Full text : 5.1927-1928 (0005)

Seite 18248

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Saar⸗Sänger⸗Vund

ruhch NRr. 8

Alfred Heuß, unternimmt in dem soeben erschienenen
Dktoberheft unter dem Titel „Kund um die Dominante—
Tonika-Stelle der Eroika herum“ einen umfassenden An—
griff auf das Geheimnis jener berühmten Stelle. Immer
die große geistige Perspektive des ganzen Werkes im Auge,
verfolgt der Verfasser mit der analytischen Schärfe eines
Psychoslogen an Hand von Beethovenschen Skizzen den
rzigentümlichen Schaffensprozeß, der sich zwischen der dieser
Stelle zugrunde liegenden Idee und ihrer endgültigen
Fassung abspielte. Von den weiteren Aufsätzen nennen wir
die Vergleichung zweier berühmter Fassungen von Goethes
Abendlied, Elektrische Musik von Dr. Siegfried Kallen—
berger, Regers Sinfoniette von Hermann Grabner, das
nusikalische Paris von Sabanejew. Heute aber weisen wir
auf diese stets mit wertvollen Illustrationen und Musik—
beilagen ausgestattete Zeitschrift, in der sich in Berichten
und Notizen, Kritiken und Besprechungen das gesamte musika—
lische Leben Deutschlands und der Welt widerspiegelt, hin,
veil die Oktobernummer sich auch mit dem musikalischen
deben Saarbrückens beschäftigt. Für diesen Aufsatz,
der den Beweis erbringt, wie aufmerksam die Zeitschrift
für Musik überall das musikalische Streben verfolgt,
glauben wir bei unsern Lesern besonderes Interesse vor—
zussetzen zu dürfen. Er lautet: Mit der Aufführung der
„Missa solemnis“ unter dem Meisterstabe Felirx
Lederers hat die diesjährige Konzertzeit ihren Abschluß
und man darf wohl sagen ihren Höhepunkt erreicht. Viel—
eicht mehr als in den Vorjahren haben die Programme
der Lederer'schen städtischen, Sinfoniekonzerte die große
Linie gehalten; aufstrebendem, wertvollen Neuem wurde
verständnisvoll Raum gegeben, dabei aber doch auch der
großen deutschen musikalischen Tradition Genüge getan.
In den zehn Konzerten hörte man Bach, Haydn (Ariadne
duf Naxos), Mozart, Schubert, Mendelssohn, Brahms,
Bruckner (9. Sinfonie mit Tedeum), Maähler, Reger,
Strauß (Burleske), ferner Berlioz, Dvorak, Chopin und
Smetana. Die musikalische Gegenwart vergegenwärtigte sich
n Hermann Suters farbenreicher Sinfonie für großes
Orchester, in Karl Ehrenbergs sinfonischer Suite für großes
Orchester, in Hans Gals Phantasien für sechsstimmigen
Frauenchor mit Orchester und durch Stravinskys Suite
Puleinella“ und „Don Juan“ von Braunfels. Den Neu—
tönern gegenüber zeigte sich das Saarbrücker Konzert-—
publikum durchaus aufgeschlossen und beifallsfroh, wenn auch
der Beifall wohl zunächst den Nachschöpfern, dem Dirigenten
und seiner Schar galt. Daß Beethoven in seinem Gedächt—
nisjahr in reichstem Maße zu Wort kam und stets eine be—
sonders andächtige Gemeinde versammelt fand, versteht sich
hei der Einstellung der Orchesterleitung wie der hiesigen
Hörerschaft von selbst. Seine 2. und 7. Sinfonie, die
Leonoren-Ouvertüre Nr. 2 und Nr. 3, das Tripelkonzert,
die Konzertarie „ah perfide“, die „Große Fuge“ für
Streichorchester und — wie eingangs erwähnt die „Aissa
olemnis“ wurden zu Erlebnissen. Nus der Reihe der So—
isten des Jahres nennen wir Alma Modie, Katharina Niklas,
Jula Berl-Liliefeld, Mano Belina, Karl Möller, Karl
Bahner, Hermann Schey, Lydia Kindermann, Lubka Kolessa,
Felix Berber, Martha Oldem-Mehlich, Alfred Hoehn, Arnold
Földesy, Hermann Silzer, Mischa Rakier, Fritz Neumayer,
Emmy von Stetten, Hedwig Rohde, Ludwig Matern uͤnd
Paul Seebach. Erheblichen Anteil an dem Niveau des
etzten Konzertwinters hat Otto Schrimpf, der mit
einem glänzend geleiteten „Lehrer-Gesang-Verein“ und dem
refflich geschulten städtischen „Frauenchor“ im Rahmen der
Sinfoniekonzerte die Aufführung großer Werke mit ge—
nischtem Chor ermöglichte. Alle Kräfte wirkten
harmonisch zusammen, um hier in der um—
stritte nen Südwestecke des deutschen Vater—
landes hohe deutsche Kunst zum Klingen zu
zrinden. Walther Stein.

