Nr. 124
Saar⸗änger⸗Bunde
USeite 271
mittelalterlichen Sängerkriege wollte man der Sache edle
Beweggründe unterschieben, der Kunst einen Dienst er—
weisen Der Ehrgeiz der Sänger und Dirigenten, die
Zucht nach Preisen sind aber Dinge, die mit dem Idealismus
und der Förderung der Kunst wenig oder garnichts zu tun
haben, und die Chorwerke, die in dieser Zeit und im Hin—
blicke auf diese Ziele geschrieben wurden, haben das Los
verdient, das ihnen beschieden wurde: Sie ruhen verstaubt
in den Archiven der Vereine. Die Selbstgefälligkeit der
in künstlerischen Dingen unwissenden Sänger verlangte
effektvolle, wirkungsvolle Chöre, Schlager und Reißer, ge—
schäftskundige Komponisten nutzten die Lage aus und er—
stellten solche Ware in Menge. Falsche Sentimentalität und
übermäßiges Pathos, süßliche Melodik, einfältigste Har—
monik und Rhythmik sind die Signatur, das Gepräge dieser
seichten, verlogenen Produkte, und als nach den Kriegs—
jahren 1870/71 die Gesangvereine wie Pilze gus der Erde
schossen, das Moment der vaterländischen Sehnsucht völlig
aus dem Bewußtsein der Vereine geschwunden war, da
hatte der Männergesang mit seinen Brummstimmenständchen,
seinen Potpourris und Quodlibets jenen Tiefstand erreicht,
der den wahren Kunstkenner halb mit-, halb wehleidig
lächeln ließ, wenn jemand versuchte, ernsthaft über den
Begriffs des musikalisch Schönen mit sich gebracht, die sich
ruch auf dem Gebiet der Chormusik, auf dem des Männer—
hepgesangs auswirkt und auch weiterhin noch auswirken
wird.
Zur Erläuterung der Bezeichnung „Gesellschaftliche Um—
schichtung“ soll ein Beispiel dienen. Bis zur Revolution
var das sogenannte Bürgertum die regierende Schicht in
Deutschland. Wenn auch die Großagrarier und die Ver—
reter der Großindustrie das Heft der Regierung in der
dand hatten, so ließ sich doch das Bürgertum als Vor—
pann dieser Regierung benutzen. Die Arbeiter standen
dieser gewaltigen Gruppe als schwächere Masse gegenüber.
Der Umsturz nach dem verlorenen Krieg brachte auch die
Vertreter dieser Masse in die verantwortungsvollen Stellen
der Regierung, das Selbstbewußtsein der Arbeiterklasse
vurde dadurch gesteigert, und heute sehen wir die Arbeiter—
chaft nicht nur um ihre Existenz, sondern auch um eine
zöhere Stufe der Wirtschafts- und Lebensform ringen. Der
kampf ist nicht nur materieller, sondern auch geistiger Art
zgeworden. Der Arbeiter kämpft auch um Wissenschaft und
Tdunst, und es ist doch wohl einsichtig, daß die Kunstwerke
inserer Zeit Ausdruck, Gestalt und Form dieser Kämpfe
ind. Der Arbeiter braucht die Kunst, vor allem die
bei den Sescsästoleulen, die duch An-Saat.
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Männergesangverein zu sprechen. Der Schwindel jener
Gründunñgsjahre machte sich in den Gesangvereinen bös
erkenntlich. Die herzige Geselligkeit der früheren Jahre
wandelte sich in hohlpäukige Aeuͤßerlichkeiten, alles Kunst—
streben galt dem effektvollen Vortrag, und in dynamischen
Schattierungen suchte ein Verein den andern zu überbieten.
Die einfachen Silcher'schen Volkslieder wurden Romane
dynamischer Effekthaschereien. Die Zeit der Kaiserwett—
streite änderte nichts an der schlimmen Sachlage. Nun ging
der Unsinn wie bielfach im Wilhelminischen ins Massen—
hafte, ins Große. Zwar versuchten eine Reihe guter
Musiker und Chorkomponisten aus der musikalischen Enge
herauszukommen und besseve, edlere Wege einzuschlagen,
ihn in künstlerische Bahnen zu lenken. Um die Eintönig—
keit der Klangfarbe zu beheben, erweiterten sie den Ton—
umfang und muteten den Sängern Akkorde und Ton—
folgen“ zu, die sie in den seltensten Fällen befriedigend be—
wältigen konnten. Tonmalereien wurden in die Chöre
hineingeschrieben, die nur Instrumente tonrein ausführen
konnten. Balladen mit Jagd- und Schlachtgetümmel wurden
beliebte Textunterlagen. Hegars Chöre und Balladen und
die einiger andern (Curti, Brambach) sind gewiß wohl—
gelungene, in ihrer Art vorzügliche Werke, aber das Ideal
eines künftlerisch vollendeten Männerchorstiles sind sie nicht.
