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Saar⸗Sänger⸗Bund
Il Nr. 10
saftigen Witze kulturfördernd. Der Wirt freut sich. Die wenigen
Frauen druͤcken sich bald verlegen. Man ist unter sich. Um
die „heilige Mitternacht“ herrscht — Gößendämmerung. Vor
dem Schanktisch ist das Hauptquartier. Erfolg: Am Festmorgen
Brummschädel, dösige Augen und — waren es Sänger —
rostige Kehlen dazu
Diese Kommerserei ist beileibe nicht eine Eigentümlichteit
gerade unserer Gesangvereine. Sportler, Turner, Feuerwehr,
alles macht einen Kommers, weil diese schlecht gelungene Nach—
äfserei studentischer Sitten als vornehm gilt. Häufig borgt
man sich auch bloß den Namen, um zu verbergen, daß man
nicht wüßte, was man an dem Abend bieten sollte. Diese
Kommersskizze ist frei nach dem Leben gezeichnet, nicht ganz
bei einem Gesangverein erleht. Aber da dergleichen Unsitten
zur Nachahmung reizen, habe ich sie porträtiert. Aus der
Vogelschau wird keinem verständigen Sänger so ein „Fest—
kommers“ sehr löblich, festlich und zweckdienlich erscheinen.
Als Gegenstück dazu eine Verarbeitung ebenfalls bei Gesang—
vereinen mitgemachter, vorbildlicher Festabende. Lange Reihen
hor, der durchweg Interesse erweckt. Gleich anschließend Fest—
ansprache des Bundes- und Gauvertreters. Es folgen die
ingemeldeten Chöre der Vereine; deren An- und Abgang muß
zurchweg schneller vonstatten gehen. Dazwischen Ansprachen der
Lertreter befreundeter Vereine. Viel mehr Ansprachen als
gewöhnlich sind zu wünschen. Das Leben und Treiben ent—
vickelt sich ganz von selbst. Keine Karussels mit Orgeln, keine
Lerkaufsstände mit Flöten, Quietschknarren und dergleichen
kin Sängerfest ist kein Jahrmarkt! — Zum Schluß, vor Auf—
zruch, noch einmal allgemeines Antreten zum Saar-Söngerspruch
und volksmäßigen Massenchor. Wo bleiben unsere Pilichtchöre?!
der betreffende Pflichtchor muß nach Rücksprache mit dem
sauvorstand auf den Festeinladungen vermerkt sein.
Wie in der ganzen Anlage des Festabends und des Festtages
m Aeußeren, wie im gesanglichen Teil etwas Künstlerisches
tecken soll, so soll aus dem Gesamtbild etwas mehr Kamerad—
chaftliches, wirklich Sangesbrüderliches herausleuchten. Ge—
neinschaftsleben! Müssen die Vereine wie einander
fremde Gruppen stets getrennt sitzen? Warum nicht die Reihen
Jaas · Sänge onaren
sauber, z. B. weiß gedeckter Tische mit Blumensträußen, Efeu—
und Tannenzweiglein sinnig verziert. Tannengewinde längs der
Wände. Gute Luüftung. Die auf Schildern angebrachte Weisung:
Bis 11 Uhr nicht rauchen! wird glatt durchgeführt. Saalordner
sorgen gewandt für Verteilung an den Tischreihen, Vertreter
von Land- und Stadtvereinen hübsch durcheinander. Musik—
stücke zur Eröffnung — hätte oft pünktlicher sein können —
und Liedvortrag geben rechte Einstimmung. Kurze Begrüßungs—
ansprache des 1. Vorsitzenden an zahlreiche Vertreter von
teilweise vollzählig erschienenen Nachbarvereinen, der Behörden
an Ehrengäste und den Gauvorstand. Festansprache dess Gau—
vertreters über: Kulturaufgaben der Gesangvereine, Ehrung der
Gründer und Toten des Vereins. Ansprache des Bürgermeisters
und eines Geistlichen; Die Bedeutung des Gesangvereins für
das geistige Leben eines Ortes; Dankesworte eines Sanges—
bruders aus einem anderen Gesangverein am Ort: Ueber
Sangesbruderschaft. Später: Die Geschichte des Jubelvereins,
vorgetragen von seinem Chorleiter. Dazwischen — allmählich
zum Fröhlichen sich steigernde Gedicht- und Liedvorträge. Nur
kein seichtes Theaterstück, am besten gar keins, keine sogenannten
komischen Vorträge mit leichten, nur zu bedenklichen Witzen! —
Festliche angeregte Stimmung ohne eine Spur von Langeweile.
In den Pausen rege Unterhaltung; dazu ist man doch auch
zusammengekommen. Wozu alsyo gleich wieder ein Musikstück,
kaum beachtet, weil's nicht dahin“ gehört, weil's die Gemütlichkeit
stört?! — Jeder aufmerksame Beobaächter spürt die verständnis—
volle Vorbereitung des Ganzen. Noch um 11 Uhr schenkt man
gar einem Redner gern Gehör. Zu jubelndem Lustigsein ist
noch Zeit genug. Schluß offiziell 12 Uhr. — Zu wünschen
gewesen wären zwei oder drei gemeinsame Lieder, wie: Gold
und Silber lieb ich sehr; Schön ist die Jugend bei frohen
Zeiten; Strömt herbei ihr Völkerscharen; Im Krug zum grünen
Lranze; und während der Reden und Gesänge kein störendes
Bierherumtragen und Geldgeklimper.
