Full text : 5.1927-1928 (0005)

ur.

Saar⸗Sänger⸗Bund

Seite *

Die O. 5

pmphonie.

Is war schon still in den Straßen der Stadt, als
— Beethoven einsam in seinem Zimmer auf- und nieder—
ging. Die trauliche Lampe brannte, bei deren geisterhaftem
Schimmer er so viel geschaffen — ein leeres Nocenblatt lag
auf dem Tische — der schöne Flügel, ein Geschenk aus
England, auf dem er soeben, aber ach! ohne sich zu hören,
gespielt hatte, stand noch geöffnet. Seine innere Welt war
aufgelebt — er hatte in Hoffmanns Phantasiestücken heute
wieder das Lob seiner C-Moll Symphonie gelesen; ach, der
Beifall hebt so sehr des Künstlers Kraft! — Lange Tage
hindurch hatte ihn Angst und Schmerz gefoltert — schwarze,
gespenstige Gestalten und grinsende Larven waren nicht
von seiner Seite gewichen und hatten ihn umhergerissen
in trosthosen — g der schneidendsten Mißklänge
Aber jetzt schwebte er als Herrscher über ihnen — er fühlte,
daß er die Höllengeister nun besiegt, er empfand, daß er sie
nach Gefallen zitieren konnte, daß sie aber über seine frei—
gewordene, triumpfierende Seele keine Macht mehr hatten.
Er sürchtete sich jedesmal, ein großes Werk anzufangen; nach
schwankte er, aber stärler und stärker ergriff ihn die Be—
geisterung, und ihre ältere Schwester, die Besonnenheit,
winkte ihm freundlich zu — der Kern aller seiner bis—
srisen Werke begann ihm wunderbar aufzuleben, all
ein Streben von Kindheit an, seine Künstlerlust, seine
Künstlerpein, sein ganzes Dasein mit allen Farben malte
sich ihm in einem neuen Licht — all seine stillen phantasti—
schen Spaziergänge traten ihm vor die Seele — all die
Träume lächellen ihn an — begrabene Hoffnungen richteten
sich mit ihren blassen Gesichtern vor ihm auf und deuteten
nach den Sternen — qualvolle Nächte, wonnige Frühlings—
tage, tobende Gewitter, goldene Abendwolken, helle Morgen—
röten, silberne Mondscheindämmerung, höllische Fratzen, lieb—
liche Engelsbilder, Tänze der Toten um Mitternacht, schau—
rige Grabgewösbe, blumige Wiesen, schwarze Abgründe,
himmelblaue, sonnenhelle Berggipfel, eisstarre Winter,
schwüle Sommer mit ihren erquickenden Abenden, öde
Wüsten, lachende Täler und Hügel, wahnsinnig gewordene
Freunde, in ihre Grüfte gesunkene Feinde, Schlachtfelder
voll Leichen, frohe Landleute in heiterem Tanz, die Ver—
dammten der Hölle, die Seligen des Himmels — alles zog
an ihm vorüber — wie Schlag auf Schlag solgende Blitze
kreuzten sich die wild durcheinanderjagenden Bilder.
Schon längst lag Schillers „Ode an die Freude“ auf
geschlagen da — sein Genius hatte ihm gesagt, daß sie den
Genius zu seinem „Schwanengesang“ geben sollte; aber noch
war ihm bis heute seine Idee aus dem Dunkel der Ahnung
nicht ans Licht getreten. Er wollte nicht Nachahmer des
Dichters sein, wollte er eine ganz neue originelle Schöpfung
gebären. Und wie sich einem Werke der Kunst gern der
Stempel der Lebensperiode aufdrückt, in der es der Künstler
erzeugt, so geschah es auch ihm. Oft hatte er sich selbs
verhöhnt. Eine Ode der Freude“ in den Tagen der
Schwermut, so dir's leichter werden möchte, eine Satyre
auf alle frohen Empfindungen zu komponieren? Mit der
Seele voll Verstimmung, Verdruß und Menschenhaß — du?
eine Ode an die Freude, der du rasen möchtest vor Unmut?
Und dann wollte es ihm der Dämon seiner alten Neck—
sust wohl gar eingeben, ein Werk zu schreiben, über welches
sich alle Musiker die Köpfe zerbrächen, mit solchen Schwierig—
keiten, daß sich's gar nicht ausführen ließe, oder das abscheu—
lich klänge, wenn man's wirklich spielte. Alle solche Ge—⸗
danken erschienen ihm jetzt aber klein; hell war ihm seine
Idee aufgegangen, in die er dergleichen Launen wohl auch
zur Schattierung getrost mit einweben durfte — er wollte
nämlich „Das Hervorgehen der Freude aus der Verzweif—
lung“ schildern. Beide sollten kontrastiert werden, er wollte
—
am Ende sollte die Freude siegen — dabei sand er Ge
legenheit, einmal sein ganzes Herz auszuschütten. Nach dem
Publikum wollte er dabei gar nicht fragen, er wollte
sich nur selbst geben und seinen Genius frei zeigen in all
seiner Göttlichkeit und in all seinen Wunderlichkeiten; denn
er dachte, ein Meister, der sich sein ganzes Leben hindurch
bemüht, die Welt zu entzücken, dürfte wohl auch einmal
von ihr verlangen, daß sie sich bemuͤhe, ihn zu verstehen.
„Ja“, rief er aus, „fie sollen nun einmal, ehe ich sterbe,
alles erfahren. was mir auf der Seele gelegen:; ich will

