Weber stand still und faßte Harden's Arm. „Edwin,“
rief er angstvoll, „wohin, o mein Gott! wohin soll
dich denn dieses Leben führen? Hast du denn that—
sächlich jede Erinnerung an deine liebe, fromme Mutter
verloren? — Den Vater hast du ja kaum gekannt. —
Du hast nicht bloß die Kräfte deines Körpers und
dein Vermögen auf's Spiel gesetzt, du hast auch das
Heil deiner Seele auf's Spiel gesetzt. Wohin soll
das führen? Rede, was du willst, aber du glaubst
doch nicht, daß es mit diesem Leben zu Ende ist?“ ...
„Schade, daß du kein Pastor geworden bist!“
unterbrach Harden spottend.
„Du hast Recht, ich bedaure, dieses herrliche Amt
nicht zu haben. O, wenn ich berechtigt auf der Kanzel
im Gotteshause stehen dürste! Mit Posaunenstimme
wollte ich den Menschen, die sich auf Abwegen be—
finden, zurufen: Wohin, wohin soll das führen?“
Die Herren hatten nicht darauf geachtet, daß sie
bereits den Wald betreten hatten, der sich dicht an
den Park schloß; noch weniger hatten sie beachtet, daß
die kleine Hilde ihnen gefolgt war.
Jetzt gerade, als Weber das „Wohin?“ wiederholte,
faßte Hilde ihres Vaters Hand und sagte: „Heim,
Papa, heim zur lieben Mama! Hilde ist müde!“
„Heim!“ sprach Weber nach und wendete sich dem
Freunde zu. „Das Kind hat das Rechte getroffen.
Heim wollen wir wandern. Sie meint zwar jetzt das
Heim bei ihrer lieben Mama, aber es giebt doch noch
ein anderes Heim!“ —
„O ich weiß, Papa, ich weiß!“ rief Hilde lebhaft,
alle Müdigkeit vergessend. „Da oben, beim lieben
himmlischen Vater, giebt's ein Heim! Mama hat gesagt,
manche wandern schnell, gar schnell dahin, und andere
wieder langsamer. Weißt du, Papa, das liebe Schwester⸗
chen, das auf dem Kirchhof schläft, ist so schnell ge—
wandert. Mama hat es nicht halten können, aber sie
weint nicht mehr darüber, sie sagt: Elisabeth ist daheim!“
Die Herren hatten ihr Gespräch abgebrochen, und
die drei schritten dem Schlosse zu.
Hardens Hände hatten sich fast krampfhaft zu—
sammengeschlossen. Auf seinen abgezehrten, gelblichen
Wangen brannten rote Flecke, während in den
Augen ein Ausdruck lag, der nicht recht zu beschreiben
war. Frau von Weber empfing die Zurückkehrenden herz⸗
lich, blickte den Gast jedoch voller Besorgnis an.
„Ich glaube,“ sagte sie mit ihrer sanften Stimme,
„Sie sind krank, Herr von Harden. Es wäre das
Beste, wenn sie sich in's Bett legten und wir schleunigst
nach dem Arzte schickten.“
„Um keinen Preis!“ wehrte Harden. „Was denken
Sie, gnädige Frau? Ich will heute noch wieder Ihr Haus
verlassen, und Ihr Mann wird das billigen.“
„Keineswegs!“ erklang es zu gleicher Zeit aus
dem Munde des Weber'schen Ehepaares.
„Wir werden Sie erst gesund pflegen!“ fuhr Frau
von Weber fort. „Wenn dann der Wandertrieb Ihnen
keine Ruhe läßt, können Sie ja wieder hinausgehen
in die weite Welt.“
„Wohin?“ kam es plötzlich leise über Harden's
Lippen.
Dieses „Wohin?“ klang so über alle Maßen trost⸗
los, daß Weber sich abwenden mußte, um nicht zu
zeigen, daß sich Thränen in seinen Augen gesammelt
hatten. Seine Frau hatte den Ausruf nicht gehört,
da Hilde gerade irgend welche Frage an sie siellie.
