Full text : 5.1927-1928 (0005)

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J Saar-Sänger-Bund Iih unn

hpih Seite 71

kam auch zuweilen nachmittags zu Landpartien usw.
Sie hatte einmal, nicht lange nach Adolfs Geburt,
auf dem Ludwigsberg eine polnische Gräfin Rezewuska
mit zur Tafel beim Fürsten gebracht. Die Erbprinzessin
saß mit der Gräfin auf dem Sofa im Salon meiner
Mutter, die noch an ihrer Toilette war, und ich — denn
gegen uns Kinder war sie immer sehr freundlich —
stand neben ihr, als die Tür aufging und meine Mutter
hereintrat, — natürlich verbeugte sich der ganze Zirkel
bloß die beiden Damen lüfteten, sich kaum vom Sofa,
meine Mutter blieb auf halbem Wege stehen und wendete
sich dann nach dem Balkon, ein gleichgültiges Gespräch
mit ihrer Hofdame anknüpfend, bis der Fürst und der
Erbprinz erschien und man zur Tafel ging. Auch hier
muß ich meiner Mutter die Gerechtigkeit widerfahren
sassen, daß sie nie den Fürsten durch Klagen aufreizte,
doch erfuhr er natürlich den Vorgang, und als kurz
darauf die Erbprinzessin bei einer Landpartie ankam
so ging er ihr entgegen, ihr zwar höflich, doch strenge
sagend, er finde ihr Betragen gegen seine Gemahlin
so unpassend, daß er sie bitten müsse, auch seine
Gegenwart künftig zu meiden; worauf sie sogleich zurück
fuhr und nicht mehr an den Hof kam; ihr Gemahl
nahm aber keine Notiz davon, sondern lebte mehr
im Schlosse als in seinem Palais.“
Welch anderen Ereignisse auf Schloß Ludwigsberg
hätten bei der Untertanenschaft auch größeren Widerhall
und größeres Verständnis finden können als solche
interner und familiärer Vorgänge. Und wer sich der—
artige Dinge vom Herzen reden wollte, der konnte sich
doch nur wieder an den einfachen Manne aus dem Volke
wenden. Der aber wußte und durfte sich gewiß zum
Troste sagen, wieviele Tränen gerade auf die Prunk
gewänder der Fürsten fielen. Auch ein Lustschloß birg
nicht immer ungeteilte Lust und Freude.
Auf Schloß Ludwigsberg herrschte seit einigen Tagen
eisiges Schweigen. Die Geschäftigkeit der Kammerdiener
vollzog sich auf den Fußspitzen, und beflissene Kammer—
uungfern harrten im Salon der Frau Gräfin näherer
Weisung. Es lastete wie ein Alpdruck auf Ludwigsberg
Im Vestibül des Schlosses sprach Herr Kammerrat
Kättler äußerst lebhaft, aber dennoch im Flüsterton auf
den Herrn Schloßhauptmann von Faber ein. Der Herr
Leibchirurgus Karcher hatte äußerste Ruhe angeordnet
In ihrem Boudoir saßen' nämlich die Frau Gräfin
Durchlaucht, eingehüllt in spitzenbesäte weiße Kissen
und um das wohlgepflegte Haupt, den Unterkiefer und
das rechte Ohr umfassend, ein mit Watte unterlegtes
Seiden-Kopftüchlein geschlungen. Der Herr Leibchirur—
gus hatte schon zu wiederholten Malen Nelkenöl in
den hohlen Zahn und das rechte Ohr eingeführt, hatte
auch Auflagen mit warmen Tüchern und Kochsalz
lösungen zum Spülen des Mundes angeordnet. Aber die
Frau Gräfin, leiden, da ihr alle Schönheiten und Reize
bedeuten die Schmerzen eines ausgehöhlten Zahnes schon
für den gemeinen Menschen ein ganz grausames Mar—
tyrium. Um wieviel mehr mußten Durchlaucht, die
Frau Gräfin, leiden, da ihr alle Schönheiten und Reize
der Welt um den einen Zahn feilgeworden waren. Mitten
also in dem schönsten Lustschloß des Saarbrücker Landes
saß eine stolze Herrin, weinend über die Wurmstichig—
keit ihres getrübten Glückes. Gegen Abend aber hatte sie
dem Herrn Leibchirurgen bereits vertraut, daß sie lieber
mit 31 Zähnen leben als mit 32 leiden wolle. Und da
hatte denn der Herr Leibchirurgus die Zange angesetzt

