Full text : 5.1927-1928 (0005)

Kr. 5

Unter der Linde

„Unter der Linden.“

Wuntzr der Linden,
An der Haide,
VFo ich mit meinem Trauten saß,
Da mögt ihr finden,
Wie wir beide
Die Blumen brachen und das Gras.
Vor dem Wald mit süßem Schall
Tandaradei!
Sang im Tal die Nachtigall.
Ich kam gegangen
Zu der Stelle;
Mein Liebster war schon vor mir dort.
Mich hat empfangen
Mein Geselle,
Daß ich bin selig immerfort.
Ob er mir auch Küsse bot?
Tandaradei!
Seht, wie ist mein Mund so rot!
Da ging er machen
Uns ein Bette
Aus süßen Blumen mancherlei;
Des wird man lachen
Noch, ich wette.

Saar⸗Sänger⸗-Bund sUn

Seite 93

Wandgemälde aus dem Schlosse Neuschwanstein.

So jemand wandelt dort vorbei:
Bei den Rosen er wohl mag,
Tandaradei!
Merken, wo das Haupt mir lag.
Wie ich da ruhte,
Wüßt es Einer,
Behüte Gott, ich schämte mich.
Wie mich der Gute
Herzte, keiner
Erfahre das als er und ich,
Und ein kleines Vögelein,
Tandaradei!
Das wird wohl verschwiegen sein

Frauennreis.
D get und geblümt sind die reinen Ipuen:
So Wonnigliches gab es niemals anzuschauen
n Lüften noch auf Erden, noch in allen grünen Auen
dilien oder Rosenblumen, wenn sie blicken
Im Maien durch betautes Gras, und kleiner Vogelsang
Sind gegen solche Wonnen farblos, ohne Klang,
Wenn man ein schönes Weib erschaut. Das kann den Sinn
erquicken.
Und wer an Kummer litt, wird augenblicks gesund,
Wenn lieblich lacht in Lieb ihr süßer roter Mund,
Ihr glänzend Auge Pfeile schießt in Mannes Herzensgrund

Der Sängerkrieg auf der Wartburg.

Oi Ueberlieferung erzählt, daß unter der Regierung
Hermanns J1. im Jahre 1207 der berühmteée
angerkries auf der Wartburg stattgefunden
abe.
Zu den hauptsächlichsten Sängern, welche damals auf
der Wartburg Gastfreundschaft genossen, zählten Walther
don der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Heinrich
der Schreiber, Reimer von Zweter, Biteroff und Heinrich
Ofterdingen. Von ihnen heißt es in einem alten
iede:

„Die sechse waren Meister, zu dichten,
Manch Liedelein sie ausrichten,
Mit gar vernünftigen Sinnen
Konnten sie dar beginnen,
Geistlich und auch weltlich,
Behentlich und auch zärtlich.“
Fünf der genannten Sänger hatten nun eines Tages
im Wettkampfe den Landgrafen als den Tag gepriesen,
dem die Sonne nachfolge, Ofterdingen aber den

herzog von Oesterreich als Sonne, dem alle Sterne unter—
an seien. Immer hitziger entfaltete sich der Kampf, bis
nan beschloß, wer im Sängerwettstreite unterliege, dessen
deben sei verwirkt. Der Henker sollte ihm das Haupt ab—
chlagen. Endlich war Ofterdingen als besiegt erklärt.
An der Tür wartete bereits der Henker Stempfel. Da
türzte der überwundene Sänger zu den Füßen der Land—
zräfin nieder und flehte um Gnade. Die Milde der
sohen Frau siegte. Sie bestimmte, daß man ein Jahr dem
IAfterdingen frei geben möge, während dessen er sich nach
Ungarn aufmachen solle, den berühmten Zauberer und
Zangesmeister Klingsor als Schiedsrichter zu holen.
IAfterdingen machte sich nach Ungarn auf und fand dann
uch den geheimnisvollen Meister. Bei ihm blieb er eine
zeitlang Und übte seine Kunst. Eines Nachts aber setzte
dlingsor den Sänger auf seinen weißen Mantel, und so
logen sie herüber nach Thüringen. Mit hohen Ehren
vard der ungarische Zauberer auf der Wartburg empfangen,
ind sein Ansehen daselbst stieg noch höher, als er eines
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.