Der Festtag. Der Auftakt des Festzuges klappt meist.
Der mit Blumengewinde, Grün und Fahnen geschmückte Ort
zeugt von der Teilnahme der Bevölkerung. Der Stolz des
Vereins: die Festwagen. Wenn malerisch gestaltet, wenn ein
hübscher Gedanke geschickt darin verkörpert, schön, sehr schön
Aber die ewige Lorelei, das verblühte Heideröslein, der unglück—
selige Walter von der Vogelweide, der gelangweilte Hans Sachs,
die alle nicht recht wissen, was sie auf der ganzen Fahri
machen sollen, müssen vermieden werden. Es muß Leben.
Handlung von diesen Festwagen ausströmen.
Die mitmarschierenden Vereine sollten im Wechsel ein Lied
im Marschtakt erklingen lassen, Heilrufe an die spalierbildende,
teilweise Blumen werfende Einwohnerschaft. Es muß wie elek—
trische Funken überspringen, wogende, brausende Stimmung er—
zeugen.
Auf, dem Festplatz. Jetzt aber! Sturm auf die Sitz
gelegenheiten und — Maßkrüge. Großes Stocken! Was jetzt?
Die Musik spielt. Viel zweckmäßiger: Der Zug marschiert um
die Sängertribünen sofort auf zum gemeinsamen Absingen des
deutschen Sängerspruchs; bleibt stehen denn es folgt ein Massen—
nischen! Sängerfeste sollten auch dazu beitragen, daß Vereine
und Einzelsänger einander kennen lernen. Sängerfreundschaft
oll im frischen Verkehr untereinander geschlossen werden, keiner
olffte ohne das Bewußtsein heimkehren: heute habe ich einen
zrächtigen Menschen, einen tüchtigen Sänger kennen gelernt. Ein
band schlingen muß das Fest um alle; das überhebliche Sich—
ürsichhalten wirkt oft lähmend. „Wenn die Töne sich ver—
chlingen, knüpfen wir das Bruderband, auf zum Himmel
PBünsche dringen für das deutsche Vaterland.“ Also auch eine
Laterlandsrede nicht fehlen lassen!
Dex Aufbruch vom Fest. Prosaisch genug ist der zumeist.
der Verein hat sein Lied gesungen. Dainit genug. Das Glas
rusgetrunken, die Fahne entrollt, und klanglos, gewöhnlich auch
anglos räumt er den Platz.
Wie anders, wenn der oben geforderte gemeinsame Chor
um Abjschluß gefungen, alle noch einmal vereint, früh genug
iatürlich, damit weit entfernt wohnende Vereine Zeit genug
jaben. Wenn dann zwei, drei, die auf gemeinsamer Straße den
OIrt verlassen, mit gemeinsamem frischen Lied abmarschieren,
dielleichtt auf freiem Platz noch eins anstimmen; oder wenn
der festgebende Verein — der hat als Gastgeber eben Pflichten
in dem Tag zu erfüllen, viele Pflichten; für ihn gibt's kein
Ausruhen, kein Müdesein — oder ein anderer, der bis zum
Abend bleibt, ihnen das Geleit gibt bis zum Bahnhof oder
zum Ortsausgang, wenn der Sängergruß dann noch einmal
rusgetauscht wird, Händedrücken, Tücherwinken, auf Wiedersehen!
Ist's nicht gerade für viele kleine, besonders ländliche Vereine
ꝛine Freude, zu fühlen, daß sie wirklich als Gäste beim Fest
zeachtet und nicht bloß als Festbeitragzahlende gezählt und
demnach gewertet wurden! Sangesbrüderlichkeit muß uns mehr
ein als ein bloßes Wort.
Und die das Geleit gegeben haben, dürfen mit Genugtuung
iberzeugt sein, daß sie damit für sich, das Fest und die Sänger—
ache Besseres geleistet haben, als wenn inzwischen am Festplatz
oundsoviel frische Glas Bier getrunken worden wären. Laßt
den Alkohol bei unseren Festen nicht den vornehmsten Platz
einnehmen; er tötet uns sonst den Geist unserer Feste. Und nur
der Geist macht lebendig
Der Auskhang. Abends ein Tanz. Gut. Dürfen wir
dabei nicht auch noch zwei, drei fröhliche Lieder einschalten?
Es bringt gewiß lustige Stimmung. Diese Tanzabende oder
Bälle sind durchweg das Prosaischste, Unkünstlerischste, was ich
je gesehen. Wer ist denn der geistige Vater und Leiter davon?
Der Kapellmeister der an Kaffeehaus- und Jazzbandmusik ge—
vöhnten Kapelle mit ihren ekelhaften Niggerweisen und erotischen
Niggertänzen. Von zwanzig Paaren nicht fünf, die sie annähernd
zübsch und einigermaßen richtig zuwege bringen. Ein lächerliches
dörperverrenken, konvulsisches Zucken wie von Epileptikern, eine
vüste Jagd wie in einer internationalen Bardiele. Und das
heim Fest deutscher Gesangvereine! Hier müssen wir für Abhilfe
orgen. Ich will gar nicht den fruchtlosen Versuch machen,
die modernen Tänze mit Stumpf und Stiel auszuroiten; abeir
ie sollen uns nicht beherrschen, unseren Festen den Stempe'
unfeiner, lüsterner Unkultur aufdrücken. Schluß folgt.)