—
gen unter Linden?“ Die Jagd im wilden Waldge—
birge ist jetzt des Ritters einziges Ergötzen, das
Schöne ist fern gerückt, nur das sehnende Lied ist
Labsal in den einsamen, düsteren Stunden.
Die ersten Zeichen des wiederkehrenden Früh—
lings werden daher begierlich erspäht und innig be—
grüßt. Man denke sich den Sänger, wie er, über die
Zinne gelehnt, in die waldige Burghalde hinunter—
lauscht: „Ich hörte gern ein Vöglein, das hübe wonnig—
lichen Sang!“ Ein weites Feld ist für jede Hoffnung
eröffnet. Daher singt Walther von der Nodelweide:

Aus dem Hoferbuch: Der Ritter
            
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