Full text : 5.1927-1928 (0005)

Nr. 8 IVPlluun.

Saar⸗Sänger-Bund

Seite 181

Mit ähnlichem Programm wartete die Berliner Lieder—
dafel dann am Abend des dritten Besuchsstages im Saal—
»au zu Saarbrücken mit einem öffentlichen Konzert
auf, das sich zahlreichen Besuches aus allen Kreisen der
Bevölkerung zu erfreuen hatte. Tiefe Andacht beherrschte
die Stunde. Niemand konnte sich der herzandringlichen
Sprache entziehen, in der dieser in allen Stimmen völlig
ausgeglichene Chor wie aus einer höheren Welt zu uns
redete. Es war ein Erlebnis für alle Teilnehmer. Für
Annerose Cramer, auf deren Gaben wir uns auf—
richtig gefreut hatten, mußte eines Trauerfalles wegen,
der die begabte junge Pianistin in letzter Stunde von Sdar—
brücken aus an die Bahre ihrer Mutter berief, unser
zgenialer heimischer Pianist Fritz Griem in allen drei

Tonzerten einspringen. Er beglückte uns mit klassischen
Meisterwerken, insbesondere Mozart, aber auch Smetana
und einige kapriziöse eigene Tonschöpfungen fanden dank—
haren Beifall.
Der Besuch der Berliner Liedertafel an
der deutschen Saar wird uns allen unver—
gessen bleiben; wir wären zufrieden, wenn
unsere Gäste von ihrem Aufenthalt bei uns
nur halb so beglückt wären wie wir über
hren lieben Besuch. Mögen sie auf diesem
Wege ç herzhlichen Dank mit tausend Wünschen
ür weiteren Aufstieg noch einmal unsere
angesbrüderlichen Grüße entgegennehmen!
Walther Stein.

Aus der Musfikwelt.

Friedrich Hegar.
Her „Burgbote“, die bekannte Monatsschrift des
„Kölner Männer-Gesang-Vereins“ und der „Wolken—
»urg-Casino-Gesellschaft“ bringt in seiner Oktobernummer
einen Aufsatz aus der Feder seines Chormeisters Richard
Trunk über Friedrich Hegar, den wir nachstehend
unsern Lesern wiedergeben:
Ein Wermutstropfen fiel in den Becher der Freude,
als wir auf unserer diesjährigen Süddeutschlandreise nach
unserm ersten Konzert in Stuttgart vom Podium stiegen,
umrauscht von Beifallsjubel und Tücherschwenken und plötz-—
lich — einer sagte es halblaut dem andern — die Trauer-—
dotschaft von Friedrich Hegars Tod vernahmen.
Friedrich Hegar tot! Man wußte ja immer schon, daß
der kranke, altersschwache Meister nicht mehr lange zu
eben hätte und war somit auf sein Ende vorbereitet,
ZSeit etwa zehn Jahren hörte man wenig von ihm, nur
anläßlich seines 830. Geburtstages vor 6 Jahren wurde
der greise Tondichter, soweit die deutsche Zunge klingt,
einmäl besonders herzlich gefeiert und geehrt. Dann wurde
es stiller und stiller um ihn, und nur ganz selten wurde
man daran erinnert, daß Hegar überhaupt noch am Leben
sei.

Und doch hatte er, wie keiner auf diesem Gebiet zuvor,
zinstmals im Brennpunkt der Debatte gestanden. Ueber
ihn konnte man sich die Köpfe heiß reden in fanatischem
Für und Wider, und manche Dirigenten und manche Chor—
hereine, denen der „Reformator“ allzu unbequem war,
chimpften zwar herzhaft über ihn, aber sie führten ihn
rotzdem auf, denn man mußte schließlich doch „mit der
Zzeit gehen“, ob man nun wollte oder nicht. In der
Tat, man macht sich heute noch kaum einen Begriff, welche
Umwälzung Hegar damals für den Männerchor bedeutete.
Fin Gebiet, auf dem Hunderttausende von Sängern die
einzige musikalische Betätigungsmöglichkeit erblickten, schien
der Versandung nahe, denn was sich damals in der Zeit
etwa um 1880 auf dem Gebiet des Männerchores schaffender—
weise breit machte, war blasses Epigonentum. Richard
Wagner, der alte Zauberer, wie ihn Nietzsche nennt, hatte
fast alles in seinen Bann gezogen, und nur aus ihm konnten
ruch für den Männerchor wieder neue Blüten erspriesen,
aus ihm, dem großen musikalischen Dramatiker, dessen
Quellkraft so stark war, daß sie nicht nur die symphonische
Musik, nämlich durch Anton Bruckner und die musikalische
dyrik durch Hugo Wolf, sondern schließlich auch sogar das
Bebiet des Männerchores neu befruchten konnte — durch
Friedrich Hegar, den eigentlichen Schöpfer der
Männerchorballade. Wie Bruckner und wie Wolf,
so ist auch Hegar dem „Fall Wagner“ nicht blindlings
zrlegen, sondern er hat es verstanden, obwohl als Musiker
durchaus in der Romantik wurzelnd, die Segnungen
Wagners dank seiner starken kraftvollen Persönlichkeit in
ich zu verarbeiten und seinen eigenen Zwecken dienstbar
zu machen. Nur einem Manne wie Hegar, einem Musiker
don solcher Selbstsicherheit, von so universeller Bildung
und fortschrittlicher Gesinnung, der aber anderseits auch
in den speziellen „zünftigen“ Dingen Bescheid wußte, wie
aum einer, konnte es vorbehalten sein, dem Männerchor
neue Wege zu weisen. Natürlich stand ihm vor allem
»in undewöhnliches Können zur Seite. und wer sich hier—