ihnen mit gewaltigen Strichen hinmalen den großen Kampif
des Weltschmerzes mit der Weltlust — und klagt ihnen
auch mein eigenes Weh aus den Tönen mit entgegen, so
sollen sie doch sehen, daß ich mich siegreich erhebe über
das irdische Leid gleich einem gen Himmel ragenden Koloß!“
Und nun dranjgen sie alle auf ihn ein, die redenden
Instrumente mit ihren Farben, um ihm an dem großen
Bemälde mit malen zu he'fen; die heitere, himmelblaäue
Flöte, die kecke, morgenrötliche, hellblonde Klarinette, der
chmeichelnde, summende, braundunkle Fagott, das ahnungs
oolle, weiche, schattige grüne Waldhorn, die kriegerische
olutigrote Trompete, die religiöse, to enerweckende, schnee
veiße Posaune, die empfindsame, regenbogensarbige Geige
lagende, lilasarbige Viola, das gemütliche, sehnsüchtige
hesänftigende, viole tfarbige Violoncell, die schneidende, pür⸗
ournblickende Oboe, das dem Dufte der dunkelroten Nelken
rhnelnde Bassethorn, der gewaltig herrschende, schwarzdunkle
Biolon, der romantische, zigeunerbraune Triangel, die blitz—
zellen Becken und die zündenden, donnernden, gewitter
zdunkeln Pauken — alle spielten ihm für das innere Ohr,
das nicht das Schicksal des äußeren teilte — und er
jörte schon in vollstimmigen Zuüsammenklang die ganze
Symphonie ertönen.
Wie Dolche, Messer und Stecknadeln hatte ihn schon lange
ein Heer von feindlichen Quinten versolat — wo er sich
zinwandte, sie drohten ihm und vermehrten die Angst seiner
Zeele — er bannte sie in Noten und trat ihnen mit dem
heldenschwert entgegen, aber selbst sein Heroismus war nur
An Sieg seines größeren Schmerzes über die kleineren — die
Quinten sahen es, und kehrten mit einem neuen Angriff
wieder — da legte ihm ein Engel Blumen ums wunde Herz,
uind lispelte ihm holde Trostesworte zu — inniger und
nniger umschlang ihn ein süßer Zauber — und endlich stieg
die Iende bis zum Aufjauchzen des vollen Herzens. Aber
ich, die stechenden Quälgeister kehrten wieder — wohl mischte
ich darunter auch das süße Weh mit dem weinenden
dimmelsangesicht — doch die düstere Leidenschaft, die runz—
iche Sorge, der hagere, gelbe Neid, die grünäugige Miß—
zunst, die blasse verschrumpfte Verleumdung, der schielende,
ziftspeiende Haß, die Verzweiflung und alle Furien der
Nacht stürmten ein auf den Mann mit dem sanften Herzen
— ha, und der Engel mit den Blumen wuchs empor und
oerzerrte sich zu dem langen, bleichen, riesengroßen Gespenst
mit der Strohkrone — es war der wohlbekannte Wahnsinn!
— er grinste ihn an, und sagte: „Ich will auch meinen Teil
an deinem Werke haben!“
Der musikalische gauberer erhob sein Auge — sein ganzes
Zimmer war bevölkert von guten und bösen Geistern —
der Teufel trat heran und wollte ihm helfen um den Preis
seiner Seele, daß er ein recht sinnbezauberndes Werk voll—
ꝛnde — Zwerge streckten ihre langen Nasen aus den Winkeln
zervor und erzählten ihm von den Schätzen, die er ja
zrauchen und leicht gewinnen könnte — doch er zeichnete
chnell Kreuz auf Kreuz in seine Noten, wovor die Dämonen
erschreckt entwichen. Da nahten wieder zwei Schwestern;
zine in schwarzem Kleide und schwarzem Schleier, toten⸗
zleich und verweint — sie hatte einen Dolch in der Hand,
nit dem sie sich unaufhörlich die Brust durchstieß, ohne doch
zu sterben — oder sie war vielmehr schon tot und lebte
doch noch; die andere, schimmernd in bunter Farbenpracht,
mit Rosen geschmückt, lächelnd und singend, mit himmel—
blauen Augen, goldenen Locken, alles an ihr Fülle
des heit'ren Lebens, und doch für ihn so tot und wie
längst begraben; beide rangen um ihn; jede wollte ihn in
die andere Welt einführen. Seltsam! die Heitere hatte er
zu lieben verlernt, und zu der Leichenhaften fühlte er
sein Herz gezogen; sie halfen ihm beide Noten auf die
Blätter bringen, bis eine andre Gestalt sie verdrängte.
„Laßt, ihn, meine Töchter, Trauer und Freude! Ich,
euer Vater, vereinige euer beider Wesen, und will setzt
meinem Freunde behilflich sein!“
So sprach ein etwas mißgewachsener Alter, mit un—
regelmäßigen, aber höchst interessanten, aus Cis-Moll und
H-⸗Dur en Dtdeee der in seinem Blicke eine
wunderbare, Aehnlichkeit mit Vater Haydn und mit Sterne
hatte. Er setzte sich neben Beethoven an die ihm oft ge⸗
gönnte Stelle und erzählte ihm von einem Rendezvous
            
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