Full text : 5.1927-1928 (0005)

Nr. 10*
vom rechten Geiste beseelt ist, seine Feste als Familien—
tage unter Darbietung eines guten Programms, das
allen Kitsch unbedingt vermeidet, und das so im Ein—
klang steht mit der geleisteten Arbeit und der durch
sie erzielten geistigen Kultur des Vereins. Wenn
man einen Menschen am besten daran er—
kennt, wie er lacht, und worüber er lacht,
dann erkennt man einen Verein am sicher—
sten daran, welche Feste er feiert, wie er
seine Festtage begeht, und wie sich seine
Mitglieder an ihnen benehmen. Das Jubi—
lieren und Hochschreien haben wir vor dem Kriege
mehr als reichlich besorgt und hatten wahrlich keinen
Anlaß: — noch weniger Anlaß haben wir heute, und es
gibt, auch ohne daß wir Sänger uns in den Nach—
kriegstaumel stürzen, genug Oberflächlichkeit und Frivo—
lität, genug geistiges und leibliches Elend in unserm
Volke. Was muß z. B. ein Mensch von Ernst und
Geschmack denken, wenn er das Wort „Weihnachtsball“
liest? Auch dieses schönste und innerlichste Familien—
fest zerren wir entwürdigend in den allgemeinen
Vereinsfestrummel herab. Müssen wir denn
unsern armen Kindern und uns selbst
jeden großen Eindruck dadurch nehmen,
daß wir ihn zerhacken zu einem schal
schmeckenden Ragout der Gedankenlosig—
keit und Oberflächenkultur? Einen Weih—
nachtsbaum sollten wir nur einmal im Jahr und nur
an einer Stelle sehen, — so Ichön und so ergreifend
ist er — in der Familie! —*
Ich könnte noch vide sehr vieles aus dem
Denken — oder dem Nichtdenken? — und
Tun der ewig Gestrigen an- und ausfüh—
ren. Ich könnte erzählen von Vereinen, die auch
heute noch wie Sonderlinge für sich leben zu können
meinen, ohne Anschluß an die Organisation der Gleich—
gesinnten zu suchen, die Vegetieren mit Leben ver—
wechseln; ich könnte berichten von Gau⸗- und Vereins—
vorständen, die so wenig von der Bedeutung unserer
großen Sache durchdrungen sind, daß sie Unordent—⸗
lichkeit und Unpünktlichkeit einreißen lassen und durch
ihr Beispiel geradezu fördern; von Vereinen, die auch
heute noch nicht wissen, welche großen Vorzüge ihnen
der Bund bei der Beschaffung von Noten, der Fortbil—
dung der Dirigenten, der Befreiung von der Lustbar—
keitssteuer, der Ablösung der Tonsetzergebühren, bei
der Weiterbildung aller Sänger bietet, von Vereinen,
die auch jetzt noch nicht die Sitzungen ihres Gaues und

Saar⸗Säuger⸗Bund

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Bundes besuchen und sich dann wundern, wenn sie
nicht weiter kommen; ich könnte erzählen von Diri—
genten, die nichts mehr zu lernen brauchen, die noch
immer Unpünktlichkeit und Biergenuß in Proben und
Aufführungen dulden, die sich auch musikalisch von
ihrem Vorstande führen lassen, anstatt selbst Führer
zu sein; ich könnte berichten von Vorständen, die
auch in der Zeit der allgemeinen Erstarkung des
Sängerlebens noch nicht den Mut aufbringen, gegen
interesselose Sänger rücksichtslos vorzugehen, und von
dergleichen unerfreulichen Dingen mehr, die mit dem
deutschen Liede niemals zu vereinigen sind.
Es duldet nicht die Lauen, Bequemen,
»wig Gestrigen; es ist immer wieder auf—
rüttelnde, große neue Aufgabe; es ver—
langt, daß wir im kommenden Jahre mehr
und mehr unsere männliche Jugend und
endlich auch unsere Frauen und Töchter
nmnein aktives Verhältnis zu ihmbringen.
Von unsern besten Komponisten haben wir eine reiche
diteratur für Frauenchor. Wo sind die Dirigenten,
die den Idealismus und den Mut haben, unsere Frauen
und Töchter im neuen Jahre zum Singen anzuregen?
Was würde das bedeuten an Anfeuerung und Steige—
rung des Interesses auch im Männerchor, an Werbe—
raft für unsere organisatorischen und volksbildenden
Bedanken und Ziele!
Die neue Zeit ist so, wie wir sie uns ge—
sttalten. — Möge das neue Jahr, das hun—
dertste Todesjahr Franz Schuberts, dieses
ewig Lebendigen und Heutigen von uns
aAllen das ewig Gestrige nehmen, möge es
aAllen Sangesbrüdern Mut und Kraft zu
neuen Gedanken und neuen Taten geben,
zur freudigen Mitarbeit in und mit der
zgzanzen großen Bundesfamilie, die eine
Biebe und ein Wille mehr und mehr be—
seelen soll, die Liebe und der Wille zur
deutschen Kunst und zum deutschen Volks—
tum. Esleben die Menschen mit den in die
Zukunft gerichteten, offenen, hoffnungs—
froh leuchtenden Augen, es lebe die Ju—
gend im Geiste und in der Freiheit, die
nicht an Jahre gebunden ist, es leben die
ewig Heutigen!
So sing dich frei im neuen Jahr
und laß den Gram im alten!
Hans Bongard.

Unsere Bereinsfeste.

(Fortsetzung.)

ne raus besteht ein solches großzügiges Stiftungsfest in der
ege
Es beginnt, Samstags zumeist, mit einem Vorabend;
nennt ihn Begrüßungsabend — ich frage allerdings, wer ist
denn oft zu begrüßen? Die auswärtigen Sangesbrüder sind zum
größten Teil noch nicht da —. Also besser Festabend, auf
diesen folgt nämlich wirklich anderen Morgens der Festtag.
Aber benamst das Ding um alles in der Welt nicht mehr
Festkommers oder gar — ich las es leider in der letzten
Nummer der D.S. B.Z. im Bericht der Pfalz — Festbankeétt,
beides ist schlimm. Denn 99 Hundertstel aller Sänger kennen
keinen Kommers, erst recht kein Bankett. Und der Versuch,
doch so ein Ding zu deichseln, verläuft als schablonenhafte,

geistlose Nachäfferei nicht verstandener studentischer Gebräuche
m Sande bzw. in öder Kneiperei. Laßt uns doch keine fremden
Röcke anziehen, die uns nicht sitzen, sondern in denen wir
vie ein Fastnachtsgeck aussehen.
Aber Kommers! Wie das klingt, wenn man sich auch nichts
»abei denkt! Irgendeiner hat auch ein Kommersbuch entdeckt
Trinklieder Hauptsache. Den tieferen Sinn dieser Studenten—
ieder versteht der meist nicht, der nicht Student gewesen.
Also feste drauf los gebrüllt! Und einen Gang — herunter—
gestürzt! Prost hier, prost da! Zur Abwechselung eine Runde
zchnäpse an der Theke. Na, Fritze, ob's bald Stimmung
zsibt? — O ja, die Stimmung ist hervorragend, der dicke
dabaksqualm herzerhebend, das Gelärm und Stimmengewirr, die—
            
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