iber informieren will, der betrachte einmal seine Werke
rein vom form- und satztechnischen Standpunkt aus. Da
gibt es nichts, aber auch nichts, das nicht absolut hieb—
und stichfest wäre. Was ihn jedoch noch darüber erhob,
und ihn zu dem machte, was er dann in großartigem Auf—
tieg endlich geworden ist, das war eine frappante, von
tärkstem Ausdruckswillen zeugende Gestaltungsgabe und
iine im Männerchor bis dahin unerhörte dramatische
—„childerungskunst, von der klaren Plastik seiner edlen,
»ezwingenden Melodie, oder seiner ungemein charakteristi—
hen, ha Harmonik garnicht zu reden.
So halten sich bei Hegar Musikalisches und Musikan—
isches in seltenem Gleichmaße die Waage, so konnten
VBerke entstehen, wie „Totenvolk“, „Rudolf von Werden—
zerg“, „Kaiser Karl in der Johannisnacht“, „Die beiden
Zärge“, „Schlafwandel“ oder der Preischor „1813“, um
tur diejenigen zu nennen, die den Stempel der Unver—
zänglichkeit an sich tragen, Werke, die man ohne Be—
enken als klassisch bezeichnen darf. Gewiß, bei Hegar gibt
s mancherlei Schwächen, namentlich in seinen sehr frühen
uind späten Werken, allein — bei welchem Meister hätte
es die nicht gegeben?
Daß eine Erscheinung wie Friedrich Hegar unzählige
Nachahmer' gefunden hat, ist selbstverstaͤndlich, aber sie
saben alle samt und sonders den Meister nicht annähernd
ꝛrreicht. ja, manche haben es sogar fertiggebracht, eine
seillose Verwirrung anzurichten und den sogenannten
degarstil allmählich in Mißkredit zu bringen. Sie vergaßen,
aß Hegars künstlerische Tat in ihrer fertigen Geschlossenheit,
neihrer restlosen Vollendung gegen jede Nachahmung ge—
eit war. Auch eine Uebersteigerung des Hegarschen Stil—
rinzips mit nur äußerlichen Mitteln, wie das oft genug
zersucht worden ist, mußte sich als fruchtlos erweisen⸗
Trotzdem bekommt man hie und da zu hören: „Hegar, was
vollen Sie mit Hegar? Der ist doch längst überholt!“
leberholt? Mit Verlaub, darf ich fragen, von wem? Nein
neine Herrschaften. Lassen wir uns nichts vormachen. Eine
bersönlichkeit vom Range eines Hegar ist — leider —
»is heute dem Männerchorgesang nicht wiedererstanden, und
s hat auch nicht den Anschein, als ob wir in der nächsten
Rukunft auf den neuen Messias hoffen dürfen. Um so mehr
oll unser Dank und unsere Liebe dem Meister gehören,
z»er dem Männerchor zu neuem künstlerischen Ansehen ver—
solfen hatte, dessen geniale Schöpfungen uns die Aus⸗—
Rrucksmöglichkeiten des Männerchores zum
rsten Male in ihrer ganzen Fülle erschlossen haben. Friedrich
hegar ist nun eingegangen in das große Volk der Toten,
»as er in seiner berühmten Ballade so erschütternd vor
ins erstehen ließ, seine irdische Hülle ist zerfallen. Aber
ein Werk wird dauernd leben, als ein ragendes Denk—
nal, das fester ist als Stein und als Erz, zukunftgesichert
zurch die Liebe, Treue und Dankbarkeit der gesamten
deutschen Sängerschaft Richard Trunk.
Zeitschrift für Musik.
In unserer Bundeszeitschrift haben wir immer wieder
Aauf die bekannte, vor fast hundert Jahren von Robert
5chumann gegründete „Zeitsschrift für Musik“ aus
z»em Verlag Steingräber in Leipzig mit wärmster Emp—
ehlung hingewiesen. Der Herausgeber dieser „Monatsschrift
ür eine geistige Erneuerung der deutschen Musik“. Dr.
            
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