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—
Harden blieb, doch weder er noch sein Freund
fanden in dieser Nacht Ruhe.
„Erzähle mir später von ihm, wenn es wieder
besser mit ihm stehen wird!“ hatte Frau von Weber
ihren Mann noch gebeten, nachdem Harden sich zurück—
gezogen hatte. (Schluß folgt.)
Aus der Geschichte der YPfarrei Yfeffelbach-
Burg Richtenberg.
Von Pfarrer Rob-g. (lle Rechte vorbehalten.)
1. Die Urgroßmutter unseres Kaisers.
Die Blicke der Fürsten und Völker Europas sind
in dieser Zeit nach England gerichtet gewesen, wo die
hochbetagte 81jährige Großmutter unseres Kaisers
Wilhelm II. nach 63 jähriger, mit vielen Erfolgen ge—
krönter Regierung gestorben ist
.Der Tod dieser Königin ruft Erinnerungen wach,
welche auch den Lesern des „Evangelischen Wochen⸗
blattes“, des in der äußersten südwestlichen Ecke unseres
Vaterlandes erscheinenden Sonntagsblattes, sonderlich
denen im jetzigen Kreise St. Wendel von Interesse
sein möchten.
Der Gemahl der verstorbenen Königin Viktoria
von Großbritannien war ein deutscher Prinz, den die
ältesten Leute der Pfarrei Pfeffelbach noch als jungen
Kuaben gar manchesmal gesehen zu haben sich entsinnen,
und seine Mutter, also unseres jetzigen Kaisers
Urgroßmutter, ist in keinem geringeren Orte als in
Pfeffelbach seinerzeit beigesetzt worden.
„Wie? Was?“ höre ich manchen Leser erstaunt
fragen, „das ist mir ja völlig neu!“ Nun, unsere
Zeit lebt außerordentlich rasch und vergißt ungeheuer
schnell. Auch lernt man nicht alles auf den Schulen.
weder auf den höheren noch auf den niederen. Man
erfährt z. B. auch auf diesem Wege schwerlich etwas
von einem Fürstentum Lichtenberg. Und doch hat
es ein solches fast ein Vierteljahrhundert lang während
des eben abgelaufenen Jahrhunderts gegeben, und
dementsprechend auch einen „Fürsten von Lichtenberg“.
Aber allerdings nur einen einzigen. Er hat keinen
Vorgänger und keinen Nachfolger gehabt. Aber den
Namen und stattlichen Titel führte er: „Ernst von
Bottes Gnaden Herzog von Sachsen-Koburg und Gotha,
Jülich, Cleve und Berg, auch Engern und Westfalen,
Landgraf in Thüringen, Markgraf zu Meißen, ge⸗
fürsteter Graf zu Henneberg, Fürst zu Lichtenberg,
Graf zu der Mark und Ravensberg, Herr zu Raven—
stein und Tonna.“
Wo kam denn das Fürstentum Lichtenberg her?
Nun, Napoleon J. hatte eine sonderliche Fertigkeit,
auf der Landkarte die alten Grenzen der Länder zu
verwischen und neue Grenzlinien ohne Rücksicht auf
geschichtliche Vergangenheit oder volkstümliche Eigen—
art zu ziehen. Mit ein paar kühnen Strichen war
hurtig ein neues Ländchen geschaffen, und um den
fürstlichen Titel des neuen Herrschers war er auch
nicht verlegen. Es kam ihm auf ein paar Könige
oder Großherzöge mehr oder weniger nicht an. Etwas
von dieser Kunst Napoleons hatte sich wohl unbewußt
auch auf die gegen ihn verbündeten Mächte über—
hragen, als sie nach ruhmreicher Beendigung der Be⸗
freiungskriege im Jahre 1815 zu Wien die Landkarte
feststellten, wie sie nun fortan aussehen sollte. Man
mußte vielen Wünschen und Ansprüchen gerecht werden.