Full text : 5.1927-1928 (0005)

Der Wiener Lehrer⸗Acappéee

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hor.

Dieser Chor ist keine Ansammlung sangesbeflissener, be—
Afrackter und befreundeter Herren, die wöchentlich ein—
mal ihren bösen Ehehälften oder der Oede ihres Jung—
gesellendaseins entwischen wollen, dieser Chor hät rein gar—
nichts von der Bierbank an sich, politisiert nicht, er bieder—
meiert nicht, er betreibt nur eines, er singt. Aber bies
mit Inbrunst, aus der Tiefe seiner Seele heraus. Dies ist
das Geheimnis der Schönheit dieses Chores. Der er—
hittertste Feind der engen Harmonie der Männerchormusik
derstummt vor der Weite, die sich da auftut. Eine stets
zleichbleibende Zahl von Sängern, 50 an der Zahl, an
Stimmbegabung, Musikalität, ja Stimmfarbe sorgfältig an—
einander angepaßt, ist hier mit größter Sorgfalt zu dinem
Klangkörper von seltsamer, Schönheit zusammengeschweißt.
diese Art der Chororganisation ist ein wahres Ei des
solumbus. Sollte man meinen, daß erst entdeckt werden
mußte, daß ein Chor doch nur die Addition von Sanges—
fähigkeiten ist und daß die Qualität, nicht die Quantität der
Chorstimmen entscheidend ist. Wer wußte das nmicht, und
ver richtete sich danach? Es sind nun zehn Jahre, daß dieser
kleine Chor durch die völlig neue Art seiner Organtisation,
die unter anderen auch die allgeheiligte Aufstellung auf—
hob, sich mit einem Schlage in die vorderste Reihe des
Wiener Musiklebens stellte. Er erwies sich in zahlreichen
Auslandsreisen, besonders aber in dem alles neue in Grund
und Boden schimpfenden Oesterreich als ein einziges viel—
besaitetes kosthares Instrument voll adlig-bestrickendem
Wohlklange. Die bisher unerhörte Intensität seiner Aus—
drucksmöglichkeiten ist der Triumph einer wahrhaft eisernen
Disziplin und wohlbedachten Organisation. Der Chor ist
aristokratisch abgeschlossen wie ein Geheimbund, er hat end—
lich mit dem Vorurteil gebrochen, daß der Wert eines
Thores mit der Anzahl der Mitglieder steige. Es ist aus—
geschlossen, daß in diese Gemeinschaft ein Nichtskönner sich
eindränge, der ganze Chor stünde wie ein Mann gegen
ihn auf. Alles die freie Entwicklung der Kunstleistung
Beeinträchtigende wird sorgfältig ferngehalten. Es gibt
z. B. bei den Aufführungen keine Notenblätter, die man
sich vor den Mund halten könnte, es gibt auch keinen Ver—
gnügungsausschuß, um Leute zu halten, die sich ohne be—
gleitende Hetz keine Kunst vorstellen können, es gibt auch
eine überall dreinredende Vereinsehrenmummelgreise, die
Traditions-Erinnerungen aber keine Stimme mehr haben.
Es gibt hier auch keinen Schulmeisterstab, der drohend
wvackelige Mittelstimmen hinsticht, es gibt nur eine ruhige,
leitende Hand ohne Taktstock, die unauffälligen, aber
wissenden Gebärden eines Chorleiters, der im Blick seinen
Willen zeigt. Auge in Auge, ohne Notenblatt, stehen sich
Thor und Dirigent gepepber Die große Exaklheit der
Rhythmik und Dynamik dieses Chores beweist aufs neue,
daß alles wildgestikulierende Herumdirigieren garnichts
ausmacht, daß auch das prachtvollste Ausstellungsexemplar

