Aus der Musikwehlt.
Westgrenzfahrt der Berliner Liedertafel.
beher die Westgrenzsahrt der Berliner Liedertafel ent—
nehmen wir der „Deutschen Sängerbundes-Zeitung“
folgenden Ausschnitt: „Und nun drei Tage in Saarbrücken.
Erster Höhepunkt der Reisebegeisterung! Cin
Vorgeschmack schon in Homburg, wo man sich beim Betreten
des Saargebiets der Zollrevision unterwerfen mußte. Die
Berliner staunten mit frohem Herzpochen ob der überqus
freien und männlichen deutschen Sprache, die dort Musik—
direktor Beck führte („Daie Westmark ist deutscher als je“)
bevor er sie durch seine Sängermannen mit dem von
Hönig gedichteten und von Wiedemann vertonten „Du
deutsches Lied“ begrüßen ließ. Mit Blumen im Knopfloch
und mit ein paar Schluck Ner, kredenzt aus rosengeschmückten
Kelchen, im Leib, kamen sie nachmittags in Saarbrücken an
Welch ein Empfang!l Ter Bahnhofsplatz überfüllt von
Menschen. Mit Trommeln und Pfeifen und Blasmusik
ging's zu vieren die fahnen- und girlandengeschmückten
Straßen entlang durch die Spalierbildende, heilrufende
und Tücherschwenkende Volksmenge hindurch zum Rathaus
Noch ein Blick rückwärts über das brandende Menschen—
meer, und dann empor zum ehrwürdigen, erleuchteten Rat—
haussaal zu feierlicher Begrüßung, während zu den Fenstern
des Balkons die Töne der Saarbrücker Sänger hinein—
qguollen. Stadtrat Bauer hielt die erste, Stadtschulrat
Bongard, der Vorsitende des Saar-Sänger-Bundes, die
zweitke Ansprache. Hauptsächlich für die Mitglieder des
Bundes, der übrigens zwei Seiten seiner Zeitschrift eigens
der Begrüßung der Liedertafel gewidmet hatte, war das
erste Saarbrücker Konzert im Städtischen Saalbau be—
stimmt. Es bereitete den Berlinern reinste Freude, ihren
Sangesbrüdern von der Saar eine Probe ihrer chorischen
Kunst zu geben. Inspiriert durch ihren tosenden Beifall
nach dem ersten Teile hielt Herr Schulrat Bongard eine
Ansprache an die Saarsänger, in der er die auch im Sänger—
wesen herrschende Eigenbrötelei und Parteisucht verdammte
und zum Zusammenschluß mahnte. Das „Grüß Gott mit
hellem Klang“, das dann aus 2009 Sängerkehlen den
Liedertäflern antgeghettran ie wurde einer der erhebendsten
Reiseeindrücke. as Konzert schloß mit dem Saarsänger—
spruch, von den Liedertäflern gesungen. Danach fanden
sich diese und igre Zuzßrer im Sängerheim auf dem Lud—
wigsberg zu fröhlichem Kommers zusammen. Manch feine
Rede floß da aus beredtem Munde: Rektor Stein, Schul—
rat Bongard, Dr. Hönig, der Präses der Berliner, sie alle
rühmten die deutsche Treue des Saarlandes, die Wirkungs—
kraft des deutschen Liedes und die Liebe zur Kunst. Schulrat
Bongard ward auf einstimmigen Beschluß der Berliner
Liedertasel ihr Ehrenmitglied. Tas Gefühl vaterländischer
Verbundenheit mit dem gastlichen Saarlande erhielt am
nächsten Bormittag neue Nahrung durch einen von schönstem
Sonnenschein begünstigten Spaziergang zum Wiunterberg—
denkmal und in das landschaftlich so bevorzugte Ehrentäl
mit dem Kriegerdenkmat von 1870, dem alten Ehrenfried—
8 dem Ausblick auf die einst blutgetränkten Spicherer
öhen.
Wenn die Herrlichkeit der Aufnahme in Saarbrücken, wie
sie tags zuvor beim Empfange aufgeflammt war, der
jubelnde Ausdruck brüderlicher Zuneigung zu den Gästen,
die aus der Reichshauptstadt mit Liedern auf den Lippen
in die kampf- und leiderprobte Südwestecke Deutschlands
geeilt waren, noch einer Steigerung fähig war, so trat diese
nachmittags in dem von EFisen und Arbeit klingenden
Neunkirchen in die Erscheinung. Fast nur Hütten—
und Grubenarbeiter beherbergt diese Stadt; aber deutsch
ist sie bis ins Mark; und das deutsche Lied liebt sie mit
ganzer Seele, Wäre dem nicht so, so wären die Straßen
rricht ein Flaggenmeer, nicht alle Fenster, Dächer und
selbst die Hochöfen von Menschen besetzt gewesen, hätten
nicht tausende unter Zurufen und Tücherschwenken die
Berliner Sänger empfangen, und auch aber Tausende den
nit Musik und Fahnen durch die Stadt marschierenden
zug bis zum Konzerthause begleitet; eine überwältigende
undgebung! Das evangelische Gemeindehaus war brechend
»oll. DTae Zuhörerschaft kam auf die erwartete Rechnung:
zie Liedertäfler sangen, obwohl von dem heißen Marsche
»ꝛrmüdet, unter Wiedemanns hinreißender Stabführung
einen Teut schlechter als Tags zudor, und die Beifalls—
türme waren gewaltig. Hatte sie am Bahnhof der Gau—
»orsitzende Professor Sulzbacher mit feurigen Worten be—
zrüßt, so tat es hier, Bürgermeister Tr. Blank. Hier wie
da erwiderte Tr. Hönig: seine anfeuernden Worte ver—
inigten alle anwesenden Sänger zu dem Saarsängerschwur.
