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aAmgewandelt in das „Ich kann nicht“, und der Mangel
an redlichem Willen wird Schwäche und Ohnmacht
genannt. Aber wer Gott in seiner Brust hat und die
Gesetze der ewigen Wahrheit zu seinem Lebensgesetze
gemacht hat, ist frei und stark und braucht sich nicht
selber zu betrüögen.
Aber es kann sich kein Mensch selber wahrhaft
machen; der Geist der Wahrheit muß ihm von oben
geschenkt werden. Den Geist vom Vater, den uns Jesus
Christus senden will, muß uns zur persönlichen Wahr⸗
haftigkeit erziehen und wird uns je mehr und mehr
verklaͤren, daß sein Reden unser Reden, sein Schweigen
unser Schweigen und seine Wahrhaftigkeit die unsere wird.
Mach, o du Geist, du Tröster,
Mein Herz gewiß und neu,
Daß ich, des Herrn Erlöster,
Aus Lieb ihm folgsam sei.
Laß nichts von ihm mich treiben,
stein Glück und keine Not,
Bei Jesu hilf mir bleiben
Vetreu bis in den Tod. Amen.
Die Jamilie Wellborn.
Aus dem Englischen für das „Evangel. Wochenblatt“ bearbeitet
von Pfarrer emer. J. F.
(SFortsetzung.) Machdtuck verboten.)
So standen die Dinge, als die Familie im Früh—
jahr nach Wellbornhaus zurückkehrte. Von allen
Butsangehörigen, insbesondere auch von Pluto freudig
begrüßt, hatten die Kinder sich bald wieder in die
gewohnten Verhältnisse eingelebt und ihre früheren
Beschäftigungen und Spiele aufgenommen. Allein
bald zeigte sich, daß ein anderer Geist in den vor
kaum einem Jahre so glücklichen Kreis eingekehrt war
An Stelle der früheren Unbefangenheit im häuslichen
Leben war ein gewisse Scheu und Zurückhaltung ge—⸗
treten, an Stelle des Frohsinns und frischen Mutes
ein scheues gedrücktes Wesen; ein jeder hatte das
Gefühl wie von nahendem Unheil, aber niemand wagte
seine Sorgen und Befürchtungen offen auszusprechen.
Die Dienstboten waren entsetzt, als sie hörten, daß ihr
Herr mit dem Gedanken umgehe, katholisch zu werden,
und der treuen Marie wollte schier das Herz brechen,
daß die Kinder, welche sie auf ihren Armen getragen
und mit so viel Liebe und Aufopferung erzogen hatte,
Befahr liefen, dem Glauben der Vaͤter entfremdet
zu werden.
Nach einigen Monaten hörte man, daß Dr. Morrison
seinen Uebertritt zur katholischen Kirche vollzogen hatte;
bald darauf ging Herr Wellborn auf Reisen und als
er zurückkam, war er in Rom gewesen und hatte dem
Beispiel seines Freundes folgend den katholischen
GBlauben angenommen. Von da an machte er kein
Hehl daraus, daß es seine Absicht sei, auch seine
Kinder jener Kirche zuzuführen.
Schon während des Aufenthalts in London hatte
er sehr zur Beunruhigung seiner Gattin die Zwillinge
oöfter zu den Gottesdiensten Herrn Morrisons mit—
genommen; nun nahm er häufig Veranlafssung, den⸗
selben gegenüber das Gespräch auf Geschichte, Wesen,
Ruhm und Vorzüge der römischen Kirche zu bringen
und allmälig in den jugendlichen Herzen den Ge—
danken zu erwecken, als sei jene die von Christo ge—
stiftete und allein berechtigt, seinen Namen zu tragen,
demnach auch allein der wahre Hort der Sünden⸗
vergebung und einzige Weg zur Seligkeit.
Es war gewiß ein trauriger Zwiespalt, in welchen
auf diese Weise die kindlichen Gemüter versetzt wurden.
