Full text: Evangelisches Wochenblatt (28.1901)

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aAmgewandelt in das „Ich kann nicht“, und der Mangel 
an redlichem Willen wird Schwäche und Ohnmacht 
genannt. Aber wer Gott in seiner Brust hat und die 
Gesetze der ewigen Wahrheit zu seinem Lebensgesetze 
gemacht hat, ist frei und stark und braucht sich nicht 
selber zu betrüögen. 
Aber es kann sich kein Mensch selber wahrhaft 
machen; der Geist der Wahrheit muß ihm von oben 
geschenkt werden. Den Geist vom Vater, den uns Jesus 
Christus senden will, muß uns zur persönlichen Wahr⸗ 
haftigkeit erziehen und wird uns je mehr und mehr 
verklaͤren, daß sein Reden unser Reden, sein Schweigen 
unser Schweigen und seine Wahrhaftigkeit die unsere wird. 
Mach, o du Geist, du Tröster, 
Mein Herz gewiß und neu, 
Daß ich, des Herrn Erlöster, 
Aus Lieb ihm folgsam sei. 
Laß nichts von ihm mich treiben, 
stein Glück und keine Not, 
Bei Jesu hilf mir bleiben 
Vetreu bis in den Tod. Amen. 
Die Jamilie Wellborn. 
Aus dem Englischen für das „Evangel. Wochenblatt“ bearbeitet 
von Pfarrer emer. J. F. 
(SFortsetzung.) Machdtuck verboten.) 
So standen die Dinge, als die Familie im Früh— 
jahr nach Wellbornhaus zurückkehrte. Von allen 
Butsangehörigen, insbesondere auch von Pluto freudig 
begrüßt, hatten die Kinder sich bald wieder in die 
gewohnten Verhältnisse eingelebt und ihre früheren 
Beschäftigungen und Spiele aufgenommen. Allein 
bald zeigte sich, daß ein anderer Geist in den vor 
kaum einem Jahre so glücklichen Kreis eingekehrt war 
An Stelle der früheren Unbefangenheit im häuslichen 
Leben war ein gewisse Scheu und Zurückhaltung ge—⸗ 
treten, an Stelle des Frohsinns und frischen Mutes 
ein scheues gedrücktes Wesen; ein jeder hatte das 
Gefühl wie von nahendem Unheil, aber niemand wagte 
seine Sorgen und Befürchtungen offen auszusprechen. 
Die Dienstboten waren entsetzt, als sie hörten, daß ihr 
Herr mit dem Gedanken umgehe, katholisch zu werden, 
und der treuen Marie wollte schier das Herz brechen, 
daß die Kinder, welche sie auf ihren Armen getragen 
und mit so viel Liebe und Aufopferung erzogen hatte, 
Befahr liefen, dem Glauben der Vaͤter entfremdet 
zu werden. 
Nach einigen Monaten hörte man, daß Dr. Morrison 
seinen Uebertritt zur katholischen Kirche vollzogen hatte; 
bald darauf ging Herr Wellborn auf Reisen und als 
er zurückkam, war er in Rom gewesen und hatte dem 
Beispiel seines Freundes folgend den katholischen 
GBlauben angenommen. Von da an machte er kein 
Hehl daraus, daß es seine Absicht sei, auch seine 
Kinder jener Kirche zuzuführen. 
Schon während des Aufenthalts in London hatte 
er sehr zur Beunruhigung seiner Gattin die Zwillinge 
oöfter zu den Gottesdiensten Herrn Morrisons mit— 
genommen; nun nahm er häufig Veranlafssung, den⸗ 
selben gegenüber das Gespräch auf Geschichte, Wesen, 
Ruhm und Vorzüge der römischen Kirche zu bringen 
und allmälig in den jugendlichen Herzen den Ge— 
danken zu erwecken, als sei jene die von Christo ge— 
stiftete und allein berechtigt, seinen Namen zu tragen, 
demnach auch allein der wahre Hort der Sünden⸗ 
vergebung und einzige Weg zur Seligkeit. 