tiud edeldenkender Männer, daß durch neuzeitliche Gassen—
sauer, Tanzlieder und Operettenschlager das schöne Volks—
ied immer mehr in Vergessenheit gerät, besonders bei
inserer Jugend. Die vielfach gegebenen Anregungen, unsere
FJugend für die Volkslieder zurückzugewinnen, brachten
eider wenig Erfolg. Viel zu wenig findet man unsere
seranwachsende, reifere Jugend in unseren Gesangvereinen.
fss ist gewiß nicht leicht, unsere Jugend für die Sänger—
ache zu gewinnen. Der neuzeitliche Geist hat ihr Fühlen
ind Denken leider in Verwirrung gebracht. Schwer ist es,
dann bereits geworbene junge Sänger im Vereine zu be—
salten. Der vielseitige Sport, der freieres Benehmen zu—
äßt, das manchmal bis zur Ausgelassenheit geht, bringt
»s mit sich, daß die Jugend sich nur schwer der in den
vesangvereinen notwendigen Ordnung anpassen will, auch
timmt er sie meist so in Anspruch, daß keine Zeit zur
ßzetätigung auf dem Gesanggebiete übrig bleibt. Den Ver—
inen, die es mit der körperlichen Ertüchtigung unserer
zugend wirklich ernst nehmen, soll in keiner Beziehung in
hrer Betätigung eine Behemmung werden, denn der ge—
undheitliche Wert, den die richtige Körperschulung mit
ich bringt, ist sehr hoch einzuschätzen. Keinesfalls aber
»arf die körperliche Ektüchtigung so in den Vordergrund
reten, daß darüber alle geistigen Ideale zurückgedrängt
verden. Unsere Gesangvereine sind die Hüter dieser geistigen
PWerte. Es ist keine Ueberhebung seitens der Sängerwelt,
venn sie das Wort geprägt hat: Sage mir, was du singst,
und ich will dir sagen, wer du bist.
Wie aber gewinnen wir die Jugend? Wie müssen die
bereinsleitungen sich einstellen, um die Jugend wr mehr
als bisher zu sangesfreudigen Mitgliedern zu mächen?
Vor allen Dingen muß den zu werbenden Sängern jede
Frleichterung geschaffen werden, hohes Eintrittsgeld sind
ür manchen schon eine Abschreckung gewesen. Es dürfte
»urchzusetzen sein, daß man junge Leute als Zöglinge
ührt und solange vom Zahlen von Beiträgen befreit, bis
zie Stimmbildung ihre Durchreife erfahren hat. Als Gegen—
eistung wäre zu verlangen, daß sie regelmäßig als Zu—
örer zu erscheinen hätten. Dadurch dürfte erreicht werden,
aß ein anderes Verständnis für die Arbeit in den Ge—
angvereinen Platz greift. Die Abgeschlossenheit der Proben
zringt es mit sich, daß vielfach kein klares Bild über die
ünstlerische Tätigkeit in den Proben bei den jungon
euten vorhanden ist. Deshalb herrscht oft eine gewisse
Lengstlichkeit vor. Zeigen sich die älteren Sänger in vor—
ildlichem Benehmen in den Proben, das im pünktlichen
Erscheinen, im aufmerksamen Zuhören, im eifrigen Mit—
ingen, im echt sangesbrüderlichen Verkehr seinen Aus—
ruck findet, dann ist viel gewonnen. Der Dirigent wird
ieben seinen berechtigten Ruügen auch einmal anerkennende
Vorte für den Anfänger haben und den Weg finden,
der auch dem weniger Begabten die Lust am Singen hebt
ind fördert, den Begabten, besonders aber dem sich so
ühlenden, ab und zu merken läßt, daß man sich im Ge—
angverein immer einer Direktion fügen muß.
Gesunder Humor, Vereinsveranstaltungen, die in fein—
inniger Aufmachung stets einen würdevollen Verlauf
iehmen müssen, werden den guten Eindruck nie verfehlen.
donzerte, Lieder und Familienabende, zu denen die Eltern
zu werbender Sänger herzlich eingeladen sind, werden in
zuter Durchführung immer eine gute Werbung sein. Die
ẽltern werden ein anschauliches Bild über Wesen und
Virken unserer Vereine bekommen und werden unseren
Bestrebungen näher gebracht. Allen Vereinsführern muß
s längst zum Bewußtsein gekommen sein, daß eine gutdurch—
zeführte Disziplin das Vereinsleben hebt und stärkt. Die
Kichtlinien, die durch die Statuten festgelegt sind, dürfen
niemals eine einseitige Handhabung zeigen. Korrekte Durch—
ührung bei Alt und Jung kann niemals Härten mit
iich bringen. Wer Sänger sein will, muß es ganz sein,
Irdnung und Pflichtbewußtsein sind die Grundlagen für
rfolgreiches Wirken.
Den aufgeführten Anregungen dürfte manches noch zu—
usetzen sein, jedoch dürfte die Werbetätigkeit in dieser
Art bald erheblichen Zuwachs und wertvollen Nachwuchs
ür unsere Vereine schaffen. Diese Jugend wird dann im
eifen Alter als vollwertige — in der deutschen
Zängerschaft wirken zum Heil und Segen ihrer selbst und
des geliebten deutschen Vaterlandez!

Volkslied und Jugenoö.

ir geben gern an dieser Stelle — wenn auch gekürzt —
einer beherzigenswerten Zuschrift Raum, die uns unter
dem Titel „Das deutsche Volkslied und unsere
Jugend“ aus Bundeskreisen zugegangen ist. Da heißt es:
Nicht nur in unserer Bundeszeitschrift, sondern auch
n vielen anderen Sängerzeitungen wird viel über die
Schönheit des deutschen Volksliedes geschrieben.
JItz ihnen finden sich aber gleichzeitig die Klagen ernster

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