Nr. 3 100
Saar⸗Sänger-Bunde
Seite 40
Dienmguama
rigeige.
Immer muß er an die Heimat, an das Kindheitsmest, an
Creémona denken, die Stadt, wo er einzig sterben möchte.
Sein Cremona hat allerdings wenig gemein mit dieser
Stadt gleichen Namens. Es ist ein phantastischer Ort,
in den der Alte all seine sehnsüchtigen Empfindungen
tut, eine Traum-Stadt mit wunderbaren Plätzen, Palästen
und einem beseligenden Himmel, der unverwandelt über
einer verschollenen Kindheit steht.
In diesem Augenblick, als hätte seine Sehnsucht die
Stadt hergezaubert, hörte er sich angerufen:
„Sior! Sior!“
Ein jüngerer Mensch, der ihn durch die Fenster des
Kaffeehauses erkannt haben mochte, rennt mit rudernden
Armen heran.
„Ah, mein Gasparo?! Du hier?!“
Gasparo zeigt sich als eine kleine, wirrhaarige, schwarz—
gekleidete Erscheinung:
„Ehrwürdiger Herr! Euer Freund und mein hoch—
berühmter Meister Nicola hat mich beauftragt, Euch während
meiner hiesigen Geschäfte aufzusuchen.“
„Sehr erwünscht! Hocherfreut! Wie geht es daheim
in Cremona?“
Der Alte, der kaum ein Viertel seiner Vaterstadt mehr
wieder erkennen würde, sagt noch immer „daheim“. Er
verwechselt das Traum-Cremona seiner Nächte mit dem
Cremona Gasparos. Der Kleine blinzelt angestrengt, um
einen Bericht geben zu können:
„So ziemlich beim Alten. Das heißt Pomfilia Bertulli
ist gestorben, des Apothekers Frau. Ihr kanntet sie doch?
Sie starb mit dreiundzwanzig.“
„Was? Schon möglich! Wie denn nicht? Natürlich!
e Meister Nicalo Amati, der dich, Gasparo, zu mir
schickt ?“
„Ist auf Reisen! In Tirol, in Carnuntum, in der Wild—
nis, oder wie der Dichter sagt: In Panonias Gauen!“
„So! So! Und was bezweckt diese mühevolle und gefähr—
liche Reise?“
„Er jagt nach gutem Ahornholz, der Herr, nach beson—
derem Ahornholz, wie wir es in der Werkstatt brauchen.“
Bei dem Wort „Werkstatt“ verschwindet der etwas ab—
wesende Gesichtsausdruck Monteverdis plötzlich und weicht
einer unverhohlen nervösen Gier:
„Ah mein Gasparo! Ich fühle, du hast mir etwas
mitgebracht, ein Präsent deines Meisters!“
„Erraten, Ehrwürdigster! Nicola Amati sendet Euch
zwei seiner neuesten Veilchen zur Auswahl. Ihr werdei
taunen.“
„Laß uns gehen! Schnell! Wo hast du Quartier ge—
nommen, Gasparo?“
„Nicht weit von hier, Sior! Bei einer Witwe, deren
ni ich einem Ehrenmanne nicht weiter empfehlem
würde.“
„Gleichgültig! Komm! Komm! zwei seiner göttlichen
Veilchen sendet mir zur Auswahl der bewunderungswürdige
der einzige Amati. Eile, eile!““
Der alte Monteverdi ist ganz verwandelt. Er folg
nicht mehr dem gravitätischen Vorantritt seines Stockes
sondern hält ihn jetzt hoch über den Boden, um ungehindert
weiter zu kommen, Seine dünnen sechsundsiebzidiährigen
Beine stechen energisch vorwärts.
Wie so viele Menschen, die während des Lebens äihre
Liebesmöglichkeiten nicht völlig ausgeschöpft haben, be—
herrscht ihn im Alter eine Besessenheit. Er ist Cremonenser
Wie ein anderer in Bilder vernarrt ist, so liebt er diese
neuen Geigen, welche die großen Geigenbauer seiner Stadt
mit unendlicher Kunst, Unendlichem Zartsinn und, wie
man weiß, mit siebenmal versiegeltem Wissen um heilige
rosenkreuzerische Geheimnisse in ihren reinlichen, wohl—
duftenden Werkstätten schaffen. F
Er liebt die Geigen nicht nur als Musikinstrumentte,
sondern als Formen, als vollkommene Geschöpfe, un—
erreichlicher und unerschöpflicher als Frauen.
Nicola Amati, der letzte der großen Tynastie, Enkel von
Andrea Amati hat den verehrten Autor des „Orfeo“ der
„Ariana“, des „Ulysse“ schon drei seiner schönsten Stücke
oerehrt, die wie Monstranzen heilig gehalten werden.
