Full text : 5.1927-1928 (0005)

Nr. 8 Itir Saar⸗Sänger⸗Bund IPIItaenn ahlll Seite 173
Ranodb k ini V iede
andobemerkungen zu einigen Volksliedern.
Wenn in den nachfolgenden Zeilen von einigen Volks—
liedern die Rede sein soll, so sei im voraus bemerkt,
daß der Begriff „Volkslied“ aufs weiteste gefaßt ist. Für
die in Frage kommende Komposition von „Der Du von
dem Himmel bist“ ist sogar das Adjektivn,volkstümlich“
um noch anwendbar. Auf die Erklärung des Begriffes
„Volkslied“ soll in diesen Ausführungen kein Gewicht ge—
egt werden; es kommt mir hier nur darauf an, in die
Ainderstube einiger vom „Volk“ oft und vielleicht auch
gern gesungener Lieder zu leuchten und zu versuchen, fest—
zustellen, ob eine Geburtsurkunde vorhanden, ob dieselbe
echt oder unecht, ob der angegebene Erzeuger der wahre
Vater oder Pseudovater ist, und ob Gruͤnde, auch welche,
vorhanden sind, aus denen jahrzehntelang falsche Angaben
iber Dichter oder Komponisten desselben aus einem Buch
in das andere „neue“ Buch wandern.
Es muß endlich Hand angelegt werden, um Unstimmig⸗
eiten zu beseitigen: in erster Linie müssen aus unseren
diederbüchern für die Schule, für Männer- und gemischte
Chöre Fehler, die unzweifelhaft als solche bezeichnet werden
önnen, verschwinden; sonst werden von Geschlecht zu Ge—
schlecht Dinge gelehrt und eingeprägt, die den Tatsachen
nicht entsprechen. Selbst „ganz neu bearbeitete“ Lieder—
zücher bringen bei verschiedenen Liedern Notizen; die Un—
richtigkeiten aufweisen und die ohne Nachprüfung aus
anderen Büchern übernommen sind.
Im Laufe der Jahre sind mir besonders folgende Lieder
rufgefallen, die nach Text oder Melodie hin verschiedenen
nuch „unbekannten“ Verfassern zugeschrieben werden:
41. „Im schönsten Wiesengrunde“, 2. „Wenn
ich den Wandrer frage“, 3. „Der Du von dem
dimmelbist“, und 4. „‚3u Mantuag in Banden“.
Bei meinen Ausführungen gehe ich auf die Quellen zu—
cück, aus denen wir authentische Nachricht über die Ur—
zeberschaft besitzen. Da das „Wörtliche“ am besten über—
zeugt, werde ich davon ausgiebigen Gebrauch machen.
1. Im schönsten Wiesengrunde.
Beginnen wir mit dem bekannten Liede: „Im schönsten
Wiesengrunde ist meiner Heimat Haus“, das nach der Me—
lodie „Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt' ich auf mein
Brab“ gesungen wird. Das ist gleich ein sehr interessanter
Fall: Zwei Dichter, Dr. Otto Weddigen und Wilhelm Ganz-—
sorn, streiten um die Ehre, Dichter dieses zum Volkslied
zewordenen Liedes zu sein! Weddigen konnte im Jahre
1926 in körperlicher und geistiger Frische zu Charlotten—
zurg seinen 75. Geburtstag feiern, ist demnach 1851 ge—
zoren. Ganzhorn lebte von 18182 1880. Der Text „Im
schönsten Wiesengrunde“ wurde mit der Melodie „Drei
dilien“ zum erstenmal veröffentlicht in dem Werk: „Hundert
rusgewählte Volkslieder alter und neuer Zeit für Schule,
daus und Leben. Gesammelt und herausgegeben von
zoh. Meier, Lehrer in Stein a. Rhein.“ (Echaffhausen
1855.). Daß der damalige 4jährige Weddigen dieses tief—
eimpfundene, echt deutsche Lied verfaßt haben kann, liegt
außerhalb der Wahrscheinlichkeitsgvenze, zumal er selbst
schreibt, daß „sein“ Gedicht aus der Zeit 1868,69 stammt!
derr Prof. Fladt, Stuttgart, hat sich dieses „Erzeuger—
Zzwiespalts“ besonders angenommen; er hat Nachforschungen
darüber angestellt und gibt die folgenden Resultate in
„Deutschen Sängerbundes-Zeitung“ vom 11. 4. 1926
ekannt:
„Die Frage der Urheberschaft des genannten Liedes ist
zurch die jüngste Mitteilung des Nachrichtenblattes des
Berliner Lehrergesangvereins aufs neue aufgeworfen. Die
»esonders in Süddeutschland seither gültige allgemeine An—
rahme, daß der schwäbische Volksdichter Wilhelm Ganz—
horn, der mit Freiligrath und Scheffel in inniger Freund—
schaft verbunden war, Verfasser des Liedes ist, schien zum
erstenmale im September 1921 durch die Erklärung von
Dr. Otto Weddigen in Charlottenburg, er habe im Jahre
1868/69 dieses Lied gedichtet, in Zweifel gezogen. In
zinem Brief an den früheren Schriftleiter der „Schwäbischen
Sängerzeitung“ schreibt Weddigen:
„Schon als Tertianer des Gymnasiums in Minden ver—
ffentlichte ich Gedichte in verschiedenen Zeitungen meiner
vestfälischen Heimat. Gleichzeitig vertiefte ich mich in
den oberen Klassen in den Volkslieder- und Sagenschatz
neiner Heimat und dichtete manches heimatliche Lied in