und den Freudenstörer herausgezogen. Das Ereignis
ging wie ein Lauffeuer durch die Städte. Der Herr Fürst
befahl seinem Chirurgus, die hohe Frau nur ja sorg—
fältig pflegen zu heißen und nur ja nicht zuzugeben, daß
sie andern Tags, wie sie vorhatte, zum Saarbrücker
Schloß gefahren käme. Dem Kesling ließ er den Befehl
zugehen, unverzüglich die Kutschenpferde abzubestellen
Was ließe sich nicht alles von den Tagen auf Schloß
Ldudwigsberg erzählen. Kaum Außergewöhnliches. Und
was alltags war, das war die glänzende Hofhaltung
mit Equipagen und Dienerschaften, das waren üppige
Tafeln und Festlichkeiten, Vorstellungen in einem eigens
angelegten Freilichttheater im Parke des Ludwigsbergs
und schließlich ein kaum übertreffliches Jagdgepränge
Dem einsamen Spaziergänger, der heute den Lud—
wigspark durchwandelt, mag manches Bild aus jener
feudalen Fürstenzeit vielleicht zu einem Erlebnis der
Erinnerung werden. Vielleicht hört er auch fernes
Donnergrollen. Wieviele Wohltaten hätte nicht der
Fürst um den übertriebenen Luxus dieses Schlosses, um
so manche höchst überflüssige Festveranstaltung seinem
Volke erweisen können. Doch es wäre gleich überflüssig
gewesen, des Fürsten Streben nach Glück, nach eigenem,
nicht nach seines Volkes Glück als den Ursprung des
wirklichen Unglücks anzusehen. Sagt selbst Nietzsche noch
von den Herrenmenschen, daß sie für alles und jedes,
das sie tun, lediglich sich selbst verantwortlich seien
Fernes Donnergrollen, das Uebergreifen der franzö—
sischen Revolution, Tage der Flucht und Tage des
Schreckens für die Bewohnerschaft.
In den ersten Oktobertagen des Jahres 1793 rückte
Fürst Blücher, von Dudweiler kommend, mit dem rechten
Flügel des deutschen Aufmarsches nach der Höhe des
Ludwigsberges vor. Die Franzosen machten verschiedene
oergebliche Versuche, die preußischen Schützen aus dieser
günstigen Stellung zu vertreiben. Mit einer großen
Uebermacht warfen sie sich sodann am Nachmittag des
7. Oktober auf die günstige Vorpostenstellung, drängten
die Schützen zurück und steckten das Schloß, die Oran—
gerie, die Fasanerie sowie sämtliche Nebengebäude und
Wohnungen der Bedienten mittels Pechkränzen in
Brand. „Ich kam in diesem Augenblick“, schreibt Blücher
im Kampagne-Journal, „soutenirte die Schützen durch
den braven Major von Böltzig mit den Jägern; der
Feind wurde wieder zurückgeschmissen, und ich blieb
hernach beständig im Besitz dieses vorteilhaften Postens.
Das schöne Schloß aber war leider ein Raub der
Flammen geworden.“ Alle Statuen und Wappen waren
zerschlagen und umgeworfen und die vordem so präch—
tigen Anlagen völlig zerstört.
Am Stamme der alten Dynastie waren die Blätter
fahl geworden. Längst sind sie vom Sturm verweht.
Und mit ihnen verweht sind die Spuren alter Fürsten—
herrlichkeit. Durch die Baumbestände des historischen
Ldudwigsparks rauscht es gewaltig. — Verklungen ist die
Musik ehedem schöner Tage, verklungen mit allem was
das Herz bewegte, das Herz der Herrenmenschen wie
des geplagten Steuerzahlers. In der stillen Parkeinsam—
teit aber tauscht ein ander Völklein als vordem die
Sorgen und Gedanken des Alltags gegen Frohsinn ein.
Es ist fröhlich, weil es sich selbst genügt und mit dem
Dichterfürsten sagen darf:
„Das Lied, das aus der Kehle dringt
Ist Lohn, der reichlich lohnet.“
Hermann Joseph Becker
            
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