Full text : 5.1927-1928 (0005)

zaar⸗Sänger⸗Bund
Moztenhannes aber zitterte an allen Gliedern. Kalter
Schweiß lief ihm über den Rücken:
„Es kann ebensogut der Furchengänger sein wie die
Pfarrerhexe; geheuer ist es gewiß nicht. Aber was kann
es helfen! Heiliger Antonius mit dem Schwein! hinüber
muß ich, und wenn der Himmel einstürzt; denn Mutter
würde mirs nachtragen bis ans Grab, wenn ich nicht
heimkäme in dieser Nacht.“
Und er schlug ein Kreuzzeichen, legte sich wieder auf
den Steg und begann vorsichtig vorwärts zu kriechen.
Zur selben Zeit hatte auch Hampit wieder begonnen mit
der sauren Kriecherei. Und richtig: in der Mitte prallen
sie mit dumpfem Knall wiederum zusammen, und jeder
sieht, noch schrecklicher als vorhin, ein schwarzes Ungetüm
dor sich in seinem Säuferwahn; und jeder sucht, so schnell
er kann, rückwärts, rückwärts, von dem gefährlich drohen—
den Wasser fort, ans Land zu kommen, um wieder festen
Boden zu gewinnen.
Dann aber läuft Motzenhannes, was hast du, was kannst
du, als ob ihm der „Schwarze“ auf den Fersen säße,
ins Dorf zurück.
„Ja, es war der Schwarze in Person“, sagt sich Motzen⸗
hannes, „kein andrer kann es gewesen sein.“
Hampit steht noch einen Augenblick und überlegt, was
nun weiter zu tun sei. Dann trottet auch er durch die
Wiesen zurück, um sich beim Schrotthannes, dem Holzzauer,
 im Walde oben ein Nachtquartier zu erbitten.
In Ramswiesen brennen noch Lichter, und die letzten
Betrunkenen verlassen grölend und torkelnd das Wirts—
haus, als Motzenhannes bei seinem Bruder wieder anlangt.
„Du kommst wieder zurück? Aber sag' mal, Hannes,
wie siehst du denn aus? Dir ist doch nichts passiert?“
ruft der Wirt, als er den Bruder herankommen sieht ...
„Och, och — das wohl — weniger“, stottert Hannes,
„mir ist ganz wohl, aber ich will doch lieber mal hier—
hleiben diese Nacht, man könnte den Weg verfehlen, und
das ganze Tal ist ein großer See!“
Motzenhannes hatte gehört, daß man am besten tut,
nächtliche Begegnungen mit dem Bösen nicht auszu—
olaudern. Aber der Bruder gibt sich nicht zufrieden; das
derstörte Wesen von Hannes ist ihm verdächtig, da ist
g gricht im Lot. Und er stochert so lange, bis Hannes
zekennt:

Seite 178 n

INr. 8

„Es war nicht geheuer unten am Bach: Der Schwarze
aß auf der Brücke! Ganz gewiß: „Der Schwarze“ und
ein andrer! Ein schwerer Kampf war es mit ihm. Aber
der heilige Antonius, zu dem ich rief, hat mir beigestanden,
uind er hat ihn vom Steg hinab in den Merlenbach
gestürzt.“
Am nächsten Tag um die Mittagsstunde, als sie den
stausch verschlafen haben und wieder fest auf den Beinen
tehen können, begeben sich Hampit und Motzenhannes zum
weitenmal auf den Heimweg, und das rätselhafte Schick—
al fügt es, daß sie wiederum am Steg zusammentreffen.
„Na, auch du hast blau gemacht, Hannes?“ ruft Hampit
z»em Schwager zu, als er herankommt.
Aber Hannes, im Anblick des Steges wieder ganz ein—
zenommen von dem nächtlichen Spuk, beginnt alsbald zu
rzählen, und sein Hirn ist noch so voll von dem, was
er sich und den andern in der Nacht vorgeflunkert hat,
daß er nun selber daran glaubt: Ja, mit „dem Schwarzen“
jat er hier gerungen in der Nacht. Doch der heiligeé
Antonius hat ihm beigestanden mit eigener Hand — und
zat ihn hinabgestoßen in die Tiefe. Zischend wie ein
glühendes Stück Eisen ist er untergetaucht und nicht wieder
servorgekommen. Aber einen höllischen Gestank hat er
urückgelassen ...
Hampit nickt, lächelt, geht eifrig auf die Schilderung
des Schwagers ein — und dann beginnt auch er zu
zrzählen, wie er hier an derselben Stelle, um dieselbe
Ztunde mit „dem Schwarzen“ zusammengestoßen sei: Auf
»em Bauche sei er herangekrochen, und jedesmal in der
MNitte des Steges habe der Böse ihm den Weg verlegt.
Und Modtenhannes: plötzlich horcht er auf, blickt den
freund mißtrauisch prüfend an und stottert:
„Kurios — recht kurios, ja, fast möchte man annehmen,
venn mans nicht wirklich und leibhaftig erlebt hätte —“
Da fängt Hampit an zu lachen und sagt:
„Na, alter Freund, Dösköppe sind wir gewest, alle beide
n unserem Tran; und wir haben uns beide ein bißchen
gruselig gemacht. — Aber nun nichts verraten daheim,
vonst werden wir beide noch ausgelacht obendrein.“
Nun, Motzenhannes hats seiner Therese nicht verschweigen
önnen — und so kam durch die Zunge der Frau die
Wahrheit einmal wieder unter die Leute.
VJakob KHneip.

