Full text : 5.1927-1928 (0005)

Zeite 176 IIl
Aus den Geburts-, Hochzeits- und Todesdaten in der
Familie habe ich feststellen können, daß mein Bruder
alles dieses von Hörensagen, wahrscheinlich aus den Er—
zählungen meiner Mutter, wissen konnte, weil er bei
Mosens Tode im Jahre 1867 erst drei Jahre alt ge—
vesen ist. Richtig aber mußte sein, daß der Besuch der
Zillertaler in die dänische Zeit gefallen ist. Die Sache
mit dem verlorengegangen Namen reizte mich so, daß
sch versuchen wollte, mittels der heimischen Presse Licht
in dieses Dunkel zu bringen, da erschien überraschend
und meine Erinnerungen in der Hauptsache bestätigend
in der „Deutschen Sängerbundeszeitung“ eine Mitteilung
aus dem Vereinsorgan der Bonner Liedertafel „Der Barde“,
nach welcher der Zillertaler Organist Xaver Knebelsberger
m Jahre 1854 mit einer Tiroler Sängergruppe Deutsch-—
and bereiste. 1846 hate er Mosens Gedicht in einer
Dresdener Zeitung gelesen; er komponierte es und sandte
dem Dichter eine Abschrift zu. Diesem gelang es nicht,
es in Deutschland zu verbreiten. Knebelsberger, durch—
drungen von dem Gedanken, ein echtes Volkslied geschaffen
zu haben, entschloß sich dazu, es ins Volk zu tragen,
undem er selbst öffentlich vorsang und in den Pausen
oon seinen Tirolerinnen den Text verkaufen ließ. Die
Mitteilung des „Barden“ besagt dann noch, daß Knebels—
herger in Oldenburg gewesen, um dem damals schon völlig
zelähmten Dichter in einem Ständchen sein Lied vorzu—

Saar⸗Sänger⸗-Bund iIl lshh Nr.
ingen, und daß sich aus dieser Begegnung ein herzliches
Freundschaftsverhältnis entwickelt habe.
Wie war es nur möglich in unserer Zeit, daß der
Name eines Mannes so vollständig vergessen werden koönnte,
der dem deutschen Volke ein Lied gab, von echtester, volks—
rümlichster Kraft, das im Munde eines jeden ist?
Es läßt sich nur so erklären, daß es eben, wie so
nanche Volkslieder früherer Jahrhunderte, zunächsi nur von
Mund zu Mund gegangen ist. Als es dann später in die
Ldiederbücher überging, wird es nach dem Gehör auf—
zezeichnet worden sein, und während der Komponist da—
seim in seinem weltverlorenen Zillertal gesessen, ist es all—
nählich in die Seele des Volkes eingegangen, zum Volks—
ied geworden, — das schönste Schicksal, das einem Liede
verden kann.“
Max Friedländer gibt im „Kaiserliederbuch“ an: Der
Bßeginn der 1844 aufgezeichneten Melodie ist identisch mit
»em von „Ein lust'ger Musikante“. In einem audern
Verk (Brockhaus, Handbuch des Wissens) findet sich die Be—
nerkung „nach der alten Volksweise „Die Katz, die läßt
»as Mausen nit“ (vor 1737).“ Jedenfalls steht fest, daß
»em für seine Heimat begeisterten Knebelsberger volks—
ümliche melodische Motive bei der Inspiration vorge—
chwebt haben; er hat uns mit dem Terxt ein Vaterlandslied
zeschaffen, das die innersten Gefühle eines nach Freiheit
trebenden Volkes widergibt, jetzt und für alle Zeiten.
Studieurat W. Hastung, Berlin.

Mein Leb

ensgang.

