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Dann dürfen wir uns allerdings nicht wundern und gannte Vereinstradition, die oft nichts ist als die
beklagen, wenn die neue Zeit über uns hinwegschreitet. Summe der gemeinsam vertilgten Bierfässer, soll uns
Ihre Losung heißt in schroffem Gegensatz der unwesentliche Vereinsname, oder die Fahne, oder
zu der Ansicht der ewig Gestrigen: groß- das sogen. Vereinsvermögen, das meist aus gewerb—
zügiger Zusammenschluß! Nach unendlicher Auf- lichem Kitsch und minderwertigen Chören besteht, sollen
klärung dämmert endlich die Erkenntnis, daß nur uns alle diese und andere Lappalien hindern können,
große und ganz große Tonkörper das im uns enger und großzügiger zusammenzuschließen, uns,
Männerchor liegende Beste und Eigen- sdie alle vorgeben, dasselbe zu wollen? Die neue Zeit
artigste zum Ausdruckbringen können, daß fordert gebieterisch im Gegensatz zu allen unfrucht—
nur sie die wundervolle Menschenorgel mit dem breiten haren Nörglern und Vereinsseparatisten diesen Zu—
und einheitlichen Fluß der Töne sind. Der weitaus ammenschluß und verlangt mit Recht, daß ein Männer—
größte Teil der modernen guten Männerchorliteratur chor Tat und volles Leben nach jeder Richtung ist, wenn
ist den mittleren und kleinen Vereinen deshalb ver- sie ihn als existenzberechtigt anerkennen soll. Was aber
schlossen, und wenn von ihnen in Verkennung der muß man angesichts dieser Zeitforderung von den 15
eigenen Leistungsfähigkeit Chöre dieser Art zur Auf- Quartetten denken und sagen, die sich in Neunkirchen
führung gebracht werden, so sind das Versuche mit un- zu einem „Bunde“ zusammenzuschließen für nötig
zureichenden Mitteln, d. h. unkünstlerische Versuche. fanden? Diese Gründung ist der beste Beweis für den
Nur die Kongruenz des Inhaltes eines traurigsten Sänger- und Dirigentendünkel und die
Kunstwerkes und der zu seiner Darstellung Aemtersucht kleiner Geister Quartette haben in
bereiten Mittel erhebt diese Darstellung der Gegenwartnur das Recht der Existenz,
in das Gebiet der Kunst. — Sind also dem großen wenn jeder ihrer Sänger ein musikalisch
Chore die modernen Werke großenteils allein vorb⸗ und technisch ausgebildeter Solist ist, so
halten, so bringt er auch einfache Chöre und Volks- daß ihre kleine Vereinigung in der künst—
lieder wegen der größeren Einheitlichkeit und Sättigung lerischen Wiedergabe Musterbilder auf—
seines Klanges besser zum klingenden Leben als ein stellen und neueschwierigeLiteraturleicht
kleiner oder mittelgroßer Tonkörper. Wer auch nur und schnellherschließen kann. Weil diesen Vor—
einmal einen großen Männerchor gehört hat, wird das bedingungen bekanntermaßen in ganz Deutschland nur
rückhaltlos zugeben. verhältnismäßig wenige Quartette entsprechen, so hätte
Daß ein großer Vereinfinanziellundor- das wirklich sachliche Interesse am deutschen Lied Zu—
ganisatorisch leistungsfähiger ist, kann sammenschluß mit denen verlangt, die denselben Weg
niemand bestreiten. Er hat nicht nur durch seine und dasselbe Ziel haben. Wir an der Grenze
Mitglieder größere Einnahmen, sondern er kann bei könnten doch nachgerade wissen, daß noch
Konzerten und Festen vermöge seiner Größe, seiner Aus keinem Separatismus etwas Gutes
künstlerischen Leistungsfähigkeit und der Einheitlichkeit erwachsen ist, und daß bei uns jede Kräfte—
seines Wirkens im Ort den finanziellen Erfolg bis zum zersplitterung verantwortungslos und
Größtmöglichen steigern. Nur ein großer Chor kann öschädlich ist.
einen tüchtigen Dirigenten entsprechend honorieren, kann Und gehören nicht auch die — allmählich sind sie ja
ihm in feiner Weiterbildung helfen, kann seinen be- selten geworden — Veranstalter von Gesang—
rechtigten Wünschen auf Beschaffung von Notenmaterial wettstreiten mit all ihren üblen Motiven,
künstlerische Ausgestaltung der Programme, Heran- Begleiterscheinungen und Folgen zu den
ziehung von Solisten entgegenkommen. — Die Ver- »wig Gestrigen? Die neue Zeit verlangt natur—
waltung eines großen Vereins braucht im ganzen nicht zemäß neue Formen. Und wer auch heute noch nicht
mehr Vorstandsmitglieder als die eines kleinen. Wie- einsieht, daß die Wettstreiterei mit ihrem äußerlichen
oiel Leerlaufarbeit, Verstimmung und Drill, ihrer äußerlichen Prämiierung und Dekorierung
Schaden ergibt die Zersplitterung und einer ganz anders gearteten Zeit entstammt, der Zeit
Konkurrenz der einzelnen Vereine an der Paraden und Ordensfeste vor dem Kriege, und des—
demselben Orte! In wie zahlreichen Orten, — halb heute völlig überlebt ist, dem ist nicht zu helfen.
großen wie kleinen, — bedeutet keiner der zersplitterten Ich verstehe nicht, daß es noch Sänger gibt, die sich
Vereine etwas, während die Sänger, in einem großen in der heutigen Zeit gedankenlos die bei den Wett—
Chor zusammengefaßt, eine Macht im Leben ihrer Ge- streiten übliche Einschätzung und Bekrönung gefallen
meinde und des Bundes bilden würden! Wer die Statistik lassen. Das Wertungssingen marschiert
unseres Bundesbuches einmal auf diese Vereinsmeierei auch gegen diese ewig Gestrigen als Er—
durchsieht, der muß traurig den Kopf schütteln ob so ziehungsmittel, das würdig aus der Na—
viel Unvernunft, Einbildung und Eigensucht. tur unserer großen ANufgabe herausge—
Wenn in einem Orte ein Verein von 150 wachsen ist, und dem deshalb jeder unsach—
Sängern sein kann, und es sind 2von 75, liche Beigeschmack fehlt, als Erziehungs—
oder“ 3 von 50, oder gar — was sehr oft mittel, das nicht nur einzelne Vereine.
vorkommt! — « und 5mit 40 und 30 Sän- sondern die Gesamtheit des Bundes künst—
gern da, dann ist der Geist des deutschen lerisch fördert und hebt.
Liedes in keinem der Vereine lebendig, Unter das beschämende Kapitel vom ewig Gestrigen
dann gibt es auch in keinem der Vereine fällt auch die vielfach noch übliche Ausge—
Männer, denn Männer begnügen sich nicht staltung der Feste. Unsere Vereine haben als
mit dem Kleinen, wenn sie das Größ α der in ihrem Grunde ethischen deutschen Kunst
erreichen können. Sollen uns auch im neuen Jahre die Verpflichtung, auch im Begehen ihrer Festtage bei—
die bekannten unsachlichen Motive, soll uns die soge- spielgebend in unserm Volke zu wirken. Selten, ein—