Full text : 5.1927-1928 (0005)

NRr. 4

baar⸗Zänger⸗Bund

Seite

heiten aufzuzählen. Erwähnenswert ist noch die Einrichtung der
Sonderveranstaltungen des Stadttheaters, die
unseren Mitgliedern eine bedeutende Ermäßigung der Eintritts—
preise bringt, Vorzugspreise bei den Symphoniekonzer—
theinn und den Morgenfeiern im Stadttheater, günstige Bedingun—
gen bei Lichtbilder- und Filmabenden, Herstel—
lkung von Programmen, Einladungen, sonstiger
Abzüge im Bundesbüro zum Selbstkostenpreis u. a. m. Es liegt
an uͤnseren Vereins- und Gauvorständen, die Mitgliedschaft

mmer wieder darauf hinzuweisen. Vor allen Dingen darf in
einem gut geleiteten Gau nicht geduldet werden, daß die als
Bundes⸗ und Musik-Ausschuß-Vertreter gewählten Sangesbrüder
auch nur eine solche Sitzung versäumen. Denn gerade diese
Zusammenkünfte sind das Bindemittel zwischen Bun—
desvorstandund Mitgliedschaft, sie geben die geistige
Nahrung für die Weiterentwicklung unseres Bun—
deslebens draußen in den Gauen!
W. Rauchholz.

Die Pflege der

insilz im Zugendoͤverein.

Jeder Freund der Jugend und speziell jeder, der in
einem Jugendverein tätig ist, wird erkennen, daß die
Pflege der Ruͤnfie, beae die der Merufurt im Vereins
leben Hauptfaktoren sein müssen. Der erzieherische Wert
jeder ernsten Musikpflege p so klar auf der Hand, daß
es jedem Vereinsleiter ein Anliegen sein sollte, sich von
vornherein darüber zu orientieren: Wie pflege ich in meinem
Jugendverein die Musik? Ist der Leiter in der Lage, seinen
sungen Leuten Zutritt zu guten Volts- und
Jugendkonze vkten zu verschaffen, so wird er mit
Freuden sehen, wie begeistert man sich dazu drängt und
wie veredelnd der Genuß großer Kunst auf den Geschmack
und das ganze sittliche Empfinden der Jugend ist. Doch
er wird dabei nicht stehen bleiben können. Die Jugend
hat das Bedürfnis, sich zu betätigen und begnügt sich
nicht mit dem bloßen Zuhören. Wieviel musikalische
79 igkeiten schlummern im Volk, mit wieviel rührendem
ifer uͤnd Hingabe wird so manches Instrument in der
Freizeit geübt! Hier gilt es für den Vereinsleiter, die ver—
schiedenen Kräfte heranzuziehen, sie zu ermutigen und sich
über ihre Leistungen zu brientieren. Hat der Leiter selbst
keine musikalischen Kenntnisse, so ist es unbedingt nötig,
daß er sich mit einem Musiker oder musikalischen Laien
in Verbindung setzt, der ihn gewiß gern beraten wird. Jeder
Vereinsabend gibt schon Gelegenheit, Musik zu pflegen,
wieviel mehr unsere Feste und Familienabende! an einem
„gewöhnlichen“ Vereinsabend darf man jeden zu Wort
ommen lässen, der etwas bieten kann. Aber hier soll
nun die musikalische Erziehung einsetzen. Eben—
sowenig, wie es edrnet werden darf, daß die jungen
Leute lärmen und statt zu singen, gröhlen, sollte ein
zweck- und gedankenloses Klimpern und Herumspielen auf
Instrumenteñ erlaubt sein, denn die jungen Leute sollen auch
das ernst nehmen, was scheinbar nur der Unterhaltung
und dem Vergnügen dient. Bei Festen im Verein sollte
das Preeerne immer möglichst einheitlich gestaltet
werden, und besonders muß vor dem Zuviel gewarnt werden
Der Leiter überzeuge sich immer erst selbst, ob die Stücke
die die jungen Leute spielen wollen, auch von ihnen be
herrscht werden und dulde nur in diesem Falle, daß sie aufs
Programm kommen. Solche Feste mit ihren Programmen
bedurfen sorgfältiger Vorbereitung und Einstudierung. Man
bemesse dazuͤ die Zeit nicht zu kurz, sondern fange zeitig
mit den Vorbereiftungen an. Zu diesem Zweck empfiehli
es sich wie dem Turnen, der dramatischen Uebung, so auch
der Musik im Verein einen regelmäßigen Abend., zu
widmen, an dem man zunächst dürch gemeinsame,s Sin—
gen von Volksliedern das in der Schule Gelernte
auffrischt und weiter ausbaut, und dadurch die Freude am
Volkslied pflegt. Singen und Pfeifen Ils die natürlichste
Betätigung des jzungen Menschen werden nicht bloß im
Vereinslokal, sondern bei Wanderungen, Ausflü⸗—
gen, Märschen reichlich geübt. Hier das Ziel: Der
FJugend den Schatz an Volks- und Vaterlands—
uigend. an Natur—- und Freundschaftsliedern
zu erschließen, der uns in so vielen wertvollen Sammlungen
zugänglich gemacht ist. — War, oben vom Singen und
e der Volkslieder die Rede, so wäre bei unseren
regelmäßigen Uebungen der nächste Schritt, das Beglei—
ten der Volkslieder auf etwa vorhandenen Instru—
menten wie Zither, Mandoline, Okarina usw. Ist ein
Klavier vorhänden und einige Violinspieler, so
wird man sich allmählich auch an einfache Stücke wagen
und mit dem Wachsen des Vereins sich daraus ein kleines
Vereinsorchester bilden. In der Großstadt wird dies
naturgemäß leichter zu erreichen sein, da dort die Vereine
größer und die vekuniären Bedingungen qguünstiger sind.