nir gefälligere Formen um. Im Bewußtsein der Origi—
talität schrieb ich 1868,69 das And „Im schönsten Wiesen—
runde“ in der in meinen Kinderliedern vorliegenden
Fassung, später mit Weglassung der mir für I ee
u sentimental erscheinenden letzten Strophe. Das Lied
tiimmt Bezug auf das nahe meiner Vaterstadt Minden
jelegene liebliche Wiesental*). Ich habe den Namen Ganz-—
sorn“ nie vorher gehört, noch weniger seine Gedichte. Ich
iehme an, daß Ganzhorn für sein vielstrophiges Lied sich
in ein altes deutsches Volkslied angelehnt' hat, wie ich
n unbewußter Erinnerung. Mag für Ganzhorn die Priori—
ät in Anspruch genommen werden, meine Dichtung, Fas—
ung und Strophenzahl von „Im schönsten Wiesengrunde“
st zuerst populär und in den meisten deutschen Volks—
iedern — freilich nicht immer mit meinem Namen — ab—
edruckt worden. Mein geistiges Eigentum an „Im
chönsten Wiesengrunde“ als Dichtung oder Umdichtung
ines alten Volksliedes halte ich aufrecht.“
Diesen Auslassungen stehen folgende unbedingt zuver—
ässige Tatsachen entgegen:
Die heute, noch im Besitz der zwei Söhne Ganzhorns
efindliche Urschrift des Gedichtes „Das stille Tal“, das
ibrigens ursprünglich 13 Strophen zählte, enthält die
Interschrift des Dichters: „Gedichtet November 1851.“ Es
st demgemäß just in dem Jahr entstanden, als Dr.
Veddigen zur Welt kam. Bald nach seiner Entstehung wurde
s mit den bekannten drei Strophen in die in Württem—
»ergs Schulen allgemein gebrauchte Webersche Liedersamm—
ung aufgenommen und seit Ende der fünfziger Jahre
iberall mit Vorliebe gesungen. Als Ganzhorn im —*
1859 als Vorstand des Amisgerichts nach Neckarsulm (un—⸗
veit Heilbronn) befördert wurde, wies man die Schüler
»er dortigen Schulen darauf hin, das von ihnen so gern
zesungene Lied stamme von dem neuen Herrn Oberamts—
ichter. Als echter Poet, anregender Gesellschafter und
Freund eines goldenen Humors war Ganzhorn mit den
»amaligen Dichtern J. Kerner, J. V. Scheffel, Ferdinand
Freiligrath, der seit 1868 in Cannstatt wohnte, in sehr
unge, freundschaftliche Beziehungen getreten. Letzterer
chreibt am 13. Dezember 1868 an Ganzhorn (der Brief
st mit dem übrigen literarischen Nachlaß im Schiller—
nuseum Marbach): „Dein Gedicht ‚„Im schönsten Wiesen—
zrunde“ ist wunderlieblich, und man begreift, daß es Eigen—
um des singenden Volkes geworden ist und seinen Weg
n die Liederbücher gefunden hat.“ Wenn von den ursprüngichen
 13 Strophen nur noch drei allgemein gesungen
verden, so ist auf die auch sonst beobachtete Tatsache hin—
uweisen, daß ein Lied beim Uebergang in den Volksmund
ine von der ursprünglichen Form abweichende Gestalt
zekommt: Das Zufällige und Unwesentliche wird abge—
treift, zu um so größerer Wirkung kommt das Dauernde
ind Wesentliche und verleiht dadurch dem Ganzen gerade
en stärksten Reiz.
Welches ist wohl das stille Tal, das der Dichter besungen
at? Eine persönliche Begegnung, die ich als junger, eben
ur Universität abgehender Studio im August 1879 in
neiner Heimat Untertürkheim bei Cannstatt, wo Ganzhorn
zuletzt Amtsgerichtsvorstand war, mit ihm hatte, steht
nir in leuchtender Erinnerung. Im Anschluß an das im
rohen Kreis begeistert gesungene Lied kam die Frage, wann
ind wo es gedichtet worden sei. Darauf lautete die Ant—
vort des Dichters: „Ich habe das Lied Ende November
1851 in Neuenburg — einem württembergichen Schwarz-—
valdstädtchen — niedergeschrieben, gedichtet aber schon in
»en Sommerferien desselben Jahres, die ich in meiner
zeimat Sindelfingen — unweit Stuttgart — zubrachte,
vo bei einem Gang durch das in der Nähe befindliche Tal
das Lied mir fertig auf die Seele und in den Mund legte.“
Die Melodie zu dem Gedicht ist eine bergische Volks—
veise aus dem 17. Jahrhundert und wurde zunächst mit
dem Text: „Drei Lilien, drei Lilien, die pflanzt ich auf
nein Grab“ gesungen. Doch bald verdrängte im Schwaben—
and Ganzhorns Lied den früheren Text, wurde zum Volks—
igentum und hat sich, unberührt vom Wandel der Zeiten,
is auf heute lebendig im Volksmund erhalten. Wenn
—5chwaben zusammenkommen, dann ertönt mit Vorliebe
*y Siehe Fußknote auf Seite 173
            
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