Nr. 210
Saar⸗Sãnger⸗Bunden
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der Gesangsprobe — der Mama sah ich's an, sie hat
wieder lange gedauert — was habt ihr denn gesungen?
Bitte, sing' mir ein Lied vor, bitte, nur ein einziges!“
Mein Gott, wird der Bub' eine Freude haben, wenn
du ihm 5 Takte des 2. Tenors aus der „Hymne an
die Sonne“ vorsingst, die du zufällig im Gedächtnis
behalten hast! Oder hätten deine Lieben daheim kein
Recht, an den Früchten deines Eifers, deiner Hin—
gebung, im Verein zu partizipieren? Welche Freude
verbreitest du jedoch in deinem kleinen Kreise, wenn
du einige Strophen des „schwäbischen Brünnele“ vor—
singst oder das trauliche „Was hab' ich denn meinem
Feinsliebchen getan?“
Darum Volkslieder in die Vereine, echte Volks—
lieder! Sie sind die frische Luft, der Sonnenschein, das
Waldesgrün, oft auch der befruchtende Regen, wenn
das Vereinsleben zu verflachen droht, wenn Gemüts—
värme, edle vornehme Gesinnung dahinzusiechen
scheinen. Und rein und unverfälscht müssen diese Lieder
gesungen werden! Wenn die „zwei Königskinder“ bloß
deswegen nicht „zusammenkommen können“, weil es die
Modulation nicht zuläßt, und wenn „der Jäger aus
Kurpfalz“, anstatt frühlingsfreudig dahinzureiten, mit
einem Kraftaufwande einherstürmt, als wenn sich zwei
seindliche Husaren-Regimenter auf Leben und Tod be—
ämpfen, dann hat man dem deutschen Volksliede einen
übeln Dienst erwiesen. Auch hier gilt das eigenartige
und tiefsinnige Bibelwort: „Deine Rede sei ja ja und
nein nein! Was darüber ist, das ist vom Uebel!“
Prof. Karl Liebleitner, Wien.
Aus den Vereins-Mitteilungen des Berliner
Sänger-Verein e. V. Berlin.
das deutsche Volksltiedö.
om deutschen Volkslied möchten Sie heuter) etwas
hören. Von seinem Werden und Wachsen, von seiner
kullurellen und nationalen Sendung, von seiner Bedeutung für
unser religiöses, sittliches und künstlerisches Erleben, davon
möchte ich Ihnen kurz etwas erzählen. Deutsches Volks—
bied! Was ist es doch um dieses Wort, daß es in so vieler
Munde ist, daß man ihm zu Ehren Wettstreite und Lieder—
abende veranstaltet, daß über dieses Lied lange Abhandlungen
geschrieben, Aufsätze verfaßt und Vorträge gehalten werden?
Ist das vielleicht irgendein Bedeutungsloses, Einfaches, um nich
zu sagen Einfältiges? Ein Lied, gut genug für den kleinen,
schlichten Mann des Volkes, ein Lied, an dem der sogenannte
Gebildete mitleidig lächelnd vorüber geht wie ein Erwachsener
an dem Spielzeug des Kindes, ein Kunstersatz für die Bemit—
leidenswerten, denen die Quellen der echten, großen Kunst
nicht erschlossen werden können?
O nein! Uns will scheinen, es müsse um dieses Lied etwas
Großes und Tiefes sein; in ihm finden wir unsere Seele
wieder. Das, was sie, unsere Seele, duldet und leidet, liebt
und haßt, um das sie im Ueberschwung der Freude jubelt und
triumphiert und im Kummer heiße Tränen weint, all ihr
Sehnen und Hoffen, Traurig- und Frohsein, mit einem Wort,
all ihr Erleben hat sie in diesem Liede ausgesungen, hat im
Volkslied seinen letztgültigen, unwiderruflichen Ausdruck ge—
funden. So wäre es also ein wirkliches Kunstwerk, dieses
Lied, ebenbürtig und gleichwertig den Schöpfungen der großen
Meister der Musik und Dichtkunst, der Plastik und Materie?
So ist es in der Tat! Eine gleichwertige, wenn auch art—
verschiedene Kunstgattung. Das aber bedarf noch einer näheren
Erklärung.
In jedem Menschen, ob groß oder klein, gebildet oder un—
gebildet, in dem hochkultivierten Menschen des Abendlandes
wie in den Naturvölkern anderer Erdteile ist dieser Drang
vorhanden, sich auszudrücken, in Werken der Kunst sich zu
erlösen, schöpferisch gestaltend tätig zu sein. Nichts anderes,
als diesem urmenschlichen Triebe gehorchen will das Kind,
dessen Lippen sich eben die ersten stammelnden Laute entringen,
wenn es im Sande spielend aus Erde seine seltsamen, phan—
tastischen Gebilde formt. Das ist der Künstler, der in jedem
Menschen steckt und in diesem Kinde erstmalig lebendig wird.