Bisher gewohnt, beiden Eltern mit gleicher Anhäng⸗
lichkeit und unbeschränktem Vertrauen zu begegnen,
sollten sie nun glauben lernen, daß die so innig ge—
zeliebte und verehrte Mutter in Irrtum und Ver—
dammnis wandle. Bisher gewohnt, das Wort Gottes
als das Fundament ihres Glaubens und die Richt⸗
ichnur ihres Wandels zu betrachten, sollten sie sich
nunmehr zu der Annahme bequemen, daß dieses Wort
gefälscht oder irrtümlich verstanden sei. Von dem
erften Lallen ihres Mundes an gelehrt, zu Gott allein
als dem Erhörer ihres kindlichen Flehens, als dem
Erretter und Helfer in allen Nöten aufzuschauen,
und Jesum Christum zu verehren als den alleinigen
Mittler zwischen Gott und Menschen, sollten sie fortan
Maria und die Menge der Heiligen ansehen als die
Fürsprecher und Thürhüter, durch welche man allein
zu Gott kommen koönne.
Aber — wird man fragen — waren sie denn so
allein und verlassen? War niemand da, der ihnen
Rat erteilte, niemand, der in diesem Kampf und
Zwiespalt ihnen zur Seite stand? Ach, Frau Well⸗
born brach das Herz über der Not der Kinder. Sie
hätte ihr Leben dahin gegeben für den Frieden und
das Glück der ihr Anvertrauten; aber was sollte sie
hun? Sie hatte ihre warnende Stimme erhoben zur
Zeit, als ihr Gatte sich noch sicher dünkte; sie hatte
es an ernsten Vorstellungen nicht fehlen lassen und
war bemüht gewesen, seine Irrtümer zu bekämpfen,
elbst auf die Gefahr hin, sein Mißfallen zu erregen.
Den Vater hatte sie unter Thränen angefleht, den
Frieden und die Seelenruhe seiner Kinder nicht stören
zu wollen; ja die Erinnerung an ihre verklärte Vor⸗
zängerin, welche sterbend ihm die Kinder an das
Herz gelegt, hatte sie wachgerufen, — weiter glaubte
sie nicht gehen zu dürfen. Sie erwog, daß sie nicht
die Mutter der Kinder war und nicht die Rechte einer
solchen in Anspruch nehmen durfte; und wenn es so
zewesen wäre, sie würde nicht das Wort der heiligen
Schrift vergessen haben, daß der Mann des Weibes
daupt ist und daß sie gelobt, ihm unterthan zu sein.
Sie war fest überzeugt, daß ein Christ niemals das
Unrecht thun dürfe, auch wenn er dabei einen guten
Zweck im Auge habe, und so blieb ihr nichts übrig,
als das Geschick der geliebten Kinder der Liebe und
Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen und diese selbst
auf ihn als die einzige Quelle des Trostes und der
Erleuchtung hinzuweisen.
Gleicherweise war es auch mit Onkel Willy. Auch
er hatte mit dem verblendeten Schwager manchen
Kampf bestanden; aber bald kam es dahin, daß derselbe
sich sein Eingreifen verbat. Der englische Mann ist
ja mehr wie jeder andere auf sein Recht als Hausherr
eifersüchtig, und Herr Wellborn entschloß sich um so
lieber, diese Eigenschaft herauszukehren, da er wohl
jah, daß er im theoretischen Zweikampf dem gelehrten
und bibelkundigen Schwager nicht gewachsen war.
Dieser aber glaubte, von da ab eine weise Zurück-
haltung beobachten zu müssen, denn es ist nicht Sache
des evangelischen Geistlichen, bei Familienzwistigkeiten
den einen Teil im Rücken des andern zu stützen und
aufzureizen.
Einen tapferen Verbündeten jedoch hatten die
Bedrängten — dies war Fräulein Frank. Sie war