Aehnlich wie Monteverdi und seine beiden Vorgänger
Peri und Caccini die menschliche, die dramatische Einzel—
sttimme aus dem imitierenden Stimmengeflecht der alten
Musik befreiten, so haben die Schöpfer der modernen Geige
die plumpen der Gambe und Armbratsche überwindend,
die Stimme des Instruments vermenschlicht und erlöst. Die
gleiche Sendung und Bestimmung zur Melodie erschuf in
der Violine, in ihrer unbegreiflich schönen, alle Künste
übertreffenden Form die reinste Rumestat Italiens.
Monteverdi und sein Begleiter sind in der Behausung
der zweifelhaften Witwe angelangt. Der Alte, der durch
nichts gestört sein will, riegelt das Zimmer hinter sich ab
Wie Schönheiten des Ostens wickelt Gasparo die Geigen
aus hundert Floren, Seidentüchern und Brokaten.
Mit zitternden Händen ergreift der Komponist eine
nach der andern und legt sie wieder hin, als könnte er
das übermenschliche Glück ihrer astralen Laft nicht ertragen
Zind sie nicht wie zwei kindliche Geliebten von Sternen—
velten niedergestiegen, zwei verklärte Beatrieen? Man
möchte sie ganz an sich preisen, damit das Herz sie aus—
schöpfen kann. Aber unterm blinden Truck der Sterblichkeit
müßten sie ja zerbrechen. Claudio Monteverdi sieht die
holden Schwestern mit zuckenden Mienen an, sein Atem
keucht und plötzlich wirft er sich vor den Geigen nieder,
rufweinend, auswimmernd in unerträglichem Glück, un—
erträglicher Qual.
Er weint, weil die Schönheit ihn furchtbarer rührt.
als der gekreuzigte Gott.
Gaspard, um den Alten zu beruhigen, schwatzt drauf los:
„Ehrwürden! Wir wollen sie ausprobieren. Ich habe
zin ganz modernes Stück eigens für Euch eingeübt. Medn
Fuiser hat es so gewünscht. Eine Sonate mit Doppel—
griffen.“
Monteverdi winkt dem Menschen, er möge schweigen.
Dann betrachtete er mit tiefen, wirr hinziehenden Ge—
danken die Instrumente Amatis. Sie sind nicht sehr groß,
süß geschwungen, schmal, die eine hellgelb lackiert, die
andere rötlich. Der Lack bildet wunderschöne, ätherische,
übersinnliche Landschaften auf ihren Flächen, als wären die
unsichtbaren Landschaften der Musik durch die Schwingung
der Geigenmoleküle in einem Zauber-Augenblick gebanni
und zum Bild geworden. Er denkt an das Mysterium des
Beigenkörpers. So vollkommen, oder kaum so vollkommen,
hat Gott allein die Kreatur geschaffen. Große Geheimnisse
mußte der Mensch erst kennen, mantische und theurgische
Künste zu üben verstehen, in vollkommener Enthältsamkeit
vom Weibe gelebt haben, um die Gestalt der Geiqge zu er—
sinnen.
Aus wieviel Elementen besteht das menschliche Wesen?
Keine Wissenschaft kann dies unwiderleglich beantworten.
Aus dreiundachtzig Elementen besteht der kleine Leib der
Violine, von denen ein jedes wie das Wort der heiligen
Schrift in dieser und in jenen Welten seine Bedeutuͤng
hat. Ist der aufgeopferte in dreiundachtzig Stücke zerris—
sene Orpheus hier wieder zusammengesetzt?
Woher denn wirklich so übermenschlich diese Anmut und
doch so menschlich? Breite Brust, schmale Hüften, ein langer
hHals. Die Entzückung der Schallöcher, dieser eree
hoher Wissenschaft, die dünne Feinheit der Zargen, der
Schwung des Bodens, der Decke und die unfleischlichsten,
reinlichssten aller Eingeweide, Stimmholz und Querstab!
Gasparo nimmt eine der Geigen und streicht voll den Akkord
Sol⸗Re-Si-Sol an, indem er den Zusammenklang der tiefen
Quintseiten mit dem oberen Zweiklang verschmilzt. Alles
Holz und Metall im Zimmer vibriert. Die kleinsten Teil—
hen der Materie, jedes einzelne doch ein unendliches Uni—
bersum mit Sternen, Aetherraum und Geschöpfen, bebt
von der heiligen Stimme angerusen. Diese Erschütterung
aber ist für den alten Mann zuviel:
„Bringe mir, mein Gasparo, heute abend diese geliebten
Geister ins Haus. Wir werden zusammen speisen und
dann magst du mir deine Doppelgriff-Sonate vorspielen.“
Er kann sich vom Anblick der schönen Geschöpfe nicht
losreißen:
„Mit Recht haben die Alten für sie das Gleichnis der
Beilchen herangezogen. Veilchenblau, wie dunkle Veilchen
blau tönen sie. Auf Abend! Ich erwarte dich, mein
Gasparo!“.
Frauz Werfel, Verdi, ein Roman,
Paul Z3solnanm-Verlad, Berlin. Wien. Leipzid