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nicht nur künstliches, sondern oft verkünsteltes Lied
erkor. Diesem Minnegesang war ein verächtliches
derabschauen auf die „körperliche“ Volksdichtung Ge—
vohnheit. Aber ganz vermochte er ihn doch nicht zu
überwinden. Wie schon in früherer Zeit inmitten des
lateinischen Kulturackerlandes eine deutsche Wildrose
erblühte, so erstand jetzt unter den Minnesängern selber
in dem hochbegabten Neidhart von Reuenthal ein treff⸗
licher Vertreter der volkstümlichen „Dörperweise“, der
diese in bewußtem Gegensatz zur höfischen Sangart
stellte. Daneben hatten die verachteten Spielleute das
alte Volksgut freilich oft mehr schlecht als recht be—
vahrt.
Immerhin hätte diese kümmerliche Pflege nimmer
dazu ausgereicht, das Volkslied zu erhalten, oder gar
zine neue Blüte desselben heraufzubringen, wenn nicht
das Rittertum mitsamt seiner Bildung schon in der
weiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Verfall ge—
raten wäre. Während in den romanischen Ländern
der mittelalterlichen Scholastik der Humanismus un—
mittelbar folgte, fand dieser in dem für die klassische
Welt ganz fremden Boden Deutschlands erst im Laufe
des 15. Jahrhunderts Eingang. Die schulmäßige Volks—
hildung aber wurde erst spät im 16. Jahrhundert auf
die neue Grundlage gestellt. In dieser fast zweihundert—
ährigen Zwischenzeit zwischen zwei wesensfremden
Bildungswelten schloß sich das deutsche Volk in allen
seinen Schichten nochmals zu einer nationalen Kultur
auf gleicher Grundlage zusammen. Und deren dich—
derisch-musikalische Blüte ist das Volkslied. Vom Ende
des 14. bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts
liegt demnach die Blütezeit des deutschen Volksliedes.
In den drei ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts
liegt der Höhepunkt. Die Reformation, die ja eine
erneute, nie wieder geheilte Scheidung der Geister her—
beiführte, bewirkte zunächst durch die Anstachelung
aller Gefühlswerte eine Steigerung, die aber bald nach—
ließ. Der Dreißigjährige Krieg begrub dann diese ganze
Kultur. Nur mühselig erstand aus dem Schutt die neue
Beisteswelt, die ja gerade in Dichtung und Musik un—
zgeahnte Höhen erreichte. Das Volkslied aber vermochte
nicht wieder aufzublühen.
Wir haben oben bereits des rein musikalischen Wertes
des Volksliedes gedacht und dabei auch die Bedeutung
hervorgehoben, die es als Anregung für das künst—
lerische Schaffen gewonnen hat. Im engeren Sinn hat
das Volkslied besonders auf die kontrapunktische Musik
eingewirkt. Ambros umschreibt das in folgenden Sätzen:
„In der Geschichte der europäisch-abendländischen
Musik ist das Volkslied von höchster Wichtigkeit. Es
bildet neben dem gregorianischen Gesange die zweite
Hauptmacht. Es war der unerschöpfliche Hort, dem
die größten Meister des Tonsatzes die Melodien ent—
iahmen, welche sie nicht bloß weltlich zu kunstvollen
nehrstimmigen Liedern umbildeten, sondern auf welche
ie selbst geistliche Tonstücke der größten und ernstesten
Art, ganze Messen usw. aufbauten.“ Und etwas später
ührt er den Gedanken noch weiter aus. „Es ist kein
3zweifel, daß das Herüberholen der frischen, lebendigen
Lolksweisen in die künstliche Kontrapunktik auf diese
iußerordentlich wohltätig eingewirkt hat. Es brachte
ꝛin volkstümliches Element von unverwüstlicher Lebens—
raft, ein Stück Volksleben in diese Sätze, die außer—
»em nur zu leicht tote Rechenexempel geblieben wären ...
dätten die Meister gleich von Hause aus auch ihre
Themen frei erfunden, so würden sie dem Volk fremd
gegenübergestanden haben; so aber erkannte das Volk
n diesen Sätzen sein eigenstes Gut, das die Kunst ent—
ehnt hatte, um es ihm bereichert, veredelt, zu höherem
geistigen Leben geweckt, wiederzugeben. Der gregoria—
rische Gesang und das Volkslied waren sichere Führer
ind bewahrten die Kunst vor der Gefahr, sich ins Ziel—
und Bodenlose zu verlieren.“ (Musikgeschichte II, S. 301
und 315.) Von ähnlicher Art war die Einwirkung auf
die Instrumentalmusik.
Man muß bei diesen Bearbeitungen zwei Gruppen
interscheiden. Wenn das Volkslied etwa einer Messe
zur Grundlage diente, so war es freilich Material in
der Hand des Tonsetzers, der damit nach Belieben
chaltete. Anders dagegen, wenn das Volkslied als
Volkslied mehrstimmig bearbeitet wurde. Hier haben
vir die kunstvolle Hausmusik dieser Zeit, die ja so gut
vie gar keine Instrumentalmusik hatte. Hier darf man
ich nicht an der äußeren Erscheinung der Bearbeitung
toßen. Das ist eben nur Form; sie erscheint starr und
zezwungen. Aber sie erblüht zu edler Gestalt, wenn
»er Geist sie belebt. Dieser Geist fand seinen Angel—
zunkt in der ursprünglichen Melodie und hielt an
dieser fest; die übrigen Stimmen mußten sich fügen
Zie verdeckten nicht, sondern hoben durch ihr verän—
»ertes Wesen die Volksweisen. Nur so erklärt sich
zie ungemeine Beliebtheit dieser Bearbeitungen, von
der die große Zahl der erhaltenen ebenso zeugt, wie
der Umstand, daß die bedeutendsten Tonsetzer der Zeit
ie schufen. Nur gehörte zur Ausführung der tech—
tisch oft sehr schweren Bearbeitungen eine hohe Ge—
angskunst, die heute leider kaum mehr bei Berufs—
ängern anzutreffen ist, während sie zur Blütezeit des
Lolksliedes weit verbreitet war. Möchte doch in dieser
dinsicht das alte Volkslied noch von Einfluß werden,
daß der mehrstimmige Gesang wieder im Hause heimisch
vürde. —
Das wäre die beste Hausmusik, sie wäre überdies
in ihrem innersten Wesen volkstümlich. —
Dr. Karl Storck .
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