B»rethoven undö der Ddichter.
Gr wußte nicht, daß alle Welt seine kleine Gestalt zu
Dbelächeln begann, er wußte auch nicht, daß seine
Musikanten kaum mehr nach seinem Taktstock sahen, denn
der taube Beethoven gehorchte ebenso peinlich dem Violin—
bogen des Konzertmeisters Umlauff, als es die Mitglieder
des Wiener Kongreß-Orchesters taten. Die wilde Schlachten—
symphonie dieses großen Tages war verrauscht, an sechs—
tausend Bürger und fast alle Monarchen Europas zollten
dem Meister Beifall, der aber hörte den Jubel der Menschen
nicht: ohne den Kopf nach der Menge zu neigen, ohne nur
mit der Hand zu winken, löschte er seine Kerzen, trat vom
Pult, betupfte seine Stirn und schritt als ewig Einsamer
durch die nächtlichen Straßen, mit erloschenem Gehör ein
neues Wunder aus dem Winde zu horchen, denn alles
wurde ihm zum Klang, wenn er die Sternbilder deutete,
wenn die Wolken strömten, wenn Baum und Gras sich
schüttelten.
Da vertrat ihm ein Jüngling den Weg, ein artig sich
gebender Mensch von 22 Jahren; der wußte um des
Meisters tragisches Leiden, darum schrie er mehr als er
sprach, da Beethoven stille stand:
„Meister, Liebeslieder habe ich, Verse, die ich selber
schrieb; nehmt diese Papiere, leset sie, mein Name ist
drauf vermerkt, ich würde mich glücklich wähnen, wenn
— halten's zu Gnaden ...“
Beethoven, gewohnt, belästigt zu werden, gewohnt, ein
Abgott junger Schwärmer zu heißen, stopfte die Papiere
des nächtlichen Spaziergängers in seinen Mantel, dankte
kaum, nickte nur halb und schritt schon weiter über den
Wiener Graben, noch ehe der Jüngling ein mürrisches
Staunen ob des unhöflichen Sonderlings verwand. Ja,
der schwärmerische Verseschmied wollte mit dem Fuß auf
das Pflaster stampfen, dann aber hemmte er seine Wut
und war schon zufrieden, seine mit so viel Leidenschaft be—
reimten Papiere in Beethovens Mantel zu wissen. Schau,
da blieb, fünfzig Schritte weiter, der große Musikant im
Schein einer Straßenlaterne stehen, die rechte Hand schlug
einen rhythmischen Takt durch den Wind, die linke zitterte
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iach der Seite, so, als raffe sie einen Chor von Instru—
nenten zusammen; dann strich sich der Meister das wilde
daar aus der Stirn, schüttelte den Kopf und verschwand
im Dunkel des Wiener Grabens.
Da wußte der eben noch zürnende Jüngling, daß ihm
ꝛin Mensch begegnete, von dem eine Ewigkelt noch zweifeln
vird, ob er ein Irrer oder ein Genius war. Der zweiund—
zwanzigjährige Schwärmer verstand jetzt zu lächeln, ja,
zr mochte sich gesegnet wissen von der Nähe eines über—
rdischen Wanderers, dessen Atem er noch immer zu spüren
zermeinte. Er bezog kurz darauf das Zimmer einer be—
scheidenen Fremdenpension, wo er noch lange wach blieb,
noch einmal die Verse zu überprüfen, die er soeben ver—
schenkt hatte. Und er schritt auf und nieder in seiner
Stube, leise, doch fast ekstatisch verzückt zu deklamieren:
Auf dem Hügel sitz' ich, spähend
in das blaue Nebelland,
nach den fernen Triften sehend,
wo ich dich, Geliebte, fand.
Weit bin ich von dir geschieden,
trennend liegen Berg und Tal
zwischen uns und unserm Frieden,
unserm Glück und uns'rer Qual!“
Hier hielt er inne und schöpfte Atem, rang nach Luft,
denn seine eigene, jugendliche Kunst begeisterte ihn. Ob
der Meister das alles jetzt schon gelesen hatte? — Ob Beet—
zoven den Rausch solcher Gefühle nicht minder nachempfand,
ils er, der Jüngling selber? War die kindhafté Leiden—
chaft solcher Silben nicht wert, in den Wohllaut klingender
Akkorde gegossen zu werden? —
Der Jüngling schlief ein, matt war er und verbrannt in
der Brust. Der Domestik seiner Pension hatte Mühe, den
Ziebenschläfer am Morgen zu wecken. Die Post wartete.
Dder Gast mußte nach Brünn, wo er Studiker der ärzt—
ichen Wissenschaft war, wo er Pflichten und Eltern hatte,
vo er Alois Isidor Jeitteles hieß und zur vornehmen Ge—
ellschaft zählte.
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