Nenter meinen Ahnen fand sich ein Geselle, der hatte
E einen unbändigen Wandertrieb im Blut. Früh zog
er hinaus, von der Scholle weg, und betrieb mancherlei
Handwerk — wie's gerade kam, In der alten Truhe meiner
Mutter lagen noch Pässe und Geleitbriefe von ihm aus
Mainz, Straßburg, Basel, Wien,
aus Paris, Mailand und Rom. Sie
waren mit Holzschnitten und viel
kuriosen Schnörkeln und Wappen
berziert und trugen für mich
mancherlei Geheimnis in sich.
Als jener schließlich, so erzählte
man, von langer Wanderschaft
zurückgekehrt, sich im Heimatort ein
Weib genommen und seßhaft ge—
macht, fand er seine Freude darin,
für die Kirche neues Gestühl und
Altäre zu schaffen und dazu Engel
und Heilige mit wunderlichen Ge—
sichtern zu schnitzen. Auch trieb er
in der Dorfschenke, bei Kindtaufen,
hochzeiten und Schlachtfesten derb—
drollige Späße und war bekannt
vegen seiner abenteuerlichen Händel
und Fahrten; und zuletzt baute er
sich draußen vor dem Dorfe ein
daus, das, mit seltsamem Schnitzwerk
 und lustig-tiefsinnigen Spruchen
verziert, viel Stoff zum Streiten
und Lachen bot.
Aber plötzlich packte ihn wieder
die Unruhe; er verließ Weib und
Kind und blieb jahrelang ver—
schollen. Im äußersten Elend soll
er fern in Frankreich gestorben
sein.
Wohl hundertmal habe ich aus
dem Munde des Vaters die Ge—
schichte dieses Mannes vernommen.
Seit mehr als hundert Jahren war
er tot. Und dennoch war er mir
pertraut wie einer der Nachbarn.
Ja, wie Burrisvadder, den alten
Schmied, stellte ich ihn mir vor;
nur stattlicher, heftiger — dunkeläugig und von herrischer
Art, mit einer tiefen, weithin schallenden Stimme. Und
manchen Abend saß ich in irgendeinem Winkel und sehnte
mich mit ihm hinaus über die Hunsrückwälder, sah im phan—
astischen Abendgewölk hinter den Eifelbergen Schiffe und
Masten aufsteigen. träumte von Valästen und Sstädten. vpo

Fahrten und Abenteuern. Die Reliquien des Ahnen, mit
—zchauer und Ehrfurcht befühlt und betrachtet, ließen dessen
sestalt nun ins Sagenhafte steigen. Und ich fürchte heute:
ie Unruhe dieses Ruhelosen fand sich wieder in meinem
Blut; vielleicht aber auch die Freude am Bildhaften, Selt—
samen und Abenteuerlichen. Denn
als auch mir endlich nach allem
Träumen und Drängen die Stunde
schlug, da ich hinauszog in die
Welt, begann ein Leben der Fahrten
und Irrwege und endlich des bild—
zaften Schaffens, das dem des Ahnen
vohl ähnlich sieht. Doch hier muß
ch von Anfang beginnen: Am Tage
neiner Geburt, der in die letzte
Woche des tollen Monats April
ällt, war ein Schneesturm herauf—
jezogen, wie ihn das Dorf seit Men—
chengedenken nicht erlebt hatte. Als
ex vorüber war, standen die Blüten—
zäume um unser Haus kniehoch im
Schnee. Da kamen die alten Dorf—
zasen zu meiner Mutter und prophe—
zeiten an der Wiege: „Dieser Junge
nuß ein Ausbund aller Schelmerei
und Untugend werden. Viel krumme
Wege wird er gehn, und man wird
feine Not mit ihm haben!“ Und dies—
mal sollten die Dorfsibyllen recht
behalten: Denn als ich auf den
hohen Schulen und schließlich gar
als Student der Theologie ein Stolz
des Hauses und des Kirchspiels
verden sollte, mußte das Dorf mit
Erschrecken an mir einen Rebellen
erleben, der sich über das Landes—
übliche hinwegsetzte und seinen
eigenen, für die Bauern oft recht
uriosen Zickzackweg ging.
Und dennoch, ihr Brüder dort
oͤben auf der Scholle, bin ich euch
enger verschwistert geblieben als
alle Söhne des Dorfes, die hinaus—
zogen: Mitten im Lärm von Lon—
don, Berlin, Paris — ja, zwischen den Palästen von Rom
ind in nächtlicher Schiffskabine rauschten mir die Bäche
»er Heimat zu, türmten sich vor mir eure Berge, sprachen
zu mir die Augen und Stimmen all der wunderlichen Ge—
ellen, die dort oben zwischen den Wäldern einst die Welt
neiner Kindertage bevölkerten Die alten ßäuze von

α —

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