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Saar⸗Saãnger⸗Bund ssinn
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upeth Nr.
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wird zum Repräsentanten der ganzen Menschheit. Dies ist
das Schwerste. Und er vermag den gewaltigen Bogen seines
künstlerischen Schaffens nur dann, aber auch nur dann so
gewaltig, groß und weit und eine ganze Menschheit um—
fassend zu spannen, wenn er feste Wurzeln geschlagen hat in
Heimat und Volk, in der Gemeinschaft, darin er groß geworden
ist. Dieser Gemeinschaftsgeist, dieses Verwurzeltsein in der
Heimatscholle ist aber dem Menschen der Neuzeit verlorengegangen.
Loslösung des Einzelmenschen von der Gemeinschaft,
Selbstherrlichkeit sind zur Losung geworden. Eine, man ist
versucht zu sagen gemeinschaftsfeindliche, subjektivistisch und
individualistisch eingestellte Philosophie hat den Menschen heraus—
gebrochen aus dem festen Gefüge der Gemeinschaft und ihn
ganz auf sich stellen wollen. Es ist der Geist, der in dem
Zarathustraworte sich entlud; „Dort, wo die Gemeinschaft auf—
hört, da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist,
da beginnt das Lied des Notwendigen, die einmalige und
unersetzliche Weise.“
So berfiel Gemeinschaft; Gemeinschaft wurde zur Gesellschaft
Der eine wurde dem anderen fremd, verstand ihn nicht mehr.
Auch der Künstler, der Dichter, der Musiker, sie stellten sich
ganz auf sich; sie verstanden das Volk nicht mehr, und das
Volk begriff ihr Schaffen nicht mehr. Nur, was sie noch
allerpersönlichst anging, ihre subtilsten Erlebnisse gestalteten
sie in der Kunst. Was Wunder, wenn die Mitwelt ihre
Werke nicht mehr verstand! Ihre Kunst war blutleer ge—
worden; denn sie trank nicht mehr aus dem Brunnen der
Heimat, des Volkes, der Gemeinschaft. Wenn ein Mensch
nur mehr schafft aus dem Gesichtswinkel seines eigenen Erlebens,
so wird er bald in seinem Subjektivismus verkümmern, schwind⸗
süchtig werden.
Bis man dann einsah: Auf diesem Wege kommen wir nicht
weiter. Wir müssen zurück zu den Quellen des Erlebens,
müssen zurück zur Gemeinschaft. Das war wie Heimkehr des
Sohnes aus der Fremde, an das Herz, in den Schoß der Mutter
Und nun kam auch das Volkslied wieder zu Ehren, das
Volkslied, das man bislang ein bißchen stiefmütterlich be—
handelt hatte. Nun entdeckte man mit einem Male die Fülle
von Schönheit und den Reichtum von Werten, die in diesem
schlichten Liede schlummerten.
Ein anderes kam hinzu. Wir hatten den Krieg verloren;
man hatte uns ausgezogen bis aufs Hemd; wir standen nackt
da, standen vor einem Nichts. Das zwang uns zur Besinnung,
zur Einkehr, ließ uns den Blick nach innen richten auf
das, was trotz Not und Elend an Edelstem und Bestem in uns
verhorgen lag. Ta wuchs in uns schmerzvoll und trostreich
zugleich die Erkenntnis: Nicht der Mensch ist arm, der seiner
äußeren Güter beraubt ist, wahrhaft arm ist nur der Seelen—
lose, der innerlich Entblößte, dem alle geistigen und sittlichen
Werte verloren gegangen sind. So arm aber waren wir nicht.
In unserem Volk wohnt noch trotz all der trüben Erscheinungen
der Nachkriegszeit genug innere Kraft zur Ueberwindung unserer
Not. Und in diesen Jahren kam das Volkslied, kam Volks—
dichtung und Volksweisheit aller Art wieder zu Ehren. Sie
zeigten uns wie in einem Spiegel die Tiefe der deutschen
Seele. Auf dieser Tiefe funkelte es geheimnisvoll von allem
Guten und Werthaften, das da noch schlief.
Und welches sind dem diese besonderen Werte des deutschen
Volksliedes? Was kann uns dieses Lied denn lehren?
Zuerst möchte es uns lehren, daß wir Deutsche sind, deutsch,
so wie dieses Lied ein deutsches Lied ist. Was das heißt,
haben wir hier an der Grenze empfunden, als wir in den
letzten Jahren einmal Gelegenheit hatten, andere, nichtdeutsche
Musik zu hören, empfinden es auch jetzt wieder schmerzlich,
wo die Klänge einer volks- und wesensfremden Tauzmusik an
unser Ohr klingen. Das ist keine deutsche Musik. Wir wollen
nicht über den Wert der Lieder anderer Völker richten. Ihre
Ldieder entsprechen ihrer Eigenart und mögen in dieser ihrer
Art schön sein, Aber wir kennen unser deutsches Lied aus
bpielen anderen heraus. wie eine Mutter ihr FSinß aus faufenß
Kindern herauskennt; wir erkennen es an seiner Schlichtheit und
Bemütstiefe. Und so, wie unser Lied deutsch ist, müssen auch
wir zuerst einmal Deutsche sein. Erst aus dem Wurzelboden
des eigenen Volkstums empfangen wir die Kraft, die uns be—
fähigt, darüber hinaus zu schreiten und der gesamten Menschheit
dienstbar zu sein. „Werde, der du bist!“ sagt Nietzsche ein—
mal. Gut! Seien wir zuerst einmal echte Teutsche und in
dieser unserer besonderen Art Bürger der großen Mensch—
heitsfamilie. Alles andere ist öder Internationalismus und ver—
vaschenes Weltbürgertum. Hierin liegt die nationale Sendung
des Volksliedes.
