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Ressorts an sich gerissen, die irgend elne politische Einfluß—
nahme auf die Bepzlkerung zuließen. Es besteht die Gefaht,
daß bei der Abrede, die zwischen Briand und Chamberlain
in der Saarfrage stattgefunden hat, dem französischen
Saarregierungsmitglied ein großer Teil jener Ressorts vor—⸗
behalten worden ist, die bisher Herr Rault verwaltete.
Man wird sicher hierfür die Begründung angeführt haben,
daß Herr Morize als Generalsekretär der Saarregierung
und rechte Hand des Herrn Rault diese Ressorts besonders
zut beherrscht. Es ist leider zu befürchten, daß Herr
Stephens sich in London Chamberlain gegenüber hat ver—
pflichten müssen, dem französischen Wunsch nachzukommen,
so daß er zu seinem Finanzressort vielleicht nur noch einige
geringere übernimmt, während der Hauptteil der Ver—
waltungsarbeit des Herrn Rault Herrn Morize übertragen
wird. An der Regelung dieser Frage wird
man bereits erkennen, ob Serr Stephens
seine Präsidentenaufgaben nach fréiem
unbeeinflußtem Ermessen oder auf Grund
von Instruktionen, die er von SHerrn
Chamberlain erhalten hat, erfüllen will.
Unsere Ausführungen zur Wahl des Herrn Stephens
als Saarpräsidenten sind vielleicht nicht so gehalten, daß sie
als Begrüßungsworte für Herrn Stephens angesehen
werden. Das wird man uns nachsehen müssen. Wir haben
in den sechs Jahren Raultscher Saarverwaltung zu bittere
Erfahrungen machen müssen, als daß wir auf Grund der
Neugestaltung der Personalverhältnisse in der Saarregierung
uns sofort zu einem rosenroten Optimismus bekennen
könnten. Wir bringen Herrn Stephens alles Vertrauen
entgegen. und erhoffen von ihm, daß er, wie sein Lands⸗
mann Waugh sich als freier Kanadier trotz der Raultschen
Schule sein Rechtsempfinden und seinen Rechts«
willen bewahrt hat. Es ist gewiß schon ein Fortschritt.
daß der neue Präsident sich mit der Bevölkerung, deren
Wohlfahrt und Rechte er sichern soll, in ihrer Muttersprache
derständigen konn. Er hat bei den Gelegenheiten, die ihm
herr Rault zur Unterhaltung mit der Landesbebölkerung
ließ, bewiesen, daß er sehr wohl weiß, wo ihr der Schuh
drückt. Herr Stephens ist sich völlig klar dar ar, daß er
es mit einer Bevsölkerung zu tun hat, die stolz und treu zu
ihrem Deutschtum und zu ihrem deutschen Vaterlande steht.
Daß er als Land- und Volksfremder ihr als Verwaltungs-
agan des Völkerbundes vorgesetzt wurde, ist nicht seine
Schuld, wie auch Herr Stephens nichts mit dem Zustande
kommen des Sagarstatuts zu tun hät. Gerade weil
ihm dieses Statut weitgehende Rechte zu—
gestanden hat, gerade des halb wird es bei
ihm liegen, welchen Gebrauch er von diesen
Rechten machen wird. Ihm ist es in die Handge—
geben, den Völkerbundsgedanken im Saargebiet neu zu
tärken und den Beweis dafür zu erbringen, daß der Völker—
bund nicht eine Organisation der Siegerftaaten sein will
und sein soll, sondern eine Völkerorganisation zur Sicherung
des Friedens, zur Förderung der Versöhnung, zum Schutze
des Rechts.
Run, Serr Stephens, Ihr Weg ist frei,
Sie können dem Frieden, der Versöhnung
und der Gerechtigkeit dienen. Ihre Schuld
müßte es sein, wenn die Bevölkerung an
Ihnen eine gleiche Enttäuschung erlebte
wie an Herrn Rault. Beweisen Sie, wes
Geistes Kind der Völkerbund ist!
Der Präsßtdentschaftswechsel an der Saar.
Die „neue“ Saarregierung.
Won unserem Saarlouiser R.⸗T.Mitarbeiter)
Der Rat des Völkerbundes hat in seiner Sitzung vom 18. März
u. a. auch die auf der Tagesordnung stehenden Saarfragen be—
handelt und dabei die erwartete Ernennung des Herrn Ste—
phens zum Präsidenten der Regierungskommission des
Saargebietes vorgenommen. Als französisches Mitglied wurde der
bisherige Generalsekretär des ausscheidenden Präsidenten Rault,
Morize, ernannt. Die übrigen drei Milglieder sind
wiedergewählt worden, so daß sich die Regierungskom—
nission folgendermaßen zusammenjetzt:
Präsident: Stephens-Kanada,
Minister: Mori ze⸗Frankreich,
* Koßmann-Saargebiet,
Lambert⸗Belgien,
Vezensky⸗Tschechoslowakei.