Ddie bis zur Heimfahrt verbleibende Stunde wurde in den
rerschiedenen Gasthäusern der Stadt mit den Neunkirchnern
zusammen verbracht; bei der Abfahrt warfen die Hochsfen
zlühende Abschiedsgrühße an den nächtlichen Himmel.
Rudolf Krüger.
Saarbrücker Brief.
Nnter dieser Ueberschrift erschien in der „Kölnischen Zei—
Dtung“ ein Aufsatz über das geistige Bild Saarbrückens
ius der unseres Mitarbeiters Tr. A. Raskin, dessen
Viedergabe in unserer Bundezzeitschrift gewiß allgemeinem
Interesse begegnet. Der Aufsatz lautet:
Saarbrücken zählt heute etwa 130009 Einwohner, und
s ist nicht mehr als recht und billig, dieser „Hauptstadt des
Saarlandes“ in dem Kreis der rheinischen Großstädte den
zebührenden Platz einzuräumen. Seit es der preußisch—
zeutschen Gemeinschaft durch die zwangsweise Ernennung
zur Hauptstadt des einzigen Völkerbundstaates für eine
ängere Zeit entzogen wurde, hat es seine Ehre darin ge—
etzt, ein deutsches Leben zu führen. Es kdebt! Tie Intensi—
ät seines Lebens spricht für seine junge Kraft, denn Saar—
zrücken ist trotz seiner „fürstlih-Saarbrücken-Nassauischen“
Vergangenheit eigentlich eine junge Stadt. Wer es vor
»em Kriege zuletzt sah, wird es nicht wiedererkennen. Sein
zarockes Herz schlägt in einem verjüngten Körper. Längst
st das Märchen von der „rußigen, unfreundlichen Industrie—
tdadt“ zerstört worden, und allmählich sorgt eine vornehme,
zon der Reichsbahn unterstützte Außenpropaganda dasfür,
ie landschaftlichen Schönheiten seiner nächsten und aller—
tächsten Umgebung auch über den 100-Kilometer-Radius
zsinaus bekannt zu machen. Saarbrücken verdient in der
Tat mehr Liebe auch jenseits des Rheins. Sein Nachkriegs—
chicksal — so hart es im einzelnen gewesen ist und noch
ein mag — hat auch etwas Positires gebracht; es hat die
dornröschenhecke zerbrochen, die es seit Jahrhunderten
u einem allzu bescheidenen Dasein verurteilte. Nicht, daß
ins der Stolz, „Hauptstadt“ (Metropole) eines lünstlichen
rändchens von etwa 700 000 Einwohnern geworden zu sein,
u Kopf gestiegen wäre. Nein, wir sind nicht lokalpatrio—
ischer als irgendeine andre deutsche Stadt, und niemand
vünscht mehr die Liquidation der ungesunden „Spezial—
zerhältnisse“ im Saargebiet als die Bewohner selbst. Was
ins stolz macht, ist vielmehr die Entwicklung unsrer „Haupt—
tadt“, und daß uns dies gelang trotz aller Hindernisse.
Auch wir haben aus der deutschen Not eine Tugend ge—
nacht, und es ist ein beglückendes Gefühl, schon heute zu
vissen, daß die Wiedervereinigung mit Teutschland — seldst
venn sie noch „sieben magere Jahre“ Geduld kosten sollte —
der einzige Wunsch der gesamten Beoölkerung ist. Halb
st die Trennungszeit vorüber, die schwersten Augenblicke
iegen hinter uns. Das Leben ist wieder erträglich ge—
vorden, und nichts liegt uns ferner, als eine unzeitgemäße
Märtyrerkrone zur Schau zu tragen. Wir wollen — dieser
Wunsch ist oft von den verschiedensten Seiten zum Ausdruck
gebracht worden — die restliche Zeit der Prüfung nutzbar
zerwenden zugunsten einer dauerhaften versöhnlichen Be—
zliehung zu jenem Land, dessen Grenzen unmittelbar vor
den Toren Saarbrückens liegen. Taß wir hier deutsch
denken und fühlen, weiß heute auch „drüben“ jeder, und
SANGER- TRINXMOLMURI