Das haben auch die Preisrichter bei den großen Kaiser—
wettstreiten erkannt und ausgesprochen. Die beiden Volks—
liederbücher (Peters, Leipzigs sind die Frucht dieser Er—
kenntnis. Im volkstümlichen Gesang soll das Schwergewicht
der Männerchöre liegen, dort, wo er ursprünglich in jener
ersten Periode lag, soll er verankert sein. Musikalisch wäre
das schon möglich, man müßte bei Schubert, Silcher und
etwa bei Peter Cornelius wieder anknüpfen. Das Milieu
aber, die geistigen Vorbedingungen, den Gesinnungskreis
der Chorsänger der damaligen Zeit, deren Wiederspiegelung
die Werke dieser Künstler sind, können wir nicht herstellen
Die Zeiten haben sich geändert, die gesellschaftlichen Ver—
hältnisse sind unter dem beschleunigenden Einfluß des Welt—
krieges andere geworden, und der Chorstil vor 100 Jahren
hat unter dem veränderten Charakter der Zeit seine Gel—
tung verloren. Das Schöne ist kein fester, unwandelbarer
Begriff, es existiert außer uns überhaupt nicht, sondern
ist lediglich die Beziehung, das Verhältnis, die Ueberein—
siimmung zwischen dem schaffenden Künstler bzw. seinem
Werk und dem genießenden, empfangenden Menschen. Es
ist eine Vorstellüng, ein psychologisches Produkt, also eine
Verknüpfung wechselnder Anschauungen und demnach be—
ständiger Wandlung unterworfen. Die gesellschaftliche Um—
schichtung der Gegenwart hat darum eine Umgestaltung des
dunst, deren Ausübung ihm die Natur am leichtesten ge—
nacht hat, den Gesang. Hier kann er am besten ge—
ühlsmäßig seinem geistigen Leben und Streben Ausdruck
zerleihen, und daß die Formen dieser Kunst, der er sich
nit Gleichgesinnten hingibt, daß der Chorstil seines Männer—
horgesanges ein anderer sein muß als der einer vergan—
Jjenen, hinter ihm liegenden Zeit, die diesen Kampf nicht
annte, das liegt wohl klar auf der Hand. Man setze statt
Arbeiter irgend eine andere Gruppe, und man wird zu
demselben Resultate kommen.
Der homophone Chorstil (Melodie mit harmonischen Be—
gleitstimmen) mit seinen abgegriffenen Harmoniefolgen und
tadenzierungen (Schlußbildungen) nach je 8 Takten, die
aturalistischen, oft einfälligen Tonmalereien, die grobe
Wortdeklamation unter knalliger Hervorhebung einzelner
Zpitzen (die Wertungsrichter können ein Lied davon singen),
die pseudopathetische, dramatisch wirken sollende Steigerung
im Schlusse, mit einem Worte: diese inhaltlose Liedertafel—
duselei gehört einer vergangenen Zeit an und vermittelt
uins keine lebenspendende Werke. Selbst gute Chöre der
Vergangenheit sollten im Programm nur kunsthistorische
Bedeutung haben, wenn — ein unsever Zeit entsprechender
Thorstil schon eindeutig zu erkennen wäre. Wir befinden
ins mit den modernen Bestrebungen auf allen andern
dunstgebieten in einer Krisis, in einer Uebergangszeit. Ge—
viß, bestimmte Eigentümlichkeiten eines neuen Chorstiles
reten allenthalben zutage: Scharfe Dissonanzen, das Vor—
reten der linearen, polyphonen Schreibweise, des Klang—
olorismus und einer abwechselungsreicheren, differenzier—
eren Rhythmik. Die Harmonik ist das Produkt der hori—
zontal-linealen Stimmbewegung, die Stimmen selbst sind
in Aktion befindliche Individuen, wir erleben ein Wieder—
erstehen der Chorpraxis des 16. und 17. Jahrhunderts,
ine Vereinigung eines älteren Stiles mit dem neuzszeitlichen
klangideal.
Was können, was sollen wir tun? — Das anerkannt
gute Alte pflegen, aber auch dem Neuen Raum geben da—
zurch, daß wir die neuzeitlich geschriebenen Werke in den
Vordergrund stellen und ihnen, unsere Hauptaufmerksam—
eit widmen. Kaun, Lendwai, Trunk, Tiessen,
Malden, Scherchen und andere müssen ständig auf
den Vortragsfolgen stehen; man muß die Chöre dieser
Meister unserer Zeit singen, dann werden sich auch
die rechten Ausdrucksformen finden, die sie uns zum Er—
ebnis werden lassen, dann wird auch der Männerchorgesang
eine Aufgabe im Kunstleben erfüllen, Volkskunst im besten
Zinne des Wortes zu sein. Fritz Anschütz.