Full text : 5.1927-1928 (0005)

Aus der Musfikwelflt.

Die Zdeale unserer Männergesangvereine.
Anläßlich des 90. Jubiläums des berühmten Regens—
burger Liederkranzes hielt Oberbürgermeister
Dr. Hipp eine Rede, die weit über den Rahmen des fest—
lichen Anlasses hinaus dankbare Beachtung verdient. Sie
lautet: „Wenn ich heute hervorhebe voll aufrichtiger herz—
licher Anerkennung, daß der Regensburger Liederkranz stets
seine Kunst in den Dienst der allgemeinen Wohltätigkeit
gestellt hat; wenn ich dankbar bekunde, daß er nie gefehlt
hat, wenn er gerufen worden ist, vaterländische Kund—
gebungen zu verschönern, wenn ich ferner feststelle, daß das
Kunstleben unserer Stadt
durch ihn in den letzten
Jahrzehnten eine wesentliche
————— erfahren hat,
wenn ich nur das erwähnen
wollte, dann wäre die Ueber—
mittelung unseres Dankes
und unserer Anerkennung
wohl immer noch eine bloße
Formsache. Ich glaube, wir
müssen etwas tiefer greisen.
Der Regensburger Lieder—
kranz hat 90 Jahre lang in
der Stadt Regensburg eine
Kulturaufgabe erfüllt. Er
hat das Volkslied gepflegt,
er hat auch dem Lied in der
geschaffenen, von Geistes—
heroen in die Welt gesetzten
Kunstform seine Pflege an—
gedeihen lassen, und er hat
8 nicht vergessen, bei
einen großen Veranstal—
tungen auch der orchestralen
Musik ihren starken Anteil
zu geben.
Das ganze Sckafsen des
Vereins war 90 Jahre lang
wertvoll. Aber heute stehen
wir in einer Zeit, wo die
Pflege dieser Ideale nicht
nur wertvoll, sondern ab—
solut unentbehrlich
ist. Niemals in der Geschichte
des Vereins war die Zeit
als die jeweilige Trägerin
des deutschen Kunstideales
so von Gefahren umbraust
wie heutzutage. In unseren
Tagen, da haben all die Ver—
bände und Vereine, die der
Pflege der Kunst dienen, in
erster Linie einen Zweck,
ein Ziel: eine Aufgabe
für die Seele des
deutschen Volkes. In
einer Zeit, wo die wirtschaft—
liche Not uns alle zu tiefst
ergreift, in einer Zeit, wo
ein ganzes 60-Millionenvolk
arbeͤten muß, um andere
mit dem Lohn seiner Arbeit zu mästen, in einer Zeit,
da unser Volk manchmal verzweifeln müßte in dem Glauben,
es seien überhaupt keine Lichtpunkte mehr vorhanden, da
ist es das heilige Ziel und die große Aufgabe der deutschen
Kunst, in die Herzen unseres Volkes wenigstens einen
Schimmer von —8 und Glück hineinzutragen, damit
unser Volk an seinem Schicksal und seiner Zukunft nicht
verzweifle. Das Mittel dazu ist das deutsche Lied.
Sie haben eine zweite Aufsgabe in der
Pflegedes Ideals. Es ist eine traurige Tatsache, daß
Hunderttausende von Menschen, wenn sie die Schule ver—
lassen haben, von Kunst, von Schönheit und inneren Lebens—
werten sehr wenig mehr zu hören bekommen. Und es
ist ein unschätzbares Verdienst der deutschen Lehrerschaft,

Berta Pahl

daß die den volksbildenden Wert des Volksgesanges, des
deütschen Liedes so stark erfaßt hat, daß der Lehrerstand
die Hauptstütze unserer Männergesangvereine ist.
Es ist überflüssig, heute daran zu erinnern, daß das
vehirn eines Kant, das Herz eines Schiller, die Seele
ines Mozart mehr wert sind, als die Muskeln eines Welt—⸗
neisters im Boxkampf? Haben wir nicht alle Anlaß, an
inserer Grenze einen Wall aufzurichten gegen die Ober—
lächlichkeit gegen die Leichtfertigkeit und Geistlosigkeit einer
— Kultur, auch auf dem Gebiete des Musik—
ebens?
Und die dritte Aufgabe, die zugleich die
wich tig ste i st: ge—
winnen sie das Herz,
die Seele unserer
heranwachsenden Ju—
gend! Unsere Jugend ist
den Idealen heute noch zu—
gänglich. Die Seelen unserer
JFugend sind auch heute
noch ein Ackerland, in das
der Pflug des Schönen
tiefe Furchen ziehen kann.
Aber gerungen muß werden
um die Seele unserer Ju—
gend, damit sie nicht unter—
geht in einer flachen,
eelenlosen, äußeren Körper—
kultur. Das Schöne der
Ideale, das Sie zu bieten
haben, wird auf die Stele
uͤnserer heranwa hsen en Ju⸗
gend veredelnd wirlen. In
dieser dritten Ausgabe wer—
den Sie auch das Ziel Ihres
Strebens sehen, wenn Sie
hineintreten in das zehnte
Jahrzehnt des Regensburger
Liederkranz s. Wir wünschen.
daß die Jahrhundertfeier
Ihres Vereins ein Geschlecht
sehe, das bekennen kann:
Deutschland ist wieder gesund
und stark. In diesem Geiste
beglückwünsche ich Sie zu
Ihrer Arbeit, die nicht nur
unserer Vaterstadt zur Ehre
gereicht, sondern auch der
großen Masse unseres ge⸗—
liebten deutschen Volkes“

Zeitschrist für Musik.
Die einst von Robert Schu—
mann vor hundert Jahren
gegründete Zeitschrift
für Musik, Steingräber—
Verlag, von Dr. Albert
Heuß mit tapferem Eintreten
für unsere große deutsche
musikalische Tradition und
zugleich mit feinem Ver—
tändnis für das wertvolle Neue redigiert, hat von uns immer
vieder wärmste Empfehlung erfahren. Auch die soeben vor—
iegende Februar-Nummer besfestigt mit ihren wertvollen
Aufsätzen, Berichten und Mitteilüngen unser Urteil über
die hohe künstlerische und nationale Bedeutsamkeit dieser
Musikzeitschrift. Ich erinnere nur an Dr. R. Steglich: Ueber
dändels Alexander Balins, Dr. Alfred Heuß: Rund um die
dominante-Tonika-Stelle der Eroika herum, Prof. Alfred
Schnerich; die konfessionellen Elemente in Bachs U-Moll—
Messe, Dr. * Simon: Vom musikalischen Leben in Palä—
tina, Dr. Heuß: Zur Charakteristik der Tonarten. Wie
orgfältig und verständnisvoll die Z3. f. M. aber das ge—
amte musikalische Leben Deutschlands überschaut, möchte
ch an einem Bericht aus Saarbrücken zeigen. Er

ze. Der Tod.
            
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