unes noch so vorteilhaft seine Auslage arrangierenden
Dirigenten wertlos ist, daß vielmehr jeder Körperschaft vor
illem ein Erzieher nottut. Und solch einen Erzieher be—
itzt der Lehrer-a-cappella-Chor an seinem Virigenten
ßrofessor Hans Wagner-Schönkirch. Selbst ein äusge—
eichneter Komponist, seit Jugend mit dem Chorklange ver—
raut, gibt es für ihn keine Schwierigkeiten der Materie
daß er ein hervorragender Dirigent ist, wäre nichts be—
onderes, was den Mann unschätzbar macht, ist aber sein
Irganisationstalent. Früher Dirigent mehrerer hervor—
agender Vereine, ist es ihm erst spät gelungen, sich sein
zdealinstrument zu bauen. In Wagner-Schönkirchs Art
ich zu seinem Chor zu stellen, lebt die Art der alten
dantoren, deren Chor ihr Leben, ihre Familie, ein Teil
hres Selbst war. Auch mit Wagner ist sein Chor ver—
zachsen, er fanatisiert ihn, und die durchwegs jungen Leute
olgen ihm, weil er nicht nur unbedingten Beugens unter
zinem Willen verlangt, sondern sich selbst vor dem Kunst—
verk erniedrigt, dem er gerade dient. Hier wird es keinem
domponisten passieren, daß er vom Chor als Rahmen zu
»em eigenen eitel bespiegelten Bilde behandelt wird. Daß
die Organisationsprinzipe dieses Chorleiters die richtigen
ind, zeigt die einfach magische Wirkung des überaus edilen
Lhorklanges, dem jeder Hörec unbedingt unterliegt. Der
infache Grundsatz, der doch in der Architektur längst be—
annt ist, daß materialgerecht gestaltet werden muß, daß
in echtes Kunstwerk aus falscher Monumentalität und
ninderwertigem Materiale, aus Kleister und Pappe nicht
usammengesetzt werden kann, diese Binsenwahrheit, ist in
»as Chorwesen noch immer zu wenig gedrungen. Hier
rfüllt unser Chor eine Mission, indem er ein lebendiges
tßeispiel ist, daß Chorfragen Organisationsfragen sind.
dans Wagner-Schönkirch hat sich als wahrer Bähnbrecher
rwiesen. Er hat vor allem erkannt, daß nicht Quantität,
ondern Qualität das wahrhaft maßgebende ist, daß ein
inziger schlechter Sänger eine Gefahr für den ganzen Chor
»edeutet. Er erntet aber auch die Früchte seiner eisernen
srundsatztreue. Durch ein überaus vorsichtig ausgewähltes
Material wird es ihm möglich, frisch zur eigentlichen Arbeit
zeranzutreten, dies geschieht nicht nervos und verärgert
»urch zahllose Einpaukerproben und Einzelstimmen. Wenn
r den Meißel ansetzt, ist es nur zum bosseln und aus—
eilen, nicht zu ermüdender Roharbeit, am Werkstücke der
inazelnen Stimme. Ihm bleibt für seine wohlvorbereiteten,
ntelligenten Sänger alle Kraft zur eigentlichen Tätigkeit
»es Dirigenten — für das Beseelen. Durch den Vorgang,
»aß alles durch Hilfskräfte für sein Kommen vorbereitet
vird, empfindet der Chor seinen Meister als geistigen Be—
rater, nicht als Abrichter, der Leistungen mit Gewalt er—
„wingt. Die Ebenbürtigkeit des Chores und seines Diri—
jsenten ist ein Geheimnis. Wer diesen Chor hört, der lernt
Prof. Zoseph Wenzel, Wien.

Gaäaufeslt in Sdarbrücken.

Für den Gau Saarbrücken bedeutet das er ste Gaufest, das
im 10. Juli stattfand, einen Markstein seiner aufwärtsstrebenden
Entwicklung. Wohl drückte die regnerische Stimmung vom frühen
Morgen die Hoffnungen nicht wenig herab, galt es doch, zunächst
in einem sorgfältig vorbereiteten Fest zug der gewaltigen Or—
ganisation der deutschen Sängerschaft an der Saar einen kraft—
zollen Ausdruck in der breitesten Oeffentlichkeit zu geben. Der
dimmel hatte denn auch ein Einsehen. Und als um 2, Uhr
nittags 26 Vereine mit 25 Fahnen unter klingendem Spiel
vohlgeordnet vom Landwehrplatß aus sich durch die reich—
deflaggten, festlich geschmückten Straßen der Stadt in Bewegung
etzten, hätte es sich völlig aufgeklärt, und strahlende Sonne
berschönte das wunderbare, eindrucksvolle Bild des Festzuges,
dem drei — von uns im Bilde wiedergegebene — Festwagen
eine besonders feine Note gaben: Sah ein Knab ein Röslein
tehn; Am Brunnen vor dem Tore und als Hauptanziehungs—
punkt; die Festwiese aus den Meistersingern — von sechs
nächtigen Gäulen gezogen, die stotz ihre schmucken Reiter
rugen — Vertreter der Schneider- Schuhmacher- und Bäckerzunft

neihren malerischen mittelalterlichen Trachten voraus. In
reiten Gliedern hielt das schaulustige Publikum die Bürgersteige
der Großherzog-FriedrichStraße, Dudweiler-, Hohenzollern-,
xisenbahn-⸗, Reichs-, St! Johanner-, Otto- und Ludwigstraße
esetzt und bearüßte beifallsfroh den Zug mit hellem Jubel
Im Sängerheim Ludwigsberg herrschte bereits seit
»en frühen Mittagsstunden lebhafter Betrieb. Leider begann es
vieder zu rieseln, als der Festzug den Ludwigspark erreichte und
ie Fahnenoffiziere ihre Fahnen in den Musikpavillon aufreihten.
der unter dem Gauchormeister Schrimpf stehende gewaltige
Nassenchor mußte eines heftig einsetzenden, glücklicherweise nur
urzen Regenschauers wegen zögern, ehe er mit wuchtigen
tlängen den Deutschen Sängergruß aus Webers „Die Sonn'
rwacht“ in die riesige Festversammlung hineinjubeln ließ.
Das erste Gaufest in Saarbrücken war in recht sangesbrüder—
ichem Geiste mit der Weihe der Fahne des MeG.V. Sänger—
u'st verbunden, dessen Sänger zu Begiun der Weihehandlung
ehr eindrucksvoll das prächtige Fahnenlied von Bär zum
            
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