Bei der genaueren Betrachtung der Zusammensetzung der
jetzigen Regierungskommission zeigt sich, daß eine grund—
legende Aenderungnicht vorllegt. Wesentlich ist nur,
daß Frankreich nicht mehrt den Präsidenten stellt. Offenbar war
aber der Rat des Völkerbundes bestrebt, den Franzosen den
Wechsel in der Präsidentschaft so erträglich wie möglich zu machen
Nicht zuletzt aus diesem Grunde wurde wohl Herr Morize, der
nebenbei bemerkt ein Neffe des ausscheidenden Prä—
sidenten Rault und ein besonders scharfer Ver—
treterderfranzösischen Saarpläne ist, in die Regie—
rungskommission gewählt. Auch die Wiederernennung des Herrn
Vezensky und namentlich des Herrn Lambert entspricht ganz be⸗
stimmt den Wünschen der französischen Regierung. Nach Lage der
Verhältnisse wird Frankreich sich daher in berechtigter Weise auf
keinen Fall über die Umgestaltung der Saarregierung beschweren
önnen. Tatsächlich findet man in der französischen Presse in dieser
Beziehung auch kaum eine Kritik der Genfer Beschlüsse. Dies läͤßl
den Schluß ziehen, daß man in Frankreich damit rechnet, daß die
franzöfischen Saarpläne durch die neue Regie—
rungskommissionsnicht ernstlich gefährdet sind.
Wahrscheinlich wird man die Methode wechseln. An eine Aufgabe
des Zieles aber wird man nicht denken. Auf keinen Fall liegt in⸗
jolgedessen Grund zu der Annahme vor, daß nunmehr alles anders
werde an der Saat.
Gewiß, Herr Stephens kennt die Mißstände und weiß aus
eigener Erfahrung, welch großes Unrecht der Bevölkerung des
Saargebietes durch seinen Vorgänger auf allen Gebieten angetan
worden ist. Wird er eine Aenderung herbeiführen können, wird er
wieder gut machen, was noch gut zu machen möglich ist? An
seinem guten Willen zweifelt man hier durchweg nicht. Herr
Stephens wird von der Bevölkerung ohne Argwohn als Präsident
aufgenommen. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, daß man
nicht überall volles Vertrauen zu seinem Wol—
len undinehrnochzuseinem Könnenhat. Seine Auf—⸗
zabe ist es, durch die Tat zu beweisen, daß er unbedingtes Ver—⸗
trauen verdient. Nicht wenige sind von Sorge darüber erfüllt,
ob Herr Stephens der Mann ist, der sich durchzusetzen versteht.
Leicht wird dies keineswegs sein. Zunächst wird er mit franzö—
sischen Ränkespielen aller Art zu rechnen haben und Herrn Morize
als einen Gegenspieler ansehen müssen, der kaum ernst genug zu
nehmen ist. Als langjähriger Generalsekretär und enger Vertrau—
ter des Herrn Rault kennt er die Verhältnisse an der Saar sehr
zenau. Auch wird er bei dem Zustandekommen vieler Maß—⸗
nahmen, die die Bevölkerung so sehr benachteiligen, keine geringe
Rolle gespielt haben. Dabei ist er sehr klug und ein besonders
ielbewußter Politiker. Ohne Zweifel wird er auch bestrebt sein,
ür Frankreich so viel wie nur möglich zu retten. Hierbei dürfte
er auch kaum allein stehen; denn in der Zusammensetzung der
Regierungskommission hat sich, wie bereits bemerkt, eigentlich
hitter wenig geändert, und es ist daher zu befürchten, daß
ßerr Stephens und das saarländische Mitglied
von den Vertretern Frankreichs, Belgiens und
der Tschechoslowakeizugunsten Frankreichs über—⸗
timmt werden. Daß eine solche Befürchtung leider sehr be—
—D
in dem gegenwärtigen Verhältnis dieser Staaten zu Frankrelch
hegründet.
Hinzu kommt noch, daß Herr Stephens seit Jahren in der
Reglerungskommission sitzt und insbesondere auf dem Gebiete der
Steuerpolitik Wege mitgegangen ist, die unbedingt verlassen wer—
den müssen. Ob es für ihn leicht sein wird, jetzt einen anderen
Kurs einzuschlagen, nachdem er Präsident geworden ist, erscheint
vielen Kennern seiner Person und der Verhältnisse immerhin
zweifelhaft. Wenn er sich durchsetzen will, muß er
bor'atlem den Mutaufbringen, Frankreichs An—
maßungen zurückzuweisen. Das ist er sich selber, seinen