Es führt uns aber auch an die Quellen des religiösen Er—
lebens. „Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten“
und „Uns ward ein Kind geboren“ sangen unsere Vorfahren.
Sollten wir es weniger noͤtig haben als sie? Oder ist es
auch für uns Menschen des 20. Jahrhunderts noch nicht ent—
ehrend, aus unserer armseligen Erdgebundenheit den Ruf empor
zu schicken: „Herr, mach uns frei!“?
Und nun auch die sittlichen Werte, die im Volksliede auf—
euchten. Ich darf vielleicht auf ein paar Augenblicke hinab—
teigen in die Tiefen des größten deutschen Volksgesanges, ich
meine das Nibelungenlied, jenen erhabenen Lobgesang der
Batten- und Freundestreue, wie er uns großartiger nicht
mehr geschenkt worden ist. Da sehen wir Kriemhild ein Leben
ang um ihren erschlagenen Gatten Siegfried trauern, und als
sie die Heimat verlassen muß, geht sie noch einmal an die
Stelle, wo die Erde vom Blut ihres sterbenden Gemahls benetzt
vurde, gräbt mit ihrer Hand die Erde aus und nimmt
diese Erde mit in die Fremde. Diese Menschen wußten noch
um den Wert der Treue, sie wußten auch um die Liebe in ihrer
reinen, taufrischen Innigkeit. Ihr haben sie ja so viele Lieder
gesungen. Was aber hat man aus dieser Liebe gemacht? Ein
Fintagsvergnügen, eine Allerweltswaäre. Tas ift nicht mehr
das Gold der Liebe, wie es uns aus den besten Liebesliedern
inseres Volkes entgegenleuchtet. Das findet man nicht an jeder
Straßenecke; das wird nur gefunden durch Opfer und Selbst—
vAninpeng
Und all die anderen Tugenden und Werte, soll ich sie alle
nennen? Tapferkeit, Mut, Kameradschaft, Freundschaft, sie alle
eiern in unseren Liedern ein immerwährendes Fest der Wieder—
zeburt. So manche Perlen sind darunter: Es geht bei ge—
dämpfter Trommel Fang Morgenrot, Ich hatt' einen Kame—
raden. Sie alle singen das Hohelied des Mutes, des Opfers,
der Freundschaft, Liebe und Entsagung bis über's Grab hinaus
Und nun noch kurz etwas über die Bedeutung des Volksliedes
ür unser künstlerisches Empfinden, für die Bildung unseres
Schönheitsgefühls. Das Volkslied ist keusch, zurückhältend; es
rägt sein Gefühl nicht laut zu Markt; verhalten nur klingt
eine Sehnsucht, sein Leid, seine Freude in Wort und Melodie
Wir Menschen von heute sind marktschreierischer geworden.
Wir tragen unsere Seele, unser Innerstes hinaus auf Straßen
ind Gassen. Müssen wir uns nicht schämen vor der stillen
Lerhaltenheit unserer Lieder? Ich erinnere nur an das auch
jier gesungene „Die Sonn' ist untergangen“. Da möchte der
diebende gar der Nachtigal ihr Haupt an den Fuß binden, damit
sie nichts von seiner Liebe soll erzählen können. Also, ich
meine, mehr Einfachheit, Schlichtheit, Zurückhaltung und damü
mehr Vornehmheit und Schönheit unserer Lebensführung. Auch
mehr Verhaltenheit des Gefühls! Wie es das Volkslied zeigt.
Dann werden alle sogenannten gefühlvollen Lieder, die weiter
nichts sind als gefühlsselig, mit der Zeit ihre Zugkraft ver—
lieren. Eine echte, von hohem Streben beseefte Volksliedpflege
müßte meines Erachtens dahin führen, daß alle von unwährer,
hohler, verlogener Romantik triefenden Chöre, auch so manches
Rheinlied vom Programm eines guten Gesangvereins ver—
schwinden; darüber, hinaus, von höherer Warte gesehen, möchte
man wünschen, daß es dem Volkslied gelänge, die, welche es
willig pflegen und ihm dienen, nicht nur zu frohen und be—
geisterten Sängern, sondern, was mehr ist, zu wahrhaft edler
und auten Menschen zu machen.
Arnold Schäfer
Passage- Kausnaus I. G.. 233 e