Lieder un

d Gesfsänge.

Neine Heimat, der Hunsrück, ist kein sangesfrohes Land.
IDie Arbeit ist zu hart und bedrückend der Boden zu
arg, um unbekümmerte Lebensfreude aufkommen zu lassen.
Wirklich sangesfrohe Menschen begegneten mir erst, als
ich zum Studieren an den Rhein kam. Freilich, was ich
da unter Studenten, auf Rheinschiffen und bei Festen
rheinischer Fröhlichkeit zu hören bekam, war zumeist keine
Poesie und Musik, die meinem Empfinden entsprechen sollte.
Da brachte mich während meiner Bonner Studienzei—
eine seltsame Fügung mit einem Manne zusammen, der
nir bald als ein wahrer Eckart deutschen Gesanges erschien.
Mein Freund Joseph Winckler kam eines Tages in
reudiger Aufregung zu mir und berichtete:
„Ich habe hier einen wirklichen Menschen entdeckt. Es
ist der sonderbarste Kauz, der durch die Straßen von
Bonn geht. Aber er hat uns beiden mehr zu geben, als
alle Professoren mit ihrer ledernen Wissenschaft; ein greiser
Sänger, ein wirklicher Barde, der mehr als tausend Vieder
ohne Buch zu einer Gitarre singt — und dabei ein Welt—
weiser, wie wir sie unter den alten Griechen kennen.“
Und dieser Mann kam aus einem Lebenskreis, wo man ihn
zaum hätte vermuten sollen: Wir pilgerten an einem
warmen Sommerabend nach Endenich hinaus, und ich fand
in einem rebenumrankten Häuschen einen alten, aus dem
Amt geschiedenen katholischen Geistlichen, der uns wie zwei
altvertraute Freunde aufnahm und uns eine sehr be—
cheidene aber völlig zwanglose Gastlichkeit bewies.
Nach dem Abendessen saßen wir im Berggarten in der
Ldaube. Da erklang die Gitarre, und der Pfarrer sang.
Er sang Soldaten-, Studenten-, Liebeslieder, die aller—
chönsten, die ich je gehört hatte, und er gab sie mit einer
SZtimme, die trotz seines Alters noch voll Festigkeit und
Wohlklang war. Aber er kannte auch das Kunftliede Er

ang Stücke aus Opern, Balladen von Löwe, Lieder von
Z„chubert und als Schlußgesang allemal einen mächtigen
ateinischen Hymnus.
Der Garten wurde unter diesen Gesängen ein waährer
zaubergarten; in eine alte, längst versunkene Welt sahen
vir uns versetzt. Und die Dorfmädchen und Buben, die
iber die Gartenhecke lugten und lauschten, gehörten mit
n dies Bild, um die ganze Romantik eines solchen Abends
»oll zu machen.
Viele Lieder-Abende verlebte ich noch dort, und das
Lolkslied, das Lied überhaupt, wurde mir durch diesen
eltenen Mann erst zu wirklichem Leben erweckt.
In der Dichtung aber waren es in jener Zeit Eichendorff
und der schottische Dichter Robert Burns, denen ich meine
hesondere Zuneigung schenkte. Vor allem war es der leiden—
chaftliche, ganz aus dem Volke schöpfende schottische Bauern—
ohn, dem meine höchste Bewunderung galt; und diese
Bbewunderung hege ich für ihn noch heute.
Ich kenne keinen Dichter, dessen Schaffen so sehr auf
sthythmus und Melodie eingestellt ist, wie das von Burns;
ch kenne keinen, dessen Gedichte mir so naturgewachsen
rscheinen.
Bei Eichendorff klang neben dem inbrünstigen Natur—
Jjefühl vor allem das Gefühl der Gottesnähe und Gott—
»erbundenheit bei mir an, das durch viele seiner schönsten
rieder geht. Aber ich erkannte bald, daß meine eigene Welt
voch eine andere war, und daß meine Art, auch im
steligiösen, von der des alten Romantikers sich stark uͤnter—
chied. Ganz von selber, ohne Suchen oder Nachdenken
iber Gehalt und Form, erwuchs mir dann in den Jüng—
ings- und frühen Mannesijiahren die religiöse Dichtung,
vie sie in meinen Büchern „Bekenntnis“ und „Der
ebendige Gott“ ihre Form gewann. Jakob Kneip.
            
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