Full text : 5.1927-1928 (0005)

Zeite 122

Saar⸗Sãänger⸗Bund

ull Nr. 6
mächtiger Gegenvereine hinzuarbeiten suchen — dann läßt
sich auch hier etwas leisten.
Damit stehen wir vor der Frage der Programme. Der
rhemalige Kampfruf „Silcher oder Hegar“ muset uns heute
chon recht überholt an, nachdem er in der Devise „Silcher
und Hegar“ einen versöhnlihen Ausklang gefunden hatte.
Es kann heute nur um eines gehen: „Qualität oder Nicht—
jualität“, bloße Gefallsüchtigkeit, Schmachtendes, Weich—
iches, Phrasenhaftes, Gefühlsduselei sind schroff abzu—
ehnen — und innerhalb des Wertvollen, Echten, Herben,
dochgesinnten finde sich jede Körperschaft zu dem ihrer
rdeistungsfähigkeit entsprechenden Schwierigkeitsgrade.
Gerade als Musikhistoriker, der ich bin, weiß ich die
Verke jedes Zeitalters zu schätzen und wäre darum der
Letzte, das viel zu weit gehende Verdikt einiger idealisti—
cher Heißsporne gegen das ganze neunzehnte Jahrhundert
nit seiner subjektivistischen Romantik restloß zu unter—
chreiben, mit dem dann auch die Klassiker der deutschen Be—
reiungskriegs-Männerchorliteratur fallen würden. Aber so—
veit gebe ich ihnen doch recht, daß die bisher fast alleinige
Allgeltung der Hervorbringung des letzten Jahrhunderts
reiwillige Verarmung bedeuten würde. Auch die
vesentlich auf Silcher und Mendelssohn fußende
nonophone Bearbeitungsweise aller edler Melodien, wie
ie die meisten Neubearbeitungen des Kaiserliederbuches
»arstellen, sind nur eine von vselen Möglichkeiten, wahren
»ie ewige Vierstimmigkeit, wo polyphone Bicinien und
derzette (zum Beispiel aus Walter Hensels „Aufrechtem
Fähnlein“ ebenfalls treffliche Dienste tun können? Und
varum die ewige Alternative „entweder rein à cappella oder
nit Orchester“, warum nicht gelegentlich auch „Männerchor
nit einzelnen obligaten Instrumenten““ Und warum ewig
nit der Melodie im ersten Tenor statt oft auch mit dem
Lantus firmus in der Mittel- oder Unterstimme. Hier könnte
nan unschwer aus einer gewissen Traditionserstarrung sich
o fesselnder Vielfältigkeit erlösen lassen.
Endlich noch ein Herzenswunsch: Der Männerchor sei
richt ein Feind und Erwürger der Oratorienvereine und
jemischten à cappella-Chöre, sondern ihr hilfsbereiter Freund
ind Stützer. Er braucht darum den Männerchorsatz in
einer Weise zu vernachlässigen. Aber die Lage ist so, daß
ie herrlichen Meisterwerke eines Bach, Händel, Haydn,
Mendelshon, das Deutsche Requiem und Bruckners Tedeum
infach deshalb nicht mehr aufgeführt werden können, weil
ie Herren lieber liedertafeln. Das darf nicht sein, damit
vürde der Männerchor zum Schädling unseres Musikwesens.
Vie er statt dessen vielmehr einer der besten Repräsen—
anten deutschen Kulturwillens und damit des deutschen
Wiederaufbaus sein kann, haben wir im Obigen angedeutet
ren handle nur auch danach im Wahrzeichen des Namens
Wien“.
Univ.Prof. Dr. Haus Fra-im Moser, Heidelberg,
in den Wiener Festblättern.

So sollte und könnte es überall sein, aber wieweit wird
dieser Idealzustand wirklich erreicht, wenn man wahrhaft
ehrlich ist?
Da erhebt sich als erste und wichtigste Zukunftsforde⸗
rung für uns schönungslose Wahrheit und Klarheit! Weg
nit'all den hohlen Rouladen und salbungsvollen Festredner—
phrasen von der „Macht des deutschen Liedes“, wenn auch
dort nur der gesellige Zweck, das Spießerbehagen ron
Bier und Zigarre, beim Singen das angenehme Bad in
den laulichen Tonfluten sentimentaler Liedertafelei voran—
ttehen sollte. Berauscht euch nicht an großen Redensarten,
sondern arbeitet an eurem Liedgesang! Gewiß nicht
nit dem wütenden Ehrgeiz der ehedem beherrschenden
Preiswettsängereien, die gottlob nun stark im Abflauen
sind, weil sie doch oft nur Potemkin'sche Dörfer für wenige
Wohen vortäuschen: sondern mit jener schlichten Liebe zur
Zacke selbst, die ja nach Weber und Wagner dem Deutschen
o besonders eigen sein soll.
Wir wissen alle sehr wohl und erkennen es dankbar
in, daß diese schöne Leidenschaft zum künstlerischen Guten
den Willen der Bundesleitung vollkommen beherrscht und
ruch in den großen Vereinen unter dem besfeuerndén
Willen der führenden Musiker wachsend zu schönen Er—
gebnissen führt. Entscheidend erscheint aber die Frage,
pieweit es gelingen wird, diese hochstrebenden Tendenzen
1uh in der breiten Masse der mittleren und kleinen Ver—
eine durchzusetzen. Zahlreiche erfreuliche Ausnahmen in
Einzelfällen selbstverständlich gern zugegeben, bleiben doch
zier vorläufig noh starke Bedenken und schwere Sorgen
ür den, welchem die deutsche Musikwelt nicht bloß bis
in die Grenzen der Bundeszugehörigkeit reicht. Wenn man
die Programme zahlreicher Klein- und Mittelstadtvereine
durchsieht, so fällt das Ueberwiegen einer Litecatur lokaler
Duodezgrößen auf, die auf künstlerische Ueberschätzung ver—
einsmeierlicher Vetternschaften zu beruhen scheint, während
die Werke wirklicher Meister gern umgangen oder besten—
salls in wähllosem Mischmasch zwischen solcher Minder—
vare dargeboten werden. Gern wird entgegnet, die Ver—
zine seien zu klein und zu schwach, um sich an Erößeres zu
vagen (und gewiß wäre es auch verkehrt, wenn man un—
zulängliche Kräfte an zu Schweres vergeuden wollte — ob—
wohl das wahrhaft Hochstehende durchaus nicht immer
werer zu sein braucht als das weniger Gute). Aber
vparum diese unendlichen Splittervereinchen? Weil der
Sängergedanke bisher oft nicht stärkee war als die Tausend
kleinliken Widerstreite von Standeseitelkeit, politischem und
onfessionellem Cliquenwesen, wirtschaftlichen Konkuͤrrenzen
und dergleichen Unerfreulichkeiten mehr. Ist es zu grell
Jesehen, wenn ich behaupte, daß manchmal zwei kleine Ge—
saugvereine nur deshalb sich nicht zu einem größeren und
damit künstlerisch leistungsfähigeren vereinen wollen, weil
eder — seainen Restaurateur glaubt in Nahrung setzen
zu müssen?! Hier sollte die Bündespolitik kraftvoll auf
Zusammenlegungen und freundwilliges Sichvertragen ohn—

An erster Stelle
b steht
Neufoanq- saenisssch
„Deutsch-Pilsner“

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