Full text : 5.1927-1928 (0005)

Seite 48 h

Saar⸗Sänger⸗Bund Il.

V

Die Entdeckung des Geigenbaugeheimnisses alter Meistergeigen
Eine aufsehenerregende Wiederentdeckung hat neue deutsche besonderen, da es die Abwanderung der altberühmten
kulturelle Aufgaben hervorgerufen. Vor ein paar italienischen Meistergeigen in das kapitalkräftige Aus—
Jahren erregte die Kunde, daß es dem deutschen Gelehrten land nicht aufhalten kann. Für die ganze Kultur—
Prof. Franz Georg Koch mit lang— welt wird aber die Entdeckung
wierigen wissenschaftlichen Versuchen Professor Kochs von Bedeutung,
gelungen sei, das Geheimnis der wenn man daran denkt, daß
klanglichen Qualität alter Meister— alten Meistergeigen nach einem
geigen zu lösen, daß er Stradivaris, gewissen Alter doch von ihrer
Guarneris, Amati, Maggini, Ber— idealen Resonanzfähigkeit verlieren
eova⸗-Guadagnini herstelle, die den daß es aber nun einen vollwer;
Klang alter Meistergeigen erreichen, tigen Ersatz für die schwindenden
berechtigte Zweifel. Als aber die Meistergeigen gibt.
sachlichen Versuche vor der breiten Welches ist nun das
Deffentlichkeit begannen und Kri— Geheimnis?
tiker, Virtuosen und Kunstliebhaber Bei mikroskopischer Untersuchung
bei Vorführungen alter Meister- des Holzes der Meistergeigen konnte
geigen neben modernen Kochschen Prof Dr.Ing. h. c. Koch eine in
Instrumenten nicht vereinzelt letz— Holz kapillar gebundene Substanz
teren die größere Tragfähigkeit und nachweisen, die die typische Homo
den edleren Klang zusprachen, als genität des altitalienischen Geigen—
selbst Prof. Henry Marteau, der holzes, den Adel im Klange, aus—
Besitzer der Paolo Maggini, und macht. Auf diese aufsehenerregende
Professor Felix Berber von der Entdeckung der Homogenität des
Bayerischen Akademie der Musik be— Holzes baut sich die moderne
geistert in das Lob einstimmten und Geigenbaukunst in der Prof. Koch—
öffentlich Koch-Instrumente spielten, schen Werkstatt auf. Es gibt also
da war jedes Mißtrauen gegen die hier nicht nur eine Werkstatt, wo
sensationelle Kunde geschwunden nach alten berühmten Modellen
Man grundete eine A⸗ng sn Geigen hergestellt werden, sondern
derne Geigenbaukunst in Dresden, die Seele des ganzen Betriebes
deren Leitung Prof. Koch selbsi ist das homogenetische Labora—
übernahm. torium, wo das Holz in seinem
Die neue homogene Geigenbau— Wuchse gleichförmig gemacht, homo
kunst, die in der individuellen. Art genisiert wird. Mit dieser Wieder
der Herstellung einzig dasteht, lehnt entdeckung des Geigenbaugeheim—
die billige Massenfabrikation ab und nisses durch Prof. Koch sind mit
stellt nur Meistergeigen her, die in einem Schlage all die Methoden
allen ihren Teilen Handarbeit sind. moderner Geigenbaukunst gefallen
die ein einziger Künstler ausführt die mit einem „Konstruktionsgeheim—
Die klangliche Verbesserung des fer— nisse“ der Klangidealität alter
tigen Instruments ist aber eine zeit— Geigenbauer nachstrebten, die das
raubende und kostspielige Behand— Holz tränkten, mit Kautschuklösun—
lung, die in ihrer Art vollkommen gen imprägnierten, lackierten.
neu ist und in den Händen von Die individuelle, verfeinerte
nur drei Berufenen liegt. Und monatelang dauernde Kochsche Be—
heute gehen die wertvollen Vio— handlung des Holzes ist eine
linen, Bratschen, Celli, die im in zwanzigjährigem Studium er—
Grundsatz nach den Traditionen reichte geheime Kunst, die die
der Cremonenser und Brecianer feinsten Haarröhrchen des getrock—
Geigenbauer des 17. Jahrhunderts neten Holzes mit der Grun—
gebaut sind und mit der klang— dierungssubstanz bindet und das
lichen Schönheit, Tragfähigkeit, Aus— Holz nach außen abschließt. Einem
geglichenheit und leichten Aussprache deutschen Forscher gelang es, in
des Tones der alten Meistergeigen die Arbeitsmethode der alten
wetteifern, in alle Welt hinaus. Meister einzudringen und sie aus—
Für das heranwaächsende deutsche zubauen. Ein unschätzbarer Dienst
Künstlergeschlecht, für das musika— ist hier der modernen Geigenbau
lische Deutschland in seiner geldlichen Verarmung ist kunst, der Wissenschaft und Technik durch eine deutsche
der homogene Geigenbau von unschäßübarem Werte, im Entdeckung gegeben. JA. M.
            
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