Aber auch in bescheidenen Verhältnissen lassen sich die Mit—
zlieder zu hübschen Leistungen heranziehen. Welche Freude
nacht zum Beispiel das Einstudieren unserer beliebten
Armeemärsche! Sie können in den allerverschiedensten Be—
etzungen gespielt werden und wirken durch ihre einsachen,
inheitlichen Rhythmen, auch ohne große Besetzung. Sie
ollten den Grundftock für das Musikrepertoir bislden. Von
hnen aus erweitert man nun allmählich den musikalischen
Besichtskreis nach verschiedenen Seiten, immer vom Ein—
achen, Volkstümlichen ausgehend. Bei Gelegenheit solcher
lebungsabende kann auch der Unterschied zwischen
gzuter und schlechter Musik durch Beispiele und
Begenbeispiele erläutert werden. Langsam und stetig müssen
wvir unser Terrain zu erobern suchen und unermüdlich an
der Veredelung des Geschmacks arbeiten. Wir dürfen ja
richt von vorn herein auf die jungen Leute vom über—
egenen Standpunkt des Gebildeten herabsehen, aber eben
owenig uns gefallen lassen, daß etwa einzelne Mitglieder,
die eine gewisse technische Fertigkeit haben, sich im Verein
zreit machen und mit scheinbaren Glanzleistungen die Ge
nüter verwirren. Ich meine damit jene Sorte von Klavier—
und Violinspielern, die uns beim Austritt aus der Schule
zersichert: „Ich habe ausgelernt!“ auf dem Instrument
nach etwa 324 Jahren Unterricht, die Stunde zu 75 Pfg.“
And nun fsolgt, eine musikalische Darbietung, die uns inner—
ich empört, während man sich sagen muß: der gute Junge
st wirklich in dem Wahn, etwas zu leisten. Er begreift
nicht, daß das Operettenpotpourri und das Heft mit dem
neuesten Schlager nicht unser Entzücken erregt und ist sehr
zekränkt, wenn wir seine Stücke nicht aufs Programm
etzen. Hier haben wir das typische Beispiel des du vich
Jewissenlosen Unterricht total verbildeten,
d. h. verdorbenen Geschmacks und werden in diesen
Zpielern unsern gefährlichsten Gegner sehen müssen. Wer
S seit Jahren beobachtet hat, wie die Jugend der kleinen
Beamten und Kaufmannskreise, ja, die ganze breite Volks—
chicht der Klavierspielenden von vorn herein zum
musikalischen Schund hingeführt wird, der möchte
ast verzweifeln. Was ist bisher geschehen, um dem Unfug
u steuern, der von Musikverlegzern und Musikalienhändlern
hebel in Bewegung setzen, um davor zu warnen? Jede Ge—
egenheit müssen wir im Jugendverein dazu benutzen, und
getrieben wird, die den Markt geradezu überschwemmen mit
Schundware der geringsten Sorte? Wer möchte nicht alle
venn wir auch die Autorität des Herrn „Musiklehrers“
intergraben. Langsam und stetig muß der junge Mann
iberzeugt werden, daß seine Schlager, Walzer und Pot—
»ourris wirklich nicht schön sind. Aber leicht ist die Situa—
ltion für den musikalischen Leiter nicht. Sie erfordert viel
sveduld und Takt. Hat er aber das Vertrauen der jungen
deute gewonnen, so werden sie ihm willig kolgen, wenn er
ie in 'höhere Sphären führt, und dem „Reigen seliger
Beister aus Glucks Orpheus“ doch am Ende lieber lauschen,
As einer Offenbach'schen Operettenmelodie, Die Freude an
klassischer, edler Musik bei den sungen Leuten zu sehen
ohnt iahrelange Mühe.
Hanna Kayser, Frankfurt a. M.
Handbuch für Jugendpflege von der
Deuͤtschen Zentrals für Jugendfürsorge.
Wir entnehmen diesen Aufsatz — aus Raummangel leider
gekürzt — dem Handbuch für Jugendpflege, hexausge—
Jjeben von der Deutschen Zentrale für Jugendfürsorge. Schrift⸗
eitung: Dr. jur. Fr. Duensing, Berlin, Verlag Langensalza,
dermann Beyer & Söhne Beyer & Mann). Preis 15 Mek. Auch
Fefer Aufsaß bezeugt die Bedeutsamkeit der Musik im Dienste der
            
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