Es ist allerpersönlichstes Erleben, was das Kind da gestaltet,
und als solches winzig, eng und begrenzt. Wie nicht selten auch
das Erleben des einfachen Menschen.
Kommt aber der große Künstler, der geniale Mensch, der
das Leben nach all seinen Höhen und Tiefen durchmessen, der
alle Wonne und Qual der Menschheit in eigener Brust durchlebt
und durchlitten hat, dann mag es wohl geschehen, daß unter
seiner Hand ein Kunstwerk emporwächst, an dem nicht nur
der Einzelne, der es schuf, ja nicht nur ein einzelnes Volk,
nein, au dem alle Menschen mitgearbeitet haben, an dem
die ganze Menschheit Anteil hat, indem der ganzen Menschheit
Jammer und Not und Glück und Qual und Suchen und Singen
und Sehnen in diesem Werk ihren unwiderruflich letzten Aus—
*) Dieser Vortrag wurde auf dem Volksliederabend des
M.G.V. „Zur Einigkeit“, Reisweiler-Labach, gehalten.
druck gefunden haben. Allgemein menschlich, sagen wir das
Menschliche schlechthin, das, was dem Menschen aller Zeiten
und Zonen wesensmäßig eigen ist, gestaltet der geniale Künstler.
Er muß, will er dies, hinauswachsen über sein Ich, ja über
ein Volk und seine Zeit; denn er schafft für Welt und Ewigkeit.
In diesen Werken finden wir uns alle wieder. Die Reuetraͤnen
Bretchens weinen nicht nur deutsche Mädchen, und in den
Symphonien Beethovens singt die Tragik aller Zeiten und
Menschen ihr grandioses Lied von der liefen Leidverstricktheit
uind endlichen beseligenden Erlösung der gesamten Menschheit.
Nicht so das Volkslied! Es ist schlichter, bescheidener, besingt
nur das Glück und Wehe eines einzelnen Volkes. Es wächst
rus dem Boden des Volkstums hervor in einer ganz be—
onderen Art, ist ganz eine Pflanze des Erdreichs, das ihm
deben und Wachstum verliehen hat. Ein ganzes Volk, aller—
dings auch nur ein Volk — und das mag, wenn man so
vill, seine Schwäche sein, ist aber auch gewiß des Volkslieds
Stärke —, ein ganzes Volk also hat an ihm mitgearbeitet, hat
n diesem Lied einen bleibenden Ausdrück seiner besonderen
Erlebnisweise geschaffen. Soll das nun etwa heißen, daß
ille einzelnen Glieder eines Volkes bei der Entstehung eines
olchen Liedes mittätig gewesen seien? Ja und nein! Sie
ille haben mitgearbeitet, indem sie Anteil hatten an dem
iesem Volke eigenen Denken, Wollen und Fühlen, in einem
xinzelnen aber ist dieses Erleben angeschwollen, gesammelt
mporgebrochen, herausgewachsen zu einem Kunstwerk, ganz dem
Kolk angehörig, nichts mehr von der besonderen Art dessen,
der es schuf, an sich tragend, ist eben ein Volkslied geworden.
Der ein solches Lied schaffen wollte, mußte einer sein, der sein
Volk verstand, der in ihm lebte, fest im Heimatboden verwurzelt
var. Wie Symbol erscheint es, daß sein Name oft ganz verloren
zgegangen ist. Ein Namenloser, einer, der nichts mehr von
Figenem an sich hatte, der völlig im Ganzen seines Volkes
unterging, das ist der Volksliederdichter.
„Wer hat doch die schönen Lieder gemacht?“ fragt Elisabeth
in Theodor Storms „Immensee“. Und Reinhard gibt ihr die
Antwort. Er sagte: „Sie werden gar nicht gemacht; sie
vachsen, sie fallen aus der Luft, sie fliegen über Land wie
Mariengarn, hierhin und dorthin, und werden an tausend
Stellen zugleich gesungen. Unser eigenstes Tun und Leiden
inden wir in diesen Liedern; es ist, als ob wir alle an ihnen
nitgearbeitet hätten.“ Und an einer anderen Stesle: „Das
ind Urtöne; sie schlafen in Waldaründen, Gott weiß, wer sie
efunden hat.“
Ich sagte vorhin: An diesen Liedern hat ein ganzes, und
iur ein Volk mitgearbeitet. Das ist ihre Stärke. In diesen
Worten klang schon unsere zweite Frage an. Die lautet:
Weshalb gerade in unseren Tagen eine so ernste und eifrige
bflege des Volksliedes?
Sehen Sie, der wahrhaft große, der geniale Künstler, der
das erlösende Wort im Namen der ganzen Menschheit sprechen
oll, muß nicht nur in sich selbst, in seinem eigenen Wesen
est verwurzelt sein, er muß darüber hinaus auch das Wesen
einer Heimat, seines Stammes, seines Volkes in sich gesogen
haben. Mehr noch! Nun schreitet er über dieses Volk hinaus