Es war gewiß ein trauriger Zwiespalt, in welchen 
auf diese Weise die kindlichen Gemüter versetzt wurden. 
Bisher gewohnt, beiden Eltern mit gleicher Anhäng⸗ 
lichkeit und unbeschränktem Vertrauen zu begegnen, 
sollten sie nun glauben lernen, daß die so innig ge— 
zeliebte und verehrte Mutter in Irrtum und Ver— 
dammnis wandle. Bisher gewohnt, das Wort Gottes 
als das Fundament ihres Glaubens und die Richt⸗ 
ichnur ihres Wandels zu betrachten, sollten sie sich 
nunmehr zu der Annahme bequemen, daß dieses Wort 
gefälscht oder irrtümlich verstanden sei. Von dem 
erften Lallen ihres Mundes an gelehrt, zu Gott allein 
als dem Erhörer ihres kindlichen Flehens, als dem 
Erretter und Helfer in allen Nöten aufzuschauen, 
und Jesum Christum zu verehren als den alleinigen 
Mittler zwischen Gott und Menschen, sollten sie fortan 
Maria und die Menge der Heiligen ansehen als die 
Fürsprecher und Thürhüter, durch welche man allein 
zu Gott kommen koönne. 
Aber — wird man fragen — waren sie denn so 
allein und verlassen? War niemand da, der ihnen 
Rat erteilte, niemand, der in diesem Kampf und 
Zwiespalt ihnen zur Seite stand? Ach, Frau Well⸗ 
born brach das Herz über der Not der Kinder. Sie 
hätte ihr Leben dahin gegeben für den Frieden und 
das Glück der ihr Anvertrauten; aber was sollte sie 
hun? Sie hatte ihre warnende Stimme erhoben zur 
Zeit, als ihr Gatte sich noch sicher dünkte; sie hatte 
es an ernsten Vorstellungen nicht fehlen lassen und 
war bemüht gewesen, seine Irrtümer zu bekämpfen, 
elbst auf die Gefahr hin, sein Mißfallen zu erregen. 
Den Vater hatte sie unter Thränen angefleht, den 
Frieden und die Seelenruhe seiner Kinder nicht stören 
zu wollen; ja die Erinnerung an ihre verklärte Vor⸗ 
zängerin, welche sterbend ihm die Kinder an das 
Herz gelegt, hatte sie wachgerufen, — weiter glaubte 
sie nicht gehen zu dürfen. Sie erwog, daß sie nicht 
die Mutter der Kinder war und nicht die Rechte einer 
solchen in Anspruch nehmen durfte; und wenn es so 
zewesen wäre, sie würde nicht das Wort der heiligen 
Schrift vergessen haben, daß der Mann des Weibes 
daupt ist und daß sie gelobt, ihm unterthan zu sein. 
Sie war fest überzeugt, daß ein Christ niemals das 
Unrecht thun dürfe, auch wenn er dabei einen guten 
Zweck im Auge habe, und so blieb ihr nichts übrig, 
als das Geschick der geliebten Kinder der Liebe und 
Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen und diese selbst 
auf ihn als die einzige Quelle des Trostes und der 
Erleuchtung hinzuweisen. 
Gleicherweise war es auch mit Onkel Willy. Auch 
er hatte mit dem verblendeten Schwager manchen 
Kampf bestanden; aber bald kam es dahin, daß derselbe 
sich sein Eingreifen verbat. Der englische Mann ist 
ja mehr wie jeder andere auf sein Recht als Hausherr 
eifersüchtig, und Herr Wellborn entschloß sich um so 
lieber, diese Eigenschaft herauszukehren, da er wohl 
jah, daß er im theoretischen Zweikampf dem gelehrten 
und bibelkundigen Schwager nicht gewachsen war. 
Dieser aber glaubte, von da ab eine weise Zurück- 
haltung beobachten zu müssen, denn es ist nicht Sache 
des evangelischen Geistlichen, bei Familienzwistigkeiten 
den einen Teil im Rücken des andern zu stützen und 
aufzureizen. 
Einen tapferen Verbündeten jedoch hatten die 
Bedrängten — dies war Fräulein Frank. Sie war
	        
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