Full text : 2.1938 (0002)

Fritz Braun

Hirschenhof, eine pfälzische Siedlung
in Lettland

Für die Kolonisten, die in den Jahren 17685/66 in Hirschenhof angesiedelt
wurden, hieß das ursprüngliche Auswanderungsziel: Jütland. Oenn so wie der
dänische Staat unter dem Einfluß deutscher Kräfte, die als Handwerker, Kaufleute,
 Fabrikanten, Offiziere, VBerwaltungsbeamte und Hochschulprofessoren zum
größten Teil aus Niederdeutschland gekommen waren, um die Mitte des 18. Jahrhunderts
 einen starken Auftrieb in seinem Wirtschafts- und Geistesleben erfahren
hat, so erwies es sich auch als dringende Notwendigkeit, in den dünn besiedelten
Gebieten Jütlands Bauern anzusetzen, welche die weiten Heideflächen in Nutzland
 verwandeln sollten. Frühere Versuche, dänische Bauern zur Rodung des
Heidelandes zu verwenden, waren fehlgeschlagen und deshalb suchte man ge—
eignetere Kräfte aus Gegenden, in denen die Landwirtschaft gut entwickelt war.
Diese Wege wiesen immer wieder auf die Lande um den Ober- und Mittelrhein.
Legationsrat Moritz in Frankfurt wurde beauftragt Kolonisten zu werben,
was bei den zugestandenen Vorteilen verhältnismäßig leicht war, denn jeder
Kolonist sollte eine Bauernstelle, 20 Jahre Steuerfreiheit und Befreiung vom
Zehnten und vom Militärdienst erhalten. Aus der Pfalz, aus dem Odenwald
und nördlichen Schwarzwald meldeten sich die Kolonisten und da es sich Moritz,
dem es nur darauf ankam, ein möglichst hohes Kopfgeld zu erhalten, sehr einfach
machte und jeden annahm, der sich meldete, so zogen mit den zahlreichen braven
und strebsamen Bauern allerlei Abenteurer vom Sammelort Frankfurt aus nach
Norden, entweder über Hamburg-Schleswig-Holstein, oder über Lübeck und mit
dänischen Schiffen über die Ostsee, nach Frederika.

Die ganze Unternehmung war ein großer Mißerfolg. Unsere Bauern waren
voller Enttäuschungen, denn für die Behandlung des Heidebodens fehlte ihnen
ede Erfahrung, die gegebenen Versprechungen wurden nicht eingehalten und so
konnte sich nur ein Teil unter den größten Entbehrungen behaupten und durchsetzen.
 Viele irrten im Lande umher oder versuchten in die alte Heimat zurückzukehren.
 In der größten Not kam vielen, die sich schon niedergelassen hatten
und auch solchen, die noch auf dem Reiseweg waren, das von der Kaiserin Katha—
rina 11. von Rußland erlassene Manifest zur Besiedlung der Odländer Rußlands
vom 22. Juni 1763 zugute, das noch im gleichen Jahre den russischen Gesandten
an den europäischen und besonders an den deutschen Höfen zugeleitet wurde.
Freie Wahl der Niederlassung, freie Berufswahl, freie innere Verwaltung, Be—
freiung von Steuern und sonstigen Abgaben für die Oauer von 30 Jahren, vorschußweise
 zinslose Ausstattung mit Handwerkszeug und Einrichtungsgeräten
sowie Saatgut, freie Religionsübung, Befreiung vom Militärdienst fah dieses
Manifest vor und es hieß ausdrücklich, daß es nicht nur auf die Einwanderer,
sondern auch auf deren Nachkommen angewendet werde. Da änderten auch die
für Dänemark bestimmten Auswanderer ihren Kurs, viele traten den Weg zu
ihren Stammesbrüdern nach Südrußland an, ein Teil aber folgte der Einladung
            
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