min Nr.
Einiges über das Singen von Volksliedern.
As⸗ im Frühling 1923 der deutsche Volksgesang—
verein Wien und Umgebung im schönsten
Konzertsaale Berlins vor einem vollbesetzten Hause
stand und ich zum Dirigentenpulte treten sollte, zögerte
ich unschlüsig — nicht lange, denn ich mußte. Wie
werden wir bestehen? Was wird Berlin zu unseren
Almliedern sagen? waren meine beklommenen Fragen.
Ich bangte nicht um meine Sängerschar, noch weniger
um mich, wir waren ja Nebensache; das deutsche Volks—
lied im Konzertsaale zu Ehren bringen, das war unser
fester Wille, deshalb hatten wir die weite Fahrt unter—
nommen. Norddeutschland sollte erfahren, wie unsere
Schar im Volksliede lebt, wie glücklich es uns macht
und wie wir durch die Pflege dieses Aschenbrödels
echte Kunst fördern. Viele Sänger und Instrumental—
Künstler waren vor uns aus Wien gekommen, und
man hatte ihnen eine glänzende Aufnahme bereitet,
ein klangvoller Name und bedeutende künstlerische
Qualitäten waren ihnen hilfreich zur Seite gestanden
Wir hatten nur unser schlichtes Lied, waren auch un—
bekannt, und trotzgdem jubelte man uns zu, als wären
wir die Verkünder einer neuen frohen Botschaft. Und
waren wir es denn nicht auch? Predigten wir denn
nicht das Evangelium der Wahrheit, Innigkeit und
schlichten Schönheit im Reiche der Musik! Noch immer
tragen wir innigen Dank im Herzen für die restlose
Anteilnahme an unsern Bestrebungen, für die ve—
strickende Herzlichkeit, mit der Berlin unsere Lieder
aufnahm.
Unsere gefeierte Dichterin
in ihrem schönsten Gedichte:
Ein kleines Lied
wie gehts nur an,
daß man so lieb es haben kann?
Was liegt darin?
Erzähle!
Es liegt darin ein wenig Klang,
ein wenig Wohllaut und Gesang —
und eine ganze Seele.
Berlin, hat diese Seele damals an dein Herz ge—
pocht und um Einlaß gefleht? Hast du empfunden:
Es ist deutsches Leid, das im Volksliede weint und
klagt, deutsche Glückseligkeit, die darin lebt und jubelt?
Habe ich aber nötig zu erfragen, was uns damals so
tief beglückt hat! Wenn irgendwo, so trafen wir hier
„. ... den auserlesenen Kreis,
der, rührbar jedem Zauberschlag der Kunst,
mit leis beweglichem Gefühl den Geist
in seiner flüchtigsten Erscheinung hascht.“
Nun aber die letzte, mir wichtigste Frage, die ich
kaum zu stellen wage, denn es gehört Herz dazu, sie
auszusprechen, wenn das Ja so beglückend und das
Nein so — wahrscheinlich ist. Diese Frage will wissen:
Hat unser ausschließliches Singen von Volksliedern
deren Pflege gefördert? — Nicht wahr, diese Frage
liegt so nahe, und es ist so verfänglich, sie frischweg
zu beantworten. Ich dringe auch gar nicht darauf,
sondern überlasse es den vielen, vielen Vereinen, sich
selbst diese Gewissensfrage zu stellen, beglückwünsche
aber alle von ganzem Herzen, die frei und rückhaltslos
entgegnen dürfen: „Ja, denn wir erblicken im Singen
unserer Volkslieder die edelste und wichtigste Aufgabe
aller Sängervereinigungen; des deutschen Volkes
ureigenstes Lied ist und bleibt uns Herzenssache.“ Die
andern Vereine jedoch, was werden sich diese einge—
stehen müssen? „Wir würden ja gerne dasselbe tun,
wissen wir doch, daß wir selber und auch unsere Zu—
hörer daran die größte Freude erleben. Allein haben
wir dazu Zeit? Hat nicht unser Chordirigent alle
Hände voll zu tun, die vielen Novitäten des Noten—
marktes einzustudieren! Und die sind alle so schwierig
— kein Komponist begnügt sich mehr mit einem vier—
stimmigen Satze, wenigstens fünfstimmig muß er sein,
wenn nicht gar sechs- und achtstimmig. Am meisten
fürchten wir die Doppel-Chöre — bald wird unser
Chordirektor verlangen, daß jeder von uns zwei
Stimmen auf einmal singt — und dann haben wir ja
jährlich unsere klassischen Konzerte — die sind wir
unserem Ansehen schuldig — wo bleibt da Zeit für
ein Volkslied!“ Kann ja sein, daß diese Sänger in
unsern Tagen Recht haben, allein sie werden trotz
alledem das Lob des deutschen Volksliedes in allen
Tonarten singen, obwohl einst Lessing schrieb:
„Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? — Nein! —
Wir wollen weniger gelobt und mehr gelesen sein!
Unsere Großen, freilich, die nahmen sich schon Zeit—
an diese Volkskunst zu denken, Volksmusik zu studieren
und zu Ehren zu bringen; kein einziger dieser Schar
war am Volkslied achtlos vorübergegangen.
Bach, von dem Beethoven gesagt: „Bach ist kein
Bach, er ist ein Meer!“ sprach über das Volkslied
„Innsbruck ich muß dich lassen“ das schönste Lob aus
„Alle meine Werke gäbe ich dafür, wenn ich dieses
Lied geschrieben hätte.“ Und wie viele geistliche Volks
lieder hat er in seine Oratorien aufgenommen. Ihm
dem König im Reiche der Melodien, wäre es ein
Leichtes gewesen, Selbstkomponiertes an die Stelle der
altehrwürdigen Choräle zu setzen, er aber gab dem
Volksliede die Ehre.
Beethoven schrieb über Volksliedthemen seine be
rühmten Variationen, und als er in seiner „Neunten“
den Jubelhymnus „an die Freude“ anstimmte, war
ihm der Bau und die Struktur des Volksliedes das
willkommenste Vorbild.
Im Burgenlande entdeckte ich ein wunderschönes
Volkslied, von dem Josef Haydn ganze Zeilen in
seine Arie „Mit Würd' und Hoheit angetan“ aufge—
nommen hatte. Wer erkennen will, wie sehr Schuber“
die Volksmusik schätzte, studiere seine „Deutschen Tänze“
Brahms beschäftigte sich zeitlebens in intimster
Weise mit dem Volkslied, so auch Max Reger
Bruckner holte aus demselben Schatze wundervolle
Themen. Richard Wagner, der Grundstein aller
modernen Musik, gesteht freimütig: „Jede echte Kunst
dasiert auf der Volkskunst“. Und wir? Wir? Uns
mangelt es an der nötigen Zeit, uns in den Lieder
schatz unseres Volkes zu vertiefen. Wir studieren so
viele Chöre, nach deren Aufführung wir erleichtert auf
atmen: „Gott sei Dank, die hätten wir hinter uns
Hoffentlich nimmer wieder!“
Lieber Sangesbruder, hast du nicht schon folgendet
erlebt! Du sitzest mit deinen Lieben beim Fruͤhstück
da beginnt dein Jüngster: „Papa, gestern abend bei
—ñ⸗