Full text : 5.1927-1928 (0005)

Seite 198 I

Saar⸗nger⸗Buud

Iun Nr. o

die vielen flackernden Lichtlein die finstere Nacht in Fest—
glanz tauchen. Ein neugieriger schwarzer Kater schaut
blinzelnd vom äußersten Dachfirst die schwebende Glocke
an, aber keines der Kinder beachtet heute das wohl—
bekannte Tier, ... Christkind ist gekommen, daheim
wartet sein Lichterbaum, liegen seine Gaben bereit ...
Und „Friede auf Erden“ tönen die Glocken, und
das Singen und Klingen rauscht über die Stadt hin bis
zum „Afraberg“, wo sich das siebenstöckige „Burglehen“
an die hohe Schloßbrücke schmiegt.
Hier wohnte vor fast hundert Jahren Ludwig
Richter, als er Lehrer der Meißener Zeichenschule
war; hier hat er oft mit Frau und Kindern dem Weih—
nachtschoral auf dem Stadtkirchturm gelauscht. Und
später, als er längst wieder in Dresden lebte, schuf er

aus dieser Meißener Erinnerung sein „Turmbild“, das
Prachtstück seiner Holzschnittfolge: „Beschauliches und
Erbauliches“.
Noch heute singt vom Meißener Stadtkirchturm herab
der Knabenkirchenchor am Weihnachtsabend die alten
schönen Christlieder, und auch in manchen andern Orten
hat sich die schöne Sitte des Turmblasens und Turm—
singens an hohen Festtagen erhalten.
Die mittelalterliche Turmmusik ist eine so
echt deutsche, volkstümliche Kunst, daß es eine dank—
bare Aufgabe wäre, sie allerorts wieder zum Aufblühen
zu bringen. Mit ihren tiefen Gemütswerten hätte sie
zgerade in der heutigen Zeit, die so arm an echter
SZammlung und Stimmung ist, eine heilige Mission zu
erfüllen. Kläre Bongard.

Weihnach1stlieder.

Der Türmer hat sein Lied schon geblasen.
Ich wachte darüber auf! Gelobt seist du,
Jesu Christ! Ich habe diese Zeit des Jahres gar lieb!
Die Lieder, die man singt.
(Goethe an Kestner 1772 am Christtag früh).
er junge Goethe hat sie sehr lieb, die Lieder, die
man zu Weihnachten singt. Sie rufen ihm, wie es
nachher in dem ausgezogenen Briefe heißt, „angenehme
Erinnerungen voriger Zeiten zurück“. Ich glaube, wie
Goethe geht es einem jeden Deutschen auch; wenn er
den Glauben an das Christkind längst verloren hat,
die Lieder, die man an diesen Tagen singt, hat er lieb.
Nie sonst wird im deutschen Hause so viel gesungen,
wie in diesen Tagen. Und das scheint immer so ge—
wesen zu sein. Auf beines der anderen kirchlichen Feste
gibt es von alters her so viele Lieder, wie auf Weih—
nachten. Allerdings habe ich dabei Deutschland im Auge.
In der altchristlichen Hymnologie ist die Geburt des
Herrn nur wenig gefeiert worden. Der ambrosianische
Hymnus: „Veni redemptor gentium“, den Luther in
seinem „Nun, komm', der Heiden Heiland“ nachgedichtet
hat und zwei Hymnen des Aurelius Prudentius und
des Coelius Sedulius sind alles, was wir bis ins
5. Jahrhundert vorfinden. Des letzteren „a solis
ortus cadine“ ist auch von Luther frei umgedichtet
worden: „Christen, wir sollen loben schön“
Später entstehen dann viele Lieder, die einen mehr
volkstümlichen Charakter haben und auch gleich vom
deutschen Volksliede aufgenommen werden (Dies sit
laetitie) Puer natus in Bethlehem; Resonat in
laudibus; quem pastores laudavere. Zum eigentlichen
Volksfeste ist Weihnachten aber (erst) nur in germa—
nischen Landen geworden. Hier fiel es ja auch der
Zeit nach mit dem alten Jubelfeste zusammen, dieser
freudigsten und heiligsten Zeit altgermanischen Lebens.
Der freudigsten, denn nun war Wintersonnenwende.
Die Sonne kam wieder, die lichtlose, die schrecklich kalte
Zeit mußte nun wieder weichen. Die heiligste, denn
nun war Geburtsfest der Sonne, des heiligen, leben—
spendenden Lichtes. Wie sollte der Germane das Christ-⸗
fest nicht besonders lieb gewinnen, das seinem seelischen

Leben die Geburt des Lichtes brachte, wie das einstige
Julfest dem körperlichen. Und dazu nun das Familien—
hafte, das jedem Geburtsfeste eigen ist, dazu der Um—
stand, daß gerade der Germane für das Mitfühlen der
Tierwelt besonderes Verständnis besaß.
Die Kirche sah das auch ein und während sie sonst
den deutschen, geistlichen Liedgesang nur bei außerkirch—
lichen Gelegenheiten zuließ, durfte das Volk gerade
zeim Weihnachtsfest auch in der Kirche singen. Zumal
sich sehr früh die dramatische Darstellung der Vor—
gänge bei Christi Geburt in der Kirche einbürgerte.
Weinhold hat die älteste uns erhaltene Dramatisierung
für das 9. Jahrhundert nachgewiesen. Bereits 1162
lagt der Chorherr Garhoh von Reichersberg, daß die
dirchen besonders zu Weihnachten mit mimischen Dar—
tellungen erfüllt würden.
Bei diesen Feiern hatte das Volk nun reichliche Ge—
legenheit, Lieder zu singen, und zwar Wiegenlieder
Denn der deutschen Vorstellung ging der Begriff Krippe
nicht ein. Das Kind gehörte in eine Wiege, an der
die Mutter saß und sang:
Josef, lieber Josef mein,
Hilf mir wiegen, mein Kindelein,
Daß Gott müsse dein Lohner sein
Im Himmelreich, du reine Magd Marie!
Josef entgegnet:
Berne, liebe Muhme mein,
Ich will dir wiegen dein Kindelein usw.
Das Kindelwiegen wird zur allgemeinen beliebten
Zitte. Hat man doch in allem Ernst den Namen Weih—
nachten von Wiegennachten hergeleitet.
Es kam bei diesen dramatischen Feiern früh zu
Mißbräuchen, und bald wurden sie bekämpft. Luther
allerdings dachte nicht so streng; ihm war alles, was
bolkstümlichen Charakters Ursprungs war, zu wert—
doll, und so findet sich auch in seinem herrlichen Weih—
nachtslied: Vom Himmel hoch, da komm' ich her, der
osende Wiegenlauf, Susanni. Uebrigens mußte noch
1739 der König von Preußen ein Rundschreiben er—
lassen, daß am Nachmittag vor Weihnachten die Kirchen

Tridtct Pazcfepmilch vom üüspho daardrössen.
            
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