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Saar⸗Sünger⸗Bund
iu Nr. 10
In Brünn aber harrten Not und Schrecken statt behag⸗
licher Nachdenklichkeiten. Die Cholera ging um als ein
schwarzes Gespenst; man trug die Toten nach Kohorten
aus den Häusern, man schrie nach Pflegern, man warb
um Wärter und Aerzte, aber die Seuche griff mit einer
Eile um sich, daß nicht nur die Bürger flohen, sondern
auch die Aerzte und Pfleger; die Barmherzigkeit starb mit
den Opfern dieser Pest. Ach, Alois Jeitteles war auf den
jungen Beinen durch Tage und Nächte, hier rief ihn eine
Mutter zum sterbenden Sohne, und das mürbe Gesicht der
Frau war schon selber von nassen Schwären zerbissen; dort
famen klösterliche Schwestern, die keine Medikamente mehr
mischen konnten, denn die Apotheker lagen selber am
giftigen Fieber, oder sie hatten ihre Häuser verriegelt
und waren nach Nikolsburg und Olmütz geflohen.
Alois Jeitteles half, half und rettete so lange und so
viel er konnte, half, bis er in Ohnmacht sank durch die
Schwächen einer schlaflos verhasteten Woche. Da rief ihn
der eigene Vater aus den Baracken der Hoffnungslosen, da
en ihn die Braut, die Mutter und die Schwester an,
schleunigst die Post nach Wien zu besteigen, denn er sei
der letzte in Brünn verbliebene Arzt, sei freilich auch der
törichste Medikus, denn bald würde ihn selber das Un—
heil heimsuchen.
Alois Jeitteles zögerte lange; dann aber, da er die
Tränen der Mutter sah, da er sich hilflos dünkte vor
diesem Massenmord des Schicksals, warf er den Mantel um
die Schultern und folgte.
Langsam rollte die Post über die Straße; tausend
Menschen bettelten um einen Sitz in der Kutsche, tausend
jammerten am Wege und zeigten ihre Geschwüre. Alois
Jeitteles schlief, schlief und träumte von Brünn, der ster—
benden Stadt, träumte aber auch von Wien, dem nahenden,
sonnigen Fliedergarten, wo ein Ewiger vielleiht zu dieser
Stunde seine glühenden Verse las, vielleicht schon die ersten
Noten formte zum Zauber verklärter Worte:
„Nimm sie hin denn, diese Lieder,
die ich dir, Geliebte sang,
singe sie dann abends wieder
zu der Laute süßem Klang!“
Ob Meister Beethoven dabei war? Ob er? — Jeitteles
stöhnte aus dem Traume, gewiß würde der Musikant von
Wien seine Freude haben, denn flüsterte man nicht auf
den Redouten und Volkswiesen von seinen heimlichen Zärt—
lichkeiten? Von der Gräfin Brunswick und der schönen
Amalie Sebald? Vielleicht suchte der düstere Bräutigam
nach der Süße solcher Verse, wie er sie von Jeitteles in
den Mantel steckte? —
Da hielt der Postillon seine Gäule an; die strohgelbe
Kutsche stand am Schlagbaum von Auspitz; hier wurde
übernachtet und gespeist, hier schirrte man die Pferde um
und nahm zwei Säcke Briefpost mit. Der halbe Weg war
getan, auf der Schneide zwischen Elend und Heiterkeit
schüttelte man den Schläfer wach, der sich mit einem Auf—⸗
schrei erhob, von dem man nicht wußte, ob er der frohen
Hoffnung auf Wien oder der im Stich gelassenen Heimat
von Brünn galt. Der Postwirt von Auspitz drückte der
enee nur traurig die Hand. Auch ihm war eine ferne
Tochter der Seuche erlegen. Und einen Brief hatte der
leidvolle Mann für Alois Jeitteles, einen Brief mit fünf
roten Siegeln, deren Stempel das B des großen Musi—
kanten trugen. Jeitteles, so neee er war, so schwer
seine Arme und Beine hingen, Jeitteles, riß den Umschlag Heinz Steguweit.
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hastig auf; ein Dutzend gelber Papiere flatterte in den
Schlamm der Straße; das waren seine eigenen Liebes—
gedichte; die Handschrift des Meisters aber äffte den
ungen Medikus und Dichter:
...... wie alt sind Sie? — Junger Mann, Sie
reimen wie ein verliebter Narr; werden Sie ein
Held des Lebens und kommen Sie dann wieder! ....
Beethoven.
Das war am Abend. Um Mitternacht tauschte die
Begenpost von Wien ihre Gespanne. Mit dieser Kutsche
ehen wir Alois Jeitteles, erzürnt wie nie, verwirrt und
sich seiner selber — — zurück nach Brünn reisen; die
hn unter Tränen und Gebeten zu halten versuchten,
varen seine Eltern, seine Braut, die Schwester. Alois
Jeitteles blieb taub vor ihnen, wie der Musikant von
Wien taub vor dem Gelächter der Erde war. In Brünn
schrien zahllose Sterbende nach dem letzten Arzt, aber
rus den Samaritern waren Flüchtlinge geworden. Jeit—
teles eilte zurück an ihre Särge und Betten, er verachtete
das Leben wie er den Tod verachtete, was sollte er in
Wien, da sein Abgott ihn höhnte? Was sollte er auf
der Welt, da ihn ein Ewiger seines Unwertes wegen
derspottete? —
Zwei Tage später hörte er die gefolterten Menschen
vieder jammern; hier faulten und röchelten sie, in Wien
anzten sie Menuett und Walzer unter festlichen Kerzen.
Jeitteles hatte keine Zeit mehr zu schwächlichen Remini—
zenzen, er schlug das Futteral seiner Messer und Pin—
zetten auf, schrieb Rezepte, mischte Salben und Tinkturen,
zperierte, bandagierte, segnete die Toten, tröstete die Ge—
nesenden. Als das Häuflein fahnentreuer Pfleger immer
dürftiger zusammenschmolz, stellte er sein eignes Bett mitten
in den Saal der Unglücklichsten, kämpfte, heilte und rang
dem Tode so manches sichere Opfer ab. Nach wenigen
Wochen war sein Heldentum erfüllt. Die Cholera schwand,
die Aerzte, Apotheker und Bürger kehrten zurück, bald
par das Letzte zum Ende der furchtbaren Seuche getan.
Fin Wunder hielt Jeitteles gesund.
Dann kam ein Brief aus Wien, wieder ein Umschlag
mit fünf roten Siegeln. Jeitteles ließ das Schreibsel ver—
ichtlich liegen, bis ihm die Neugier das Oeffnen befahl.
Nur wenig sprachen die zitternd und schier flüchtig schei—
nenden Silben Beethovens:
...... kommen Sie, wir werden uns beide er—
freuen! ...... —
Alois Isidor Jeitteles, der zweiundzwanzigjährige Arzt
aus Brünn, war jener Held des Lebens geworden, dessen
Verse der Meister aus Wien heuer für wertvoll erachtete.
Der mürrische, taube Sonderling und der junge Schwärmer
schlossen eine Freundschaft, deren Treue eine Ewigkeit
segnet. Der große Liederkreis „An die ferne Geliebte“
eꝛrschien wenige Zeit später zu Wien und war des Meisters
ichtundneunzigstes Werk, war Seiner Durchlaucht dem
regierenden Herrn Fürsten Joseph von Lobkowitz, Herzog
zu Raudnitz usw. ehrfurchtsvoll gewidmet. Ob Beethovens
Muse, die kühle, doch artig ergebene Therese Brunswick
war? Ob die zärtlich schöne Amalie Sebald? Die Nach—
welt streitet darum und de kein Recht dazu, denn was
kann uns demütiger vor dem Meister stimmen, als seine
heilige Einsamkeit? — Die Himmel rühmen auch dieses
Fwigen Ehre.
Passagt